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Kölner Kollwitz-MuseumDie Geheimnisse des Runzelkorns

4 min
Selbstbildnis von Käthe Kollwitz mit geschlossenen Augen, nach hinten geneigt

Dieses Selbstbildnis von Käthe Kollwitz wird derzeit im Kölner Kollwitz-Museum als Lichtdruck gezeigt.

Sind dem Kölner Kollwitz-Museum die Originale ausgegangen? Eine neue Ausstellung zeigt Drucke nach Zeichnungen im besten Licht.

Jeden Monat erreichen die Expertinnen des Kölner Kollwitz-Museums Zuschriften, in denen ihnen Drucke von Kollwitz-Zeichnungen als angebliche Originale angeboten werden. Meistens können sie den Irrtum auf den ersten Blick erkennen, manchmal müssen aber auch sie genauer hinschauen. Dann stammt das Blatt aus der „Richter-Mappe“, die Käthe Kollwitz gemeinsam mit dem Verleger Emil Richter 1920 im Lichtdruck-Verfahren hergestellt und herausgegeben hat. Bei dieser Technik wird eine Chromgelatineschicht auf einer Glasplatte belichtet und später mit einem Runzelkorn ohne sichtbare Rasterung in Zylinderpressen gedruckt. Das Verfahren gleicht einem Wunderwerk, es genügt aber zu wissen, dass selbst Kollwitz einmal auf einen Lichtdruck hereingefallen sein soll.

Die „Richter-Mappe“ wird jetzt im Kollwitz-Museum aufgeblättert; ihre 24 Drucke hängen als „Handzeichnungen in originalgetreuen Wiedergaben“ gemeinsam an einer Wand. Dabei ist es keinesfalls so, dass dem Haus die Originale ausgegangen wären und Kollwitz-Direktorin Katharina Koselleck auf Faksimiles zurückgreifen müsste, um die weltweit einmalige Dauerausstellung aufzufüllen. Gemeinsam mit der Kuratorin Miriam Stauder fand sie vielmehr, dass es an der Zeit sei, das Künstlermedium Mappe eingehender zu beleuchten.

Käthe Kollwitz sitzt in einer Ausstellungshalle.

Käthe Kollwitz in der Preußischen Akademie der Künste, Berlin 1927

Das klingt vielleicht etwas speziell, aber zu Kollwitz’ Zeiten war die auf wenige Exemplare limitierte Mappe ein beliebter Kompromiss zwischen der massenhaften Vervielfältigung und der Aura des Originals – vergleichbar der heutigen Edition. Für Käthe Kollwitz bot die „Richter-Mappe“ eine willkommene Gelegenheit, den eigenen 50. Geburtstag zu begehen und ein erstes Resümee ihres Werks zu ziehen. Außerdem bekam sie geliebte Zeichnungen, die sie schweren Herzens an Museen und Sammler verkauft hatte, wieder in die Hand und konnte sich mit den Lichtdrucken ein wenig über den Verlust hinwegtrösten.

Die „Richter-Mappe“ erschien als Vorzugsausgabe „A“ mit beigelegter signierter Lithografie in einer Auflage von fünf Exemplaren, die „B“-Ausgabe (mit unsignierter Beigabe) gab es 20-mal und die im Format etwas verkleinerte Volksausgabe erschien vermutlich in einer Auflage von mehreren Hundert Stück. Gerade die A-Variante hatte mit 6000 Mark (5000 Mark für Vorbesteller) einen für damalige Verhältnisse stolzen Preis, aber man bekam auch einen stattlichen Gegenwert dafür: Jedes Blatt hatte die exakten Maße des Originals und wurde auf vergleichbarem Papier gedruckt; und weil Kollwitz mehrere Vorzeichnungen für berühmte Grafikblätter in die Mappe aufgenommen hatte, konnte man ihr nachträglich bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Mit ihrer Auslese legte Kollwitz einen Querschnitt durch ihr Werk

Mit ihrer Auslese legte Kollwitz einen Querschnitt durch ihr Werk, mit herausragenden Beispielen ihrer großen Themen: Abschied und Tod, Liebe und Mutterschaft, der Skandal der Armut und der Kampf der Arbeiter für Gerechtigkeit. An die erste Stelle des Bilderreigens setzte sie ein aktuelles Selbstbildnis, wie um zu bekräftigen, dass sie in der „Richter-Mappe“ mehr als eine persönliche Werkauswahl, nämlich ihr Leben, präsentiert. Werk und Biografie lassen sich bei Kollwitz ohnehin schwer trennen. Ihr oft überarbeitetes Bild der einander umschlingenden, im Schmerz vereinten „Eltern“ ließ sie nicht los, weil sie damit den Tod ihres im Weltkrieg gefallenen Sohns betrauerte.

In Köln ist eine C-Ausgabe der „Richter-Mappe“ ausgestellt (nackt, ohne Glas und auf „Opferkarton“ locker an die Wand gepinnt), was man kaum merkt, denn auch für diese Variante wurden kaum Kosten und Mühen gescheut. Von den A-Mappen ist lediglich eine erhalten (sie liegt im Dresdner Kupferstich-Kabinett), von den übrigen vier fehlt jede Spur. Vermutlich wurden sie gefleddert, um die Blätter einzeln weiterverkaufen zu können; im Stillen hofft Koselleck jedoch, dass wenigstens eine, angeregt durch die Ausstellung, wieder auftauchen könnte. Auch einzelne Zeichnungen sind im Original verschollen, so Miriam Stauder; dank der „Richter-Mappe“ wisse man immerhin, dass sie einmal existierten.

Stauder hat ebenfalls eine Mappe gefleddert, allerdings im Dienst der Wissenschaft, und einzelne Blätter der Güteklasse „B“ hinter Glas in die Dauerausstellung des Kollwitz-Museums eingefügt. Vor allem an den Vorzeichnungen zu Motiven ihrer berühmten Grafikzyklen lässt sich wunderbar ablesen, wie Kollwitz arbeitete, wie sie verschiedene Gesten oder Haltungen ihrer Figuren ausprobierte, bevor sie diese durch Vervielfältigung verewigte. Bei einer Studie für den Weberzyklus taucht im Lichtdruck sogar ein Geisterjunge auf, der auf der Vorlage, einer Tuschezeichnung im Besitz des Kollwitz-Museums, fehlt. Der Unterschied ist mehr als anekdotisch: In der „Kopie“ legt ein Vater die Hand schützend auf die Schulter seines Sohns, während der leibhaftige Tod nach der sterbenskranken Mutter greift; im „Original“ steht der Mann hilflos mit hängenden Armen da.

An des Rätsels Lösung wird im Kollwitz-Museum noch gearbeitet. Hat Käthe Kollwitz das Motiv für den Lichtdruck überarbeitet oder wurde der übermalte Junge durch das fotografische Druckverfahren „versehentlich“ wieder sichtbar gemacht? Ein Röntgenblick unter die oberste Farbschicht der Tuschezeichnung könnte Aufschluss bringen. Aber das ist Stoff für eine andere Ausstellung im Kölner Kollwitz-Reich.


„Kollwitz – Ausgewählt“, Kollwitz-Museum, Neumarkt 18–24, Köln, Di.–So. 11–18 Uhr, bis 15. November 2026