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Kürzungen beim WDR„Ein großer Einschnitt ist immer mit Verlust verbunden“

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Andrea Schafarzcyk und Ingmar Cario

Andrea Schafarzcyk und Ingmar Cario

Das neue Programmdirektoren-Duo des WDR, Andrea Schafarczyk und Ingmar Cario, über die geplanten Kürzungen.

Der WDR hat im Frühjahr kommuniziert, dass er seine Programme von 600 auf 300 Angebote bis 2030 reduzieren will. Nun haben Sie bekannt gegeben, in einem ersten Schritt 76 Inhalte bis Ende nächsten Jahres zu streichen. Jetzt geht das große Sparen also los?

Ingmar Cario: Wir müssen sparen, vor allem aber müssen wir Ressourcen aus dem linearen Programm gewinnen, mit denen wir dann neue digitale Angebote schaffen können. Die 76 Angebote sind der Auftakt und eine deutliche Reduktion im ersten Schritt. Parallel sind wir schon dabei, neue Angebote für die Menschen in NRW zu entwickeln. Wir werden also schlanker, um im Digitalen sinnvoll wachsen zu können. Wir müssen uns dafür auch von Angeboten trennen, die uns am Herzen liegen. Sonst bekommen wir keine Freiräume, um die Angebote zu schaffen, mit denen wir neue und auch jüngere Zielgruppen erreichen.

Andrea Schafarcyzk: Darunter sind programmbegleitende Angebote bei Instagram oder Facebook, Newsletter oder Gesundheitsformate. Letzteres ist ein Feld, in dem der NDR stark engagiert ist und wir Dopplungen vermeiden wollen. Aber es geht – wie Ingmar sagte – darum, Raum für Neues zu schaffen. Denn die Menschen sagen uns in Befragungen, dass sie uns wichtig finden. Gleichzeitig sehen wir, dass wir vor allem jüngere Menschen mit ihren Bedürfnissen noch nicht genug erreichen.

Dass der WDR sparen muss, ist klar. Aber ist das Programm wirklich der geeignete Baustein?

Cario: Uns als Programmverantwortlichen ist es natürlich wichtig, dass die erforderlichen Umschichtungen ins Digitale und auch nötige Einsparungen nicht das Programm allein schultern muss. Wir müssen überall Veränderungen vornehmen, denn unsere Kosten steigen inflationsbedingt deutlich schneller als unsere Einnahmen. Wir reduzieren zum Beispiel unsere Büro- und Produktionsflächen deutlich und setzen in der ARD im Bereich der Verwaltung auf sogenannte Shared-Service-Lösungen, also ein Sender übernimmt Aufgaben für alle. Das erklärte Ziel von uns ist, darüber 20 Prozent der Ressourcen einzusparen. Was wir hier einsparen, wollen wir in Technik und neue digitale Angebote investieren. Dabei spielt auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine wichtige Rolle.

Warum sparen Sie vor allem am linearen Programm?

Schafarcyzk: Die Zahl der Zuschauer hat sich stark reduziert. Und die Nutzung hängt zusammen mit dem Alter. Bei der „Lokalzeit“, die unsere erfolgreichste Sendung ist und hoffentlich auch bleibt, sieht man das gut: Vor zehn Jahren war unser Marktanteil mit 23,4 Prozent geringer als heute, da liegen wir bei fast 30 Prozent. Aber damals haben absolut gesehen mehr Menschen die „Lokalzeit“ geschaut: über 1,3 Millionen waren es 2016. Heute sind es fast 200.000 weniger. Auf den gesamten WDR bezogen wird es noch deutlicher: Vor zehn Jahren lag die tägliche Reichweite des WDR Fernsehens in NRW bei rund vier Millionen Menschen, jetzt liegt sie deutlich unter drei Millionen. Auch im Radio nimmt die lineare Nutzung ab, aber langsamer.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Schafarcyzk: Wir wollen die Fernseh-„Lokalzeit“ natürlich weiterführen. Aber wir verändern unsere Herangehensweise an Themen und die Produktion. Für unsere regionale Berichterstattung heißt das: Wir wollen künftig vor allem selbstgesetzte und -recherchierte Themen umsetzen, die nicht vom Fernsehen her gedacht sind, sondern besonders im Netz, auf wdr.de, unserer WDR-App und bei Social Media ihr Publikum erreichen. Das ist eine Umkehr in der Produktion. Und wir werden auch in Kauf nehmen, dass die Geschichten nicht mehr so perfekt produziert sind fürs Fernsehen. Unsere Vision: Wir wollen die digitale Heimat für alle Menschen im Westen sein.

