Das Kölner Ensemble Musikfabrik feiert in der Philharmonie den 100. Geburtstag des Komponisten Hans Werner Henze.
Hans Werner HenzeMit der hochkulturellen Handbremse komponiert

Das Ensemble Musikfabrik lud Gäste ein, den 100. Geburtstag von Hans Werner Henze zu begehen.
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Gleich die ersten Klänge beschwören einen mondhellen Park mit weiß schimmernden Marmorbildern. Über sanft schwebendem Akkord locken Horn und Klarinette mit romantischen Sehnsuchtsgesängen. In Hans Werner Henzes „Apollo und Hyazinthus“ symbolisiert das konzertierende Cembalo die Kithara des antiken Musengotts, dessen Leidenschaft für den süßen Knaben entbrennt. Trotz aller konstruktiven Zwölftönigkeit braust der Solopart des Frühwerks von 1949 mit wilden Trillern und Läufen. Nach elegischer Kadenz folgt als abgewandelte Reprise dann tatsächlich ein Gesang auf Georg Trakls Gedicht „Im Park“, wunderbar dunkel intoniert von Mezzosopranistin Barbara Kozelj.
Hans Werner Henze wäre am 1. Juli 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass spielte das Ensemble Musikfabrik unter Leitung von Bas Wiegers drei Werke des 2012 verstorbenen Komponisten im Wechsel mit Stücken einstiger Schüler. Olga Neuwirth nahm 1985 als Siebzehnjährige an dem von Henze initiierten Jugendmusikfest im österreichischen Deutschlandsberg teil. Ihr „Quasare/Pulsare II“ beginnt mit einem Dauerton, der per E-Bow auf einer Klaviersaite erzeugt wird und ortlos im Raum steht. Umso körperlicher kontrastieren dann taktile Gesten und energetische Geräuschklänge des Klaviertrios: Schlagen, Zupfen, Reiben, Kratzen, Quietschen.
Musikfabrik und Barbara Kozelj spielen und singen ausgezeichnet
Gerd Kührs Sextett „Ohne Antwort“ entstand 1993 noch während des Studiums bei Henze an der Kölner Musikhochschule. Harte Schläge auf unterschiedliche Trommeln lassen je andere Eigenfrequenzen der Kölner Philharmonie resonieren, bis tinnitusartig pfeifende Spitzentöne der Streicher dazukommen. Bei aller Klarheit solcher Kausalitäten von Aktion und Reaktion bleibt die Musik dennoch überraschend, rätselhaft und erfrischend anders als der in weiten Teilen routinierte Klassizismus der „Sonate für sechs Spieler“ seines einstigen Lehrers Henze von 1984.
Hauptwerk des Abends bildete dessen „El Rey de Harlem“. Textgrundlage des 1979 komponierten „imaginären Theaters“ bildet das Kapitel „Los Negros“ aus Federico García Lorcas 1940 erschienenem „Der Dichter in New York“. Der spanische Lyriker und Dramatiker schildert darin mit ungemein kraftvoller, sinnlicher, vielfarbiger Sprache surreale Szenen im nördlichsten Stadtteil von Manhattan. Gemäß der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Ereignisse und Schicksale von Afroamerikanern, Hispanics und Latinos springen die musikalischen Charaktere schnell zwischen zartem Bratschensolo, rhythmischen Bongos und orgiastischem Freak Out des ganzen Ensembles.
Musikfabrik und Barbara Kozelj spielen und singen ausgezeichnet. Sie tun alles, um die traumartig wechselnden Eindrücke, Gerüche und Trancezustände der Fantasmagorie vor Ohren und imaginär vor Augen treten zu lassen. Doch Henzes Musik wirkt wie mit der hochkulturellen Handbremse komponiert. Alles ist edel und schön, geschmackvoll instrumentiert, blitzt, glitzert, glänzt. Es gibt artifizielle Ariosi, zarte Lyrismen, rhythmisch pulsierende Energie, virtuose Soli. Der Text dagegen handelt von Gewalt, Dreck, Elend, Blut und dem Jazz der lärmenden Gossen und Kneipen. Henzes Ode liefert davon allenfalls homöopathische Würze sowie eine Bestätigung der seit den 1960er Jahren geflügelten Bezeichnung des ebenso linkspolitisch engagierten wie gutbürgerlich mit Frack und Fliege in den Konzert- und Opernhäusern der Welt gefeierten Henze als „Salonkommunist“.

