Erstes „Buch für die Stadt“Wieso Irmgard Keun noch immer aktuell ist

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Professorin Annette Keck beim Irmgard-Keun-Abend im Literaturhaus.

Professorin Annette Keck beim Irmgard-Keun-Abend im Literaturhaus.

Das war der Irmgard-Keun-Abend im Literaturhaus – Was „Das kunstseidene Mädchen“, vor 20 Jahren erstes „Buch für die Stadt“, besonders macht.

Irmgard Keun (wieder) zu lesen macht in vielerlei Hinsicht Sinn, besonders jetzt und besonders in Köln. Der einschneidende Tag, an dem in Köln in der Claudiusstraße vor der alten Universität Nationalsozialisten Bücher verbrannten, jährt sich zum 90. Mal. Am 17. Mai 1933 lagen dort auch Keuns Romane „Gilgi – eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ auf dem Scheiterhaufen.

Aber Keun, die 1905 in Charlottenburg geboren wurde und den Großteil ihres Lebens in Köln verbrachte, und ihre Literatur haben die NS-Zeit überlebt. Wie zum Trotz gegen die Bücherverbrennung stellte am Dienstag Annette Keck eine Originalausgabe der ersten Auflage des „kunstseidenen Mädchens“ im Literaturhaus auf das Pult auf der Bühne.

Der Abend war als Teil der Aktionswoche „verbrannt und verbannt“ des Vereins EL-DE-Haus der Autorin gewidmet. Keck, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität, sprach gar nicht viel über den Roman, sondern – dank der einfühlsamen Lesungen der Schauspielern Marylu Poolmann – ließ ihn sprechen über das Leben von Frauen in der Weimarer Republik.

Und über Irmgard Keun, deren modernen Weiblichkeitsentwürfe, ausgelebt durch Protagonistinnen wie die kunstseidene Doris, den Nationalsozialisten so widerstrebten. Darüber hinaus warf Keck die Frage auf, ob nicht auch Keuns modernes Männerbild provoziert habe.

Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ war erstes „Buch für die Stadt“

„Durch ein Wort soll man verändert sein“, lehnt sich Doris gegen die plötzliche Abwertung durch einen an ihr interessierten Mann auf, nachdem sie behauptet hatte, sie sei Jüdin. „Da machte er mich zu einer Rasse“, schrieb Keun schon damals über die nicht gegebene, sondern zugeschriebene Kategorisierung von Menschen. Keun bewies überhaupt viel Mut, denn nach der Verbrennung ihrer Bücher klagte sie 1935 auf Schadenersatz wegen Verdienstausfall. Natürlich vergebens. In Köln bleibt sie seit ihrer Widerentdeckung Ende der 70er Jahre unvergessen: „Das kunstseidene Mädchen“ wurde 2003 das erste „Buch für die Stadt“, eine Aktion des Literaturhauses und des „Kölner Stadt-Anzeigers“.

Wer jetzt immer noch überzeugt werden muss, Keun wieder zu lesen, dem zeigt der Kurzfilm „SilkGirl18“, von Claudia Sakarny und Jennifer Lubahn mit Jugendlichen entwickelt und im Literaturhaus gezeigt, wie sich junge Frauen noch immer mit Doris, dieser 18-Jährigen auf der Suche nach Glanz, identifizieren. Doris schreibt sich selbst Bedeutung zu, will besonders und sichtbar sein.

Keuns Szenen sind „in Literatur übersetzte Filmstills“, interpretierte Keck. Tatsächlich sind die Parallelen zwischen Keuns Sprache über eine von Glanz träumenden Stenotypistin der 1930er Jahre und inszenierte Videobotschaften in sozialen Netzwerken über ein Leben in vermeintlichem Glamour nicht von der Hand zu weisen.

Irmgard-Keun-Abend im Literaturhaus: Lebte Doris heute, wäre sie Influencerin

Denn lebte Doris heute, wäre sie bestimmt Influencerin. „Alles ist erstklassig an mir – nur mein linkes Bein ist dicker als mein rechtes. Aber kaum. Es ist sehr kalt, aber im Nachthemd ist schöner – sonst würde ich den Mantel anziehn“, spricht im Film eine Jugendliche an ihre Follower gerichtet in eine Kamera. Keun ließ Doris diese Zeilen 1932 in ihr Tagebuch schreiben. Und der Text funktioniert erstaunlich gut im heutigen Videoblog-Format.

Auch Doris war unanständig ehrlich in ihrer Sprache. Keck suchte die Passagen heraus, in denen Doris „der intellektuellen Welt einen komischen Spiegel vorhält“. Doris trägt keine echte Seide, aber Kunstseide zerknautsche beim Küssen, stellt die selbstbestimmte junge Protagonistin wehmütig fest. „Der Roman stellt das Zerknautsche als Kunst aus“, schloss Keck ihre Deutung zu Irmgard Keun.

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