Und wir werden auch in Kauf nehmen, dass die Geschichten nicht mehr so perfekt produziert sind fürs Fernsehen
Andrea Schafarcyzk

Wie sind Sie bei der Auswahl der Streichangebote vorgegangen?

Cario: Wir haben nach klaren Kriterien entschieden. Unter anderem haben wir geschaut, was wir machen und was andere in der ARD. Was andere erfolgreicher können, müssen wir nicht mehr machen. Da zum Beispiel der NDR den Schwerpunkt Gesundheit in der ARD verantwortet, müssen wir nicht im großen Umfang eigene Gesundheitsangebote machen.

Was heißt das konkret?

Cario: Wir werden alle begleitenden Angebote rund um „Doc Esser“ lassen – die Website, die Facebook-Gruppe. Wir werden Podcasts wie „Lisas Paarschitt“ und „Einfach Fußball" mit Sven Pistor aufgeben. Dann gibt es Angebote, bei denen wir uns fokussieren müssen. Zum Beispiel den Instagram-Kanal „WDR Jeck“ rund um Karneval – einen eigenen Kanal brauchen wir dafür nicht. Wir wollen die Karnevalsinhalte vielmehr in unseren reichweitenstarken Kanälen präsentieren. Ziel ist es, die Inhalte dort anzubieten, wo das Publikum sie zunehmend nutzt. Die Fernsehsendung „Hier und heute" wird es in der bisherigen Form nicht mehr geben. Die Redaktionen von „Hier und heute“ und „Servicezeit“ entwickeln aber stattdessen gerade ein neues gemeinsames Format, das künftig um 17 Uhr starten wird. So schaffen wir freie Ressourcen – auch im Produktionsbereich. Auch den Instagram-Kanal zu den Dokus von „Erlebnis Erde“ werden wir einstellen – wir fokussieren uns auf die Dokus selbst und hier besonders auf die ARD Mediathek.

Welche Folgen hat das?

Cario: In der Konsequenz heißt das, dass wir die Doku-Plätze im WDR Fernsehen nicht fortführen – das betrifft „Menschen hautnah“, „Erlebnis Erde“ und auch „WDR Story“. Wir hatten vor sechs, sieben Jahren noch über 20 bis 25 Dokus, die wir jeweils für Sendeplätze im Dritten produziert haben. Seitdem haben wir die Mittel sukzessive in Richtung Mediathek verlagert. Für nächstes Jahr haben wir nur rund 15 Erstausstrahlungen von Dokus im WDR Fernsehen vorgesehen. Die Ressourcen setzen wir ein, um in der Mediathek mehr und stärkere Angebote zu machen. Wir suchen auch stärker als in der Vergangenheit Stoffe, die für jüngere Menschen erzählt sind. Dies betrifft nicht nur Dokus, sondern gleichermaßen auch fiktionale und unterhaltende Angebote.

Sie wollen sich im linearen Programm nur noch auf die Zeit von 17 bis 22.15 Uhr konzentrieren. Warum?

Cario: Das ist die Zeit, in der eine relevante Menge an Menschen in NRW noch im Fernsehmarkt unterwegs ist. Wir werden nur noch wenige Angebote außerhalb dieser Primetime fortführen. Gleichzeitig haben wir großes Potenzial, im Digitalen stärker zu werden.

