Thierry Escaich ist kein Mann der Avantgarde. Der 1965 geborene französische Organist und Komponist schreibt eine farbige, in raffiniert erweiterter Tonalität angelegte Musik von hohem Klangreiz. Das gilt auch für das Bratschenkonzert „La Nuit des Chants“ („Die Nacht der Gesänge“), das er 2018 für seinen Landsmann Antoine Tamestit komponiert hat. Dabei ließ sich Escaich von einem Ritual der Navajo anregen, das vor allem in tönenden Naturszenen greifbar wird – Sonnenuntergang, Bilder im Sand, ein Wirbelsturm auf den Bergen.
Mit dem Widmungsträger an der Bratsche und in Anwesenheit des Komponisten war das knapp halbstündige Werk nun beim Abokonzert des WDR‑Sinfonieorchesters zu erleben. Da war schon einiges los: eine nervöse Ereignisdichte, heftige Schlagzeug-Eruptionen, gleißendes Licht im Bläsersatz. All das saß Antoine Tamestit mächtig im Nacken, zumal die Bratsche dem orchestralen Aktionismus nicht die kernige Klangprojektion und Höhenschärfe der Geige entgegenzusetzen hat. Sie ist mittellagig orientiert, strahlt eher matt ab und wird in der Höhe eng.
Seltsam, dass Iveta Apkalna auf dem Titel des Programmheftes stand
Aber Antoine Tamestit ist nicht nur ein großartiger, mit allen technischen Wassern gewaschener Instrumentalist, er ist auch ein wirkungssicherer Musikdarsteller, der sein Publikum in jedem Moment fest in der Hand hat. So gelang es ihm über weite Strecken dennoch, dem Solopart Plastizität und virtuosen Glanz abzugewinnen – mehr vielleicht, als das Stück eigentlich hergibt.
Wie Thierry Escaich kommt auch der französische Romantiker Camille Saint-Saëns von der Orgel her, der er mit seiner dritten Sinfonie eine monumentale Huldigung dargebracht hat. Das Instrument ist hier vor allem Farbe und Klangeffekt, es trägt kaum etwas Substanzielles bei – weshalb es auch einigermaßen verwunderte, dass die Organistin Iveta Apkalna, nicht aber der Bratscher Antoine Tamestit auf dem Titel des Programmheftes erschien.
Bei der „Orgelsinfonie“ fesselte besonders der innere Drang der Interpretation, die starke Zugkraft, mit der die neue Chefdirigentin Marie Jacquot das berühmte Stück musizieren ließ. Ihr großzügig raffender, gelegentlich auch etwas eilig vorangehender Dirigierstil machte es dem Orchester keineswegs leichter, die heiklen, auftaktig angelegten Repetitionen im Kopfsatz-Allegro akkurat auszuführen – die Streicher bekamen das deutlich besser hin als die Holzbläser. Ganz wunderbar gelang das zentrale Adagio, bei dem sich die diskret wummernde Orgel cheek-to-cheek mit der seidigen Melodie im Orchester verband.
Ein markantes Gegengewicht zum französischen Katholizismus bot die „Tannhäuser“-Ouvertüre des sächsischen Protestanten Richard Wagner, die Marie Jacquot und ihre Musiker zu Beginn des Konzerts angemessen brodeln und brausen ließen. Dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Pilgerchor-Episode ein Scheinwerfer knallend explodierte, war der Weihestimmung natürlich nicht sehr zuträglich.

