Beim Haushaltsentwurf der Stadt Köln bleiben gerade für die freie Szene viele Fragen offen.
Freie Szene bangt um Zukunft„Wir zittern, wie viele andere auch“

Für den Skulpturenpark ist künftig – zumindest bisher – kein Geld mehr eingeplant.
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„Wir zittern, wie viele andere auch“, sagt Manuel Moser, Leiter des Comedia-Theaters über den Haushaltsentwurf für die Kulturszene. Denn obwohl dort jede Menge Zahlen schwarz auf weiß stehen, ist die Verunsicherung groß. Weil eine Kürzung oder eine Null nicht unbedingt bedeuten muss, dass die Institutionen in den nächsten beiden Jahren tatsächlich weniger oder gar kein Geld mehr bekommen. Zum Glück – denn sonst wäre jetzt schon klar, dass das Papier eine Katastrophe für viele Kulturschaffende ist.
Schaut man etwa auf die Sparte Theater und Tanz sinkt die Summe, die im Haushalt bereitgestellt wird, von 4,8 Millionen Euro im Jahr 2026 auf 3,9 Millionen Euro im Jahr 2028. Ähnlich sieht es im Bereich „Bildende Kunst, Film und Literatur“ aus. Sind für 2026 insgesamt 2,3 Millionen eingestellt, für 2028 sind es nur noch 1,7 Millionen Euro. Bei der Musik sinkt die Summe von 4 Millionen Euro (2026) auf 3,3 Millionen (2028). „Wenn der Haushaltsentwurf für die Jahre 2027-2028 in der vorliegenden Form realisiert würde, wird Köln unter anderem eine spürbare Verminderung seines Kulturangebots erleben“, befürchtet Bettina Fischer, Leiterin des Literaturhauses.
Und auch Thomas Gläßer, kulturpolitischer Geschäftsführer der Initiative Freie Musik, spricht von massiven Kürzungen, die die Musikszene empfindlich treffen würden. „Wir sind in den letzten Jahren erstmals echte Schritte damit vorangekommen, endlich nachhaltigere Förderstrukturen anzulegen und damit Köln als Musikstadt von nationaler und europäischer Geltung ein Stück gerechter zu werden. Wir hoffen, dass diese Errungenschaften jetzt nicht dem Spardruck zum Opfer fallen und die Kürzungen vollständig zurückgenommen werden können.“
Kulturdezernent hofft auf Kulturförderabgabe
Der Hoffnungsschimmer heißt „Kulturförderabgabe“ oder auch „Übernachtungssteuer“. Alle, die im Haushaltsentwurf Kürzungen befürchten müssen, hoffen nun auf diesen Topf. In dem befinden sich laut Kultur-Netz Köln mehr als 20 Millionen Euro. Doch trotz des Namens „Kulturförderabgabe“ bekommen Theater, Musikfestivals oder Museen bislang nur einen Bruchteil des Geldes. Der freien Szene beispielsweise kommen laut Kultur-Netz momentan nur rund zwei Millionen Euro davon zugute. Das einziges „Spielgeld“, das die Politik zur Verfügung habe, wecke natürlich auch Begehrlichkeiten aus anderen Bereichen, so Manuel Moser. Wie zu hören ist, könnte sich der Anteil, auf den die freie Szene aus dieser Summe hoffen kann, auf bis zu vier Millionen Euro erhöhen. Bestätigen will das in Politik und Verwaltung aber niemand.