Wir werden nur noch wenige Angebote außerhalb dieser Primetime fortführen. Gleichzeitig haben wir großes Potenzial, im Digitalen stärker zu werden
Ingmar Cario

Welche Entscheidung schmerzt am meisten?

Schafarcyzk: „Frau tv“ sticht sicherlich heraus. Vor zehn Jahren hatten wir noch rund 320.000 Zuschauerinnen und Zuschauer pro Sendung, jetzt sind es noch gut 100.000, davon wiederum nur ein kleiner Teil unter 50. Trotzdem haben wir uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die dort behandelten Themen sind uns sehr wichtig. Deshalb arbeiten wir an Formaten, um im Digitalen die Menschen mit diesen Themen zu erreichen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass die Nutzungssituation dort anders ist: In der Mediathek werden zum Beispiel Magazine eher wenig genutzt und dafür stärker Angebote zu einem spezifischen Thema. Da passen Dokus oder Reportagen besser, und deshalb bieten wir demnächst eine Doku mit Sabine Heinrich zum Thema „Wechseljahre“ an und das Empowerment-Format „Vibes“ mit Motsi Mabuse.

Wenn ich eine Kölner Produzentin für Dokus wäre – wie groß müssten die Sorgen sein, die ich mir mache?

Cario: Wir haben nicht vor, hier Etats zu reduzieren. Mein Anspruch ist, dass wir im Doku-Bereich, für den ich in der ARD als Koordinator verantwortlich bin, auch besonders stark sind. Das heißt, dass wir auch mehr Mittel in herausragende Produktionen geben. Wenn man eine Doku besser ausstatten kann, wird sie in der Regel auch besser. Wir werden auch weniger Dokus in Eigenproduktion herstellen und so mehr Aufträge an Produzenten vergeben. Ich sage den Produktionsfirmen aber auch: Wenn der Rundfunkbeitrag nicht steigen wird, führt der Weg zu angemessen ausgestatteten Produktionen mit mehr Schlagkraft nur über eine Reduktion der Mengen. Wir können bei einem nicht steigenden Beitrag nicht mit demselben Geld alles genauso weitermachen und erwarten, dass es besser wird.

Gerade viele ältere Zuschauerinnen und Zuschauer schauen noch lineares TV. Verprellen Sie diese nicht?

Schafarcyzk: Ein großer Einschnitt ist immer mit Verlust verbunden. Das werden wir nicht schönreden. Wir schauen aber, dass wir die Kernzeiten stark halten und dort ein attraktives Programm anbieten, das gilt für Radio wie für Fernsehen. In den Zeiten, wo per se schon weniger Menschen einschalten, verringern wir den Aufwand.

Aber ist dieser starke Fokus auf das Digitale nicht die falsche Botschaft an ein alterndes Publikum?

Cario: Wenn man auf unsere Zahlen schaut, gelingt es uns noch ganz gut, die älteren Zuschauer zu halten. Wo es kippt, und zwar mit totaler Rasanz, sind die 30- bis 50-Jährigen. Die bleiben nicht beim Linearen, die sind in der Mediathek – und leider nicht nur in unserer. Die große Herausforderung ist, dass wir nicht im gleichen Maße digital neue Nutzer gewinnen können, wie wir sie auf linearem Weg verlieren. Aber die älteren Zuschauer sind recht treu, und wir versuchen, dieser Treue vor allem mit unserem Programm in der Kernzeit am Abend gerecht zu werden.

Wie muss ich mir in drei bis fünf Jahren die Zeit außerhalb der Kern-Primetime im WDR Fernsehen vorstellen? Als reine Abspielstation für Wiederholungen?

Cario: Der Anspruch ist, dass wir für die ARD Mediathek Inhalte entwickeln, die aus sich heraus so überzeugen, dass sie auch das lineare Publikum außerhalb der Primetime gewinnen können. Wir setzen auf Zweitverwertung erfolgreicher Inhalte, Wiederholungen und deutlich mehr Programmaustausch. Trotzdem muss über die Primetime die Grundidentität als Sender von NRW und für NRW erhalten bleiben.

