Es gibt Gitarrensoli, die sich einigermaßen beschreiben lassen. Und es gibt Joe Bonamassas Soli. Wenn der amerikanische Bluesrock-Gitarrist eine Saite anschlägt, den Ton in die Länge zieht, ihn zum Zittern bringt und schließlich in eine neue Melodie überführt, stoßen Begriffe wie Virtuosität oder technische Brillanz schnell an ihre Grenzen.
Mal scheint seine Gitarre zu singen, mal zu klagen, dann wieder regelrecht aufzuschreien. Das alles geschieht mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass man mit dem Kopf schütteln muss, weil man beinahe vergisst, wie viel Präzision und musikalische Erfahrung hinter jedem einzelnen Ton stecken. Am Donnerstagabend war im Forum Leverkusen eindrucksvoll zu erleben, warum Bonamassa zu den bedeutendsten Gitarristen des modernen Bluesrock zählt. Gemeinsam mit der WDR Big Band gestaltete er unter dem Titel „A Magic Night“ einen außergewöhnlichen Auftakt der Jazztage.
Dass die Begegnung auf enormes Interesse stoßen würde, zeigte sich schon vor Konzertbeginn. Eine lange Schlange hatte sich vor dem Forum gebildet, der Saal war schließlich bis auf den letzten Platz besetzt. Ermöglicht wurde der kostenlose Konzertabend durch das Engagement der Leverkusener Jazztage und die Unterstützung zahlreicher Sponsoren. Begrüßt wurden die Besucher von Frank Lauber, dem Manager der WDR Big Band. Anschließend übernahm die Musik das Wort. Am Dirigentenpult stand Jochen Neuffer. Schon bald wurde deutlich, dass hier keineswegs ein Rockgitarrist auftrat, dem man zur klanglichen Ausschmückung ein paar zusätzliche Bläser zur Seite gestellt hatte. Vielmehr trafen zwei musikalische Welten aufeinander, die sich in ihren Ausdrucksmöglichkeiten nahekommen.
Ein fulminanter Auftakt der 47. Leverkusener Jazztage
Bonamassas Spiel lebt keineswegs allein von Geschwindigkeit, obwohl seine blitzschnellen Tonfolgen regelmäßig staunen lassen. Seine eigentliche Meisterschaft liegt in der Gestaltung des einzelnen Tons. Mit sogenannten Bendings zieht er die Gitarrensaite und verändert dadurch die Tonhöhe. Er weiß auch, wann er eine Pause setzen muss. Auf eine geradezu entfesselte Folge virtuoser Läufe kann ein einziger, beinahe zerbrechlich wirkender Ton folgen. Darin zeigt sich seine tiefe Verwurzelung im Blues, dessen musikalische Sprache weniger von der Anzahl gespielter Noten als von Phrasierung, Ausdruck und dem Wechsel zwischen Spannung und Entspannung lebt. Und dann kommt noch die beinahe aggressive Klangästhetik des Rocks dazu.

Jochen Neuffer dirigierte die WDR Big Band.
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Er lässt das Instrument aber nicht bloß laut werden, sondern verleiht ihm unterschiedliche Charakterzüge. Dass hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit ein ausgeprägter Perfektionismus steckt, zeigte sich bei „So Many Roads, So Many Trains“, dem Bluesklassiker von Otis Rush. Das Stück wurde später noch einmal aufgegriffen. Mit einem knappen „Edit“ und einer wenig druckreifen Bemerkung darüber, dass es diesmal ohne Patzer funktionieren solle, kündigte Bonamassa die Wiederholung an. Die Ansprüche an die eigene musikalische Präzision sind offenbar hoch.
Karolina Strassmayer und Joe Bonamassa liefern sich einen grandiosen musikalischen Dialog
Eindrucksvoll gerieten die musikalischen Dialoge mit den Solisten der WDR Big Band, allen voran mit der Saxofonistin Karolina Strassmayer. Und doch können beide erstaunlich ähnlich „sprechen“. Strassmayer entwickelte melodische Linien, die Bonamassa aufgriff, kommentierte oder mit einer eigenen Wendung beantwortete. Gerade in diesen Momenten wurde die enge Verwandtschaft von Blues und Jazz unmittelbar hörbar. Überhaupt geriet der Abend deutlich rockiger, als es die Ankündigung einer Zusammenarbeit mit einer Jazz-Big-Band zunächst erwarten ließ. Bonamassas E-Gitarre war enorm laut und über weite Strecken das dominante Instrument.
Wie außergewöhnlich Bonamassa selbst diese Zusammenarbeit empfand, machte er mit einem ausdrücklichen Lob für Jochen Neuffer deutlich. Er habe bei seinen zahlreichen Crossover-Projekten rund um die Welt bereits vieles erlebt, die Qualität der Bläserarrangements dieses Abends aber sei für ihn die beste. Für die rhythmische Grundlage sorgten mit Kumpel Will Lee am E-Bass und Steve Ferrone am Schlagzeug zwei erfahrene Musiker. Bonamassas virtuose Gitarrenkunst allein hätte das Publikum zweifellos schon begeistert. Die eigentliche Qualität dieser Premiere lag jedoch darin, dass die WDR Big Band dem Weltstar nicht einfach folgte, sondern ihm immer wieder etwas Eigenes entgegensetzte.


