Seien wir ehrlich. Die Debatte darüber, wann der Kölner Karneval endlich in der Gegenwart ankommt und ein weibliches Dreigestirn den Traum aller Jecken leben darf, wird zwar jedes Jahr wieder geführt, sie wird aber auch jedes Jahr wieder vertagt. Doch jetzt hat Köln endlich ein neues Trifolium, das über solche Diskussionen nur müde lächeln kann. Und das, Karnevalstraditionalisten müssen jetzt ganz tapfer sein, entzieht sich diesen gestrigen Diskussionen einfach mal komplett.
Angeführt wird das neue Kölner Dreigestirn von einer Gute-Laune-Vertreterin, deren Geschlecht gar nicht so recht klar ist: der WDR-Maus. Und überraschenderweise ist es auch völlig egal, ob diese orangefarbene Kinderheldin denn nun eine Sie, ein Er oder irgendwas dazwischen ist. Die Maus will alle ansprechen und schließt niemanden aus. Das können in diesen Zeiten wirklich nicht viele von sich behaupten.
Lange stand sie ganz allein an der Mörsergasse in Köln, zwischen 1Live-Haus und Vierscheibenhaus. Da wirkte sie stets vergnügt und grüßte alle Passanten, aber ein bisschen einsam war sie eben schon. Damit ist seit Donnerstag Schluss. Die Maus hat endlich Gesellschaft. Ihre treuen Freunde, der verspielte blaue Elefant und die freche gelbe Ente, beleben ab sofort mit ihr gemeinsam das Stadtbild. Die Ente steht auf dem Rücken des Elefanten, und dieser steht neben der Maus. „Mit Freunden ist das Leben gleich viel schöner. Ich freue mich, dass diese besondere Gemeinschaft nun auch hier direkt beim WDR für alle sichtbar ist und für alle Maus-Fans einen schönen Begegnungsort schafft“, sagte WDR-Intendantin Katrin Vernau bei der Enthüllung.
Das ist auch gut so, denn schon zweimal hätte der Maus ein wenig Unterstützung gutgetan. 2024 wurde sie entführt. 2025 gar bei einem gemeinen Brandanschlag am Arm verletzt. In einer Welle der Solidarität beklebten daraufhin Kölnerinnen und Kölner das beliebteste Tier im deutschen Fernsehen mit Pflastern und Schildern, auf denen Botschaften standen wie: „Ein Anschlag auf die Maus ist ein Anschlag auf uns alle.“
Die perfekte Identifikationsfigur
Aber warum wird sie seit mehr als 55 Jahren so geliebt? Eigentlich ist es doch erstaunlich, dass die Deutschen eine Maus in ihre Wohn- und Kinderzimmer lassen, die bis heute namenlos geblieben ist. Und das Format, deren Maskottchen sie ist, fällt ebenfalls nicht gerade durch eine originelle Benennung auf. Eine Sendung, in der eine Maus zu sehen ist? Das ist dann eben „Die Sendung mit der Maus“.
Wir wissen eher wenig über diese geheimnisvolle Welterklärerin. Sie ist orangefarben, klar, das unterscheidet sie von ihren Artgenossen. Sie hat zwei treue Freunde. Niemand klimpert – „klack, klack“ – so schön mit den Augen wie sie. Aber sprechen kann sie auch nach mehr als 50 Jahren nicht. In welcher Sprache wäre das überhaupt? Deutsch? Oder doch eine der anderen Sprachen, denen wir durch ihre Sendung schon begegnet sind? Spricht sie überhaupt Kölsch? Das wäre natürlich schon ein Vorteil für den Kölner Karneval. Ansonsten ist ihre Sprachlosigkeit aber eigentlich ein großer, Völker verbindender Kniff: Sie spricht alle an, indem sie niemanden anspricht.
Eines wissen wir aber über sie – und das macht sie zur perfekten Identifikationsfigur: Sie ist sehr neugierig und wagemutig. Sie findet für jedes Problem eine Lösung. Außerdem ist sie gnadenlos optimistisch und und empathisch. Wer Hilfe braucht, kann auf sie zählen. Und das schon seit dem 7. März 1971, als zum ersten Mal die „Lach- und Sachgeschichten“ ausgestrahlt wurden.
Das Konzept entwickelten Gert Kaspar Müntefering, Siegfried Mohrhof, Monika Paetow und Armin Maiwald. Star war von Anfang die Maus, die Grafikerin Isolde Schmitt-Menzel zeichnete, ursprünglich für eine Bilderbuch-Geschichte über „Die Maus im Laden“. Fürs Fernsehen wurde sie dann von Friedrich Streich animiert. Orangefarben ist sie übrigens, weil man eine fröhliche Farbe wollte und vielleicht auch, weil in den 1970ern ja irgendwie alles orangefarben war. So einfach ist das manchmal. Auch wenn es, wie Armin Maiwald einmal verriet, durchaus hätte sein können, dass wir heute eine „Sendung mit dem Nilpferd“ feiern, denn das stand damals ebenfalls zur Auswahl.
Neben den Clips mit der Maus machen die Sachgeschichten die WDR-Kindersendung zu einem zeitlosen Klassiker. Keine Frage ist zu banal. „Wie kommt der Saft in die Tüte, und wie kommt er wieder raus? Warum hat der Käse Löcher und der Käsekuchen nicht? Und warum brennt auch nachts im Kühlschrank das Licht?“ fragte Stefan Raab 1996 in seinem Ohrwurm „Hier kommt die Maus?“. Und in der Tat sind es ja oft die Fragen, die Erwachsene sich nicht zu stellen trauen, aber auch gerne beantwortet hätten, die in den Filmen aufgegriffen werden.

Fans der Maus haben die Brandstellen der Skulptur vor dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) mit etlichen Pflastern versehen.
Copyright: Roberto Pfeil/dpa
Wobei die Themen immer anspruchsvoller geworden sind im Laufe der Jahre. Ging es früher darum, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen, wollen Kinder heutzutage Erklärungen für hochkomplexe Vorgänge. Das ist dann häufig eine große Herausforderung für die Filmemacher, schließlich ist es nicht so einfach, Bilder zu finden, die etwa verdeutlichen, wie ein Touchscreen funktioniert. Dass nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene die Sendung regelmäßig ansehen, ist bekannt.
Die Maus und ihre Freunde sind sich mit ihrer schweigsamen Freundlichkeit immer treu geblieben, haben aber die Augen vor aktuellen Entwicklungen nicht verschlossen. Sie sind mittlerweile auf allen Plattformen unterwegs. Und die Maus hat es weiter gebracht als die allermeisten von uns: 1992 flog sie mit Raumfahrer Klaus-Dietrich Flade auf die russische Raumstation Mir, 2014 mit Alexander Gerst zur ISS. 2019 verlieh der Bundespräsident der Maus einen „Mausverdienstorden“.
Jetzt ist sie also Chefin im neuen Kölner Dreigestirn, dem ganz sicher auch ohne das Werfen von Kamelle die Herzen zufliegen werden. Ihr Sessionshit steht auch schon fest: Die berühmte „Düdü-de-düdü-düde-düde-dü“-Titelmelodie, die im Original vom Komponisten Hans Posegga stammt, kann schließlich jeder Jeck auch noch nach ein paar Kölsch mitsummen. Alaaf, liebe Maus. Alaaf, liebe Ente und lieber Elefant!