Schafarcyzk: Zum Thema Radio: Am Abend erreichen wir nur etwa zehn Prozent der Menschen, die morgens Radio hören. Deshalb kooperieren wir abends in der ARD. Bei WDR 5 übernehmen wir zum Beispiel ab 20:15 Uhr den ARD Infoabend. Die Hörerinnen und Hörer bekommen damit ein aktuelles informationsorientiertes Programm, keine Wiederholungen. Die Nachrichten kommen weiterhin aus unserem WDR-Newsroom, beziehen sich also auf das Geschehen in NRW.

Wie sieht das aus, wenn Sie vor allem fürs Digitale produzieren werden? Aufmerksamkeitsspannen im Internet sind extrem kurz.

Schafarcyzk: Es kommt darauf an. Menschen suchen in Suchmaschinen z.B. nach Themen wie Menopause oder Endometriose und finden dann bestenfalls eine Doku oder Reportage von uns – und das funktioniert: Es gibt eine Doku vom SWR „Mein Körper, meine Schwangerschaft", die wurde nach sieben Tagen 200.000-mal gesehen. Auch „Hateland“, eine Podcast-Reihe von uns, die keine leichte Kost ist, ist sehr erfolgreich. Es ist also nicht automatisch so, dass nur kurze Inhalte gefragt sind.

Wie schwierig ist es, diese Einsparungen am Programm zu kommunizieren? Den Zuschauern ist ja egal, ob Sie auch in der Verwaltung sparen, das bekommt keiner mit.

Cario: Was wir unserem Publikum schuldig sind, ist eine ehrliche, transparente Kommunikation. Es ist herausfordernd, aber wir müssen erklären, wie es ist: Bei steigenden Preisen durch die Inflation können wir mit demselben Geld nicht dasselbe produzieren. Vor zwei Jahren noch haben unsere Medienforscher gesagt, der Kipppunkt – also der Punkt, an dem mehr Leute nonlinear als linear schauen – sei 2030. Jetzt ist die Botschaft: Der Kipppunkt kommt schon deutlich früher. Gerade in der mittelalten Zielgruppe ist der Wandel so groß. Das erklärt, warum wir den Druck haben, jetzt sehr konsequent zu handeln.

Ein Drittel der durch Verrentung freiwerdenden Stellen bis 2030 werden Sie nicht wiederbesetzen. Rund 400 Stellen werden bis zum Ende des Jahrzehnts frei, heißt also, 133 Stellen werden nicht nachbesetzt. Welche Kolleginnen und Kollegen sind davon besonders betroffen?

Cario: Das betrifft die festen Kolleginnen und Kollegen. Aber auch bei den Aufträgen der freien Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden wir reduzieren müssen. Es wird sehr stark davon abhängen, welche Angebote wir in den nächsten Jahren einstellen. Bis Ende nächsten Jahres werden es schätzungsweise 50 bis 70 Freie sein, die sich innerhalb des WDR neu orientieren müssen, ein Teil von ihnen vielleicht auch außerhalb. Aber wenn ein Angebot eingestellt wird, heißt das nicht automatisch, dass alle Freien nichts mehr zu tun haben. Wir wollen mit dem Lassen von Angeboten Kraft für Neues schaffen. Andrea und ich haben uns vorgenommen, noch mehr in Hintergrundberichterstattung zu investieren. Da liegt auch für Freie eine Chance.

Wie optimistisch sind Sie, dass Sie die Belegschaft mitnehmen?

Schafarczyk: Ich bin mir sicher, dass es eine große Veränderungsbereitschaft gibt, weil viele spüren, dass wir mehr Tempo fürs Digitale brauchen und uns stärker fokussieren müssen. In den vergangenen Jahren wurde immer mehr draufgepackt – noch ein Instagram-Kanal, noch dieses und jenes. Für diejenigen, die von Kürzungen betroffen sind, ist das schmerzhaft. Das nehmen wir ernst. Zugleich wissen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass wir diese Veränderung brauchen, um relevant zu bleiben.