Hans Zimmer in KölnHollywoods größter Komponist spielt mit ukrainischen Flüchtlingen

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Hans Zimmer am Dienstagabend in der Lanxess-Arena

Köln – Blau-Gelb ist die Videoleinwand unterlegt, die den Blick auf die Bühne vorerst versperrt, stattdessen das erwartungsfrohe Publikum in der Lanxess-Arena zeigt. Eine Geste der Solidarität. Aber keine wohlfeile. „Wir haben ein Orchester aus der Ukraine gebucht“, erzählt Hans Zimmer. „Am Ende haben wir nur zehn Musiker rausgekriegt.“

Die Orchestermusiker der Nationaloper Odessa, das konnte man an anderer Stelle lesen, sind mit ihren Familien fürs erste im Ostallgäu untergebracht. Die meisten von ihnen seien Frauen, sagt Zimmer, weshalb er ihnen das nächste Stück widmen wolle. Das Kölner Publikum erhebt sich zum Applaus.

Die Videoleinwand, jetzt hoch oben im Bühnenhimmel, strahlt die ukrainischen Nationalfarben bis in die Oberränge aus, Bilder von tapferen Frauen in Uniform heben sich von der Flagge ab. Dazu feuern sie die Paukenkesselschläge und Bläserfanfaren vom „Wonder Woman“-Soundtrack an. So richtig wollen Superhelden-Action und der vom Angriffskrieg erzwungene (und umso größere) Heroismus der Ukrainer nicht zusammenpassen. Aber Hans Zimmer ist nun mal kein Mann der kleinen Gesten. 

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Erfolgreichster Filmkomponist aller Zeiten 

Fast 30 Milliarden Dollar haben die Filme, zu denen er den Soundtrack beigesteuert hat, eingespielt. Das macht den jüdischen Emigranten aus dem Hessischen zum erfolgreichsten Filmkomponisten überhaupt. In den vergangenen 35 Jahren war er auch der einflussreichste.

Seine Kombination von Orchesterpartituren und pulsierenden Synthesizern revolutionierte zuerst das Actiongenre. Der beste Spezialeffekt in Ron Howards pyromanem Feuerwehr-Drama „Backdraft“ (1991) ist Zimmers Musik: Sie gönnt den Brandschützern keine Minute der Ruhe, treibt sie unnachgiebig an und scheut nicht den Bombast. Auf Jahre hin klang jeder große Actionfilm wie „Backdraft“. Zimmer bewies indes mit der Musik zu Terrence Malicks kontemplativen Kriegsfilm „Der schmale Grat“ (1998) seine künstlerische Spannweite: eine tickende Uhr ersetzt hier donnernde Bassdrumschläge. Das Ergebnis ist umso gewaltiger. Und seitdem immer wieder imitiert und adaptiert worden, nicht zuletzt von Zimmer selbst.

Von den „Piraten der Karibik“ bis zu „The Dark Knight“

Doch die Live-Show soll schließlich Arenen füllen, also gibt Zimmer populäreren Filmen – „Piraten der Karibik“, „The Dark Knight“ – den Vorzug und macht für die 10.000 Zuschauer in Köln mächtig Schau, begleitet von einem bunten Zirkus an Musizierenden: Geigerinnen in Lederminis, Bassisten in langen Ledermänteln, Rumba tanzende Paukistinnen, auf dem Rücken gespielte Banjos, Vertikaltuchakrobatinnen in Barbarella-Catsuits. Die dünne rote Linie zum Kitsch wird hier nicht überschritten, sondern mit durchgedrücktem Gaspedal überrannt.

Wundersamer Weise erhöht die optische Überfrachtung aber noch den Hörgenuss: Die Musiker spielen die Steroid-Versionen ihrer selbst und sie sind auch den langen und mühsamen Weg gegangen, um bei diesen anzukommen. „Eigentlich besteht die Hälfte der Band aus Flüchtlingen“, sinniert Zimmer laut, während er seinen Flötisten aus Venezuela vorstellt.

Eine viel zu selten bemerkte Superkraft des Autodidakten ist seine Freude an der Kollaboration und seine Fähigkeit, Beiträge aus unterschiedlichsten Genres zu einer schlüssigen musikalischen Aussage zu vereinen.

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So stehen an diesem Dienstagabend unter anderem die Dead Can Dance-Diva Lisa Gerrard, mit der Zimmer den „Gladiator“-Soundtrack aufnahm, der südafrikanische Sänger Lebo Morake, die Stimme aus Disneys „König der Löwen“, und Nile Marr, Sohn des The-Smiths-Gitarristen Johnny Marr, auf der Bühne: Man kann sich keinen größeren stilistischen Abstand denken – und doch klingt das jeweilige Ergebnis unverwechselbar nach Hans Zimmer.

Nach der Pause paradiert der Komponist zur verspielten „Lone Ranger“-Musik in Lederhosen, Trachtenjanker und Gamsbarthut über die Bühne. Lange Jahre musste er sich das Touren versagen, es gab einfach zu viele Aufträge, die man nicht ablehnen konnte. Er hat etwas nachzuholen.

Mit dem Analog-Synthesizer durchs Wurmloch

Dazu gehören auch die Stücke, sagt Zimmer, die er besonders gerne spiele. Etwa aus der im doppelten Wortsinn fantastischen Musik zu Christopher Nolans „2001“-Version „Interstellar“, in der sich Geige und Stimme in unendlichen Weiten verlieren, während sich Zimmer am Analog-Synthesizer durchs Wurmloch stöpselt.

Mit seinem aktuellen Soundtrack zu „Dune“ schließt sich ein Kreis: Nicht nur, dass Zimmer glühender Fan des Science-Fiction-Romans ist. Das Hauptthema mit den Glas zersprengenden Rufen der Vokalistin Loire Cotler nimmt den Faden seine erklärten Lieblingskomponisten Ennio Morricone auf: Es ist eine Fortschreibung von dessen Musik zu „Zwei glorreiche Halunken“ mit ihren Flöten, Schüssen, Peitschenhieben und Jodeleinsätzen. Und zugleich etwas völlig Unerhörtes, nicht von dieser Welt.

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