Fest steht, dass auch der Kulturdezernent darauf baut, mit dieser Abgabe noch Löcher zu stopfen: „Zwar stehen weniger Haushaltsmittel zur Verfügung, doch die Kölner Kulturförderung steht auf mehreren Säulen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kulturförderabgabe als wichtiges kulturpolitisches Instrument, auf dessen Fortführung wir gemeinsam mit der Politik setzen“, so Stefan Charles. „Zusammen mit dem Kultur-Soli, dem solidarischen Beitrag unserer städtischen Kulturinstitutionen, trägt sie wesentlich dazu bei, wichtige Projekte und Initiativen zu erhalten.“
Was Kürzungen bedeuten würden, lässt sich etwa am Beispiel Comedia-Theater zeigen. Dieses konnte in den vergangenen Jahren nur dank des Zuschusses aus der Kulturförderabgabe von 100.000 Euro sein Programm aufrechterhalten. „100.000 Euro weniger bedeuten für uns 35 Prozent weniger Aufführungen oder 7000 Kinder beziehungsweise 280 Schulklassen weniger im Theater“, rechnet Manuel Moser vor. „Aber all das wissen wir noch nicht genau - müssen aber natürlich trotzdem schon planen.“ Auch Posaunist und Kulturveranstalter Janning Truman beklagt die unzuverlässige Finanzierung durch die Stadt: „Durch die Förderung aus der Kulturförderabgabe sind wir leider systematisch benachteiligt und haben keine wirkliche Planungssicherheit.“ Seit inzwischen vier Jahren werde die Cologne Jazz Week in unveränderter Höhe bezuschusst. „Nach nun bereits fünf sehr erfolgreichen Festivalausgaben hätte ich mir gewünscht, dass es nun auch endlich eine Überführung in den Haushalt gegeben hätte.“
Auch neue Initiativen hätten mit dieser kurzfristigen und unzuverlässigen Form der Bezuschussung kaum Chancen, sich zu etablieren. Für Bernd Schlenkrich, Geschäftsführer des Bauturm-Theaters, ist Planungssicherheit ebenfalls das große Thema. „Dass die Rückmeldung zu den Konzeptionsförderanträgen statt wie bisher im Frühsommer dieses Mal erst im Herbst erfolgen kann, ist schon eine massive Veränderung“, so Schlenkrich. Die Lage sei dadurch zumindest angespannt. „Wir haben uns darauf vorbereitet, indem wir anders planen, weil wir schon damit rechnen müssen, weniger Förderung zu erhalten.“ Man habe ja auch trotz der enormen Teuerung in den vergangenen Jahren keinerlei Inflationsausgleich erhalten. Insgesamt, schätzt Schlenkrich, wird weniger produziert, das kulturelle Angebot der Stadt ausgedünnt werden. „Das ist für die Kölner Szene und ihr Publikum eine alles andere als gute Situation. Und sie wird ab 2027 nicht besser.“ Denn am Ende kann es eben auch passieren, dass die Mittel nicht für alle reichen.
„In welche Richtung will die Stadt die Kultur entwickeln? Ich kann da keine Strategie erkennen
Vor allem in der freien Szene sei die Verunsicherung entsprechend groß, sagt Manuel Moser. „Wenn jetzt tatsächlich die Projektförderung für Theater gekürzt wird – und so sieht es im Haushaltsentwurf im Moment aus - dann trifft das die, die ohnehin schon am wenigsten bekommen, weil sie keine institutionelle und keine strukturelle Verankerung haben.“ Und gerade diese jährliche Projektförderung, helfe, viele Projekte in dieser Stadt zu stemmen. „Dem entsprechend fände ich total wichtig, dass man hier definitiv nicht kürzt. Denn da geht es auch um den Nachwuchs. Dass junge Gruppen Projekte machen können - davon profitieren auch wir langfristig. Und das macht auch unglaublich viel aus für die Innovation der freien Szene in dieser Stadt.“ Allgemein empfindet es Manuel Moser als „Katastrophe“, dass Kultur zu den „freiwilligen Leistungen“ im Haushalt zählt. Denn Kultur sei für unsere Stadtgesellschaft essenziell: „Das Soziale und die Kultur halten die Stadt ja auch zusammen. Da sind sich viele einig - aber am Ende sind das trotzdem die Dinge, die als erstes gestrichen werden. Und das tut mir als Kulturschaffendem weh.“
Verhalten optimistisch äußert sich Ralph Elster, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, zur Situation. Der Haushaltsentwurf falle aus kulturpolitischer Sicht nicht so schlimm aus, wie zunächst befürchtet: „Über den politischen Veränderungsnachweis können wir an einigen Stellen sicherlich noch Verbesserungen erreichen. Wenn uns das gelingt, kommt die Kölner Kultur mit einem blauen Auge davon.“ Bei einem Defizit von rund 800 Millionen Euro müsse allerdings auch die Kulturszene einen angemessenen Beitrag zur Konsolidierung leisten. Zugleich werde aktuell an diversen Stellschrauben gedreht, um insbesondere die freie Szene zu stärken.
Gar nicht optimistisch ist hingegen Bruno Wenn, der Vorsitzende des Kölner Kulturrats. „In welche Richtung will die Stadt die Kultur entwickeln? Ich kann da keine Strategie erkennen. Einfach nur zu kürzen, führt uns nicht weiter.“ Die Stadt habe es versäumt , ein attraktives Zukunftsbild zu zeichnen, mit dem man dann auch Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen motivieren könnte, sich einzubringen. Stattdessen zwinge man die Kulturschaffenden, Abwehrkämpfe zu führen und mühselige Gespräche zu führen, statt sich um Inhalte Gedanken machen zu können. „So entstehen ungeheure Ängste und eine große Verärgerung.“ (mit juh)
