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Benjamin Grosvenor in der Kölner PhilharmonieZuckerbrot und Peitsche

Der britische Pianist Benjamin Grosvenor gastierte beim Abo-Konzert mit dem Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie.

Von
Benjamin Grosvenor
Photo: Marco Borggreve

Pianist Benjamin Grosvenor

„Auf neuen Wegen“ war – warum auch immer – das Gürzenich-Abo-Konzert in der Kölner Philharmonie überschrieben. Für das Programm mit zwei Großwerken des russischen Repertoires wäre „Zuckerbrot und Peitsche“ vielleicht der passendere Titel gewesen. Das Zuckerbrot kam gleich zu Beginn in Gestalt des zweiten Klavierkonzerts von Sergej Rachmaninow, das mit seinem rauschenden Virtuosenglanz, seiner üppig blühenden Melodik, seiner dräuenden Emotionalität begreiflicherweise Bestseller-Status genießt.

Ganz offensichtlich waren aber weder der Solist Benjamin Grosvenor noch der Dirigent Thomas Søndergård gesonnen, sich von den gängigen Klischees vereinnahmen zu lassen. Sie interpretierten das Stück nicht mit dem Blick voraus nach Hollywood, sondern zurück auf die slawische Romantik, in der es wurzelt. Die schönen Melodien behielten stets Maß und Façon, glitten nie ins Seifige ab – im Klavier ebenso wenig wie im Orchester, das der dänische Maestro immer dann gelinde vorangehen ließ, wenn in der Partitur die Tränenfeuchte drohte.

Zurück in die slawische Romantik

Benjamin Grosvenor ist bekanntermaßen kein Mondschein-Pianist, sondern ein Mann des kernig-kompakten Zugriffs, unanfechtbar im Technischen, unbestechlich im Rhythmus. Das weitgespannte Kopfsatz-Thema der Streicher nagelte er so gründlich mit seinen Bassakzenten fest, dass man darüber fast schmunzeln musste. Wo er selbst eine große Linie zu spinnen hatte, fehlte es aber keineswegs an Flexibilität – da lebte und atmete alles, war reich und großzügig schattiert.

Das Publikum spendete dem 34-jährigen Briten begeisterte Ovationen; er bedankte sich mit einem eher unergiebigen Arrangement des berühmten Richard-Strauss-Liedes „Morgen“ – unergiebig, weil hier die übertragene Singstimme immer wieder mit der rechten Klavierhand kollidiert und die suggestive Wort-Deklamation am Ende des Stückes instrumental ohnehin nicht darstellbar ist.

Nach dem Zuckerbot die Peitsche

So viel zum Zuckerbrot. Die Peitsche wurde dem Publikum nach der Pause mit der 1947 entstandenen Sinfonie Nr. 6 von Sergej Prokofjew verabreicht, einem massiven, schmerzhaft verspannten und unter hohem Dauerdruck stehenden Musikdokument des Spät-Stalinismus. Das Gürzenich-Orchester hat es (wie alle Sinfonien des Komponisten) unter Dmitrij Kitajenko auf CD eingespielt und zuletzt 2007 aufgeführt. Das ist lange her; trotzdem schien das eigenwillige und schwer zu liebende Stück den Musikern noch gut in den Händen zu liegen.

Thomas Søndergård wählte in allen drei Sätzen eher ruhige Tempi und nahm sich vor allem Zeit, die uferlosen und schwer gepanzerten Melodien des Mittelsatzes lyrisch auszuformen. Im beschwingten Final-Rondo schienen die inneren Kämpfe der Musik zunächst befriedet – um so heftiger brach dann aber die Schluss-Katastrophe herein. Im Saal kam das lange und komplexe Stück erstaunlich gut an; vielleicht auch, weil diese sinfonische Erzählung aus schwerer Zeit mittlerweile wieder traurige Aktualität gewonnen hat.