Dass nächstes Jahr sein 60. Geburtstag ansteht, merkt man dem US-Geigenstar nicht an. Jetzt gastierte er mit der Londoner Academy of St. Martin in the Fields in Köln.
Kölner PhilharmonieWie Joshua Bell vom Violinsolo zum Dirigentenpult eilt

Der Violinist Joshua Bell übernahm in der Kölner Philharmonie auch die musikalische Leitung.
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Wenn das Violinkonzert von Johannes Brahms verklungen ist, kann sich der Solist üblicherweise wieder ins Hotel verabschieden. Oder für den Rest des Abends in der Kantine chillen. Nicht so Joshua Bell: Er musste nach der Pause wieder raus aufs Podium, um vom Konzertmeister-Pult aus Robert Schumanns erste Sinfonie zu leiten. Auch beim Eingangsstück, einer gefälligen, aber etwas seifigen Pièce des erfolgreichen amerikanischen Zeitgenossen Kevin Puts („Earth“), lag das Violinsolo in seinen Händen.
Seit 2011 ist der weltweit erfolgreiche Geiger zugleich Musikdirektor der Londoner Academy of St. Martin in the Fields. Solche arbeitsintensiven „play-direct“-Programme sind für ihn an der Tagesordnung; beim Meisterkonzert in der Philharmonie hatte man auch nicht den Eindruck, dass die Doppelfunktion als Solist und musikalischer Leiter ihn sehr belaste. Joshua Bell agiert und musiziert nach wie vor so frisch und ungefangen wie zu Beginn seiner Karriere, als er mit dem Image eines geigenden amerikanischen College Boys vermarktet wurde. Dass nächstes Jahr sein 60. Geburtstag ansteht, merkt man ihm wahrlich nicht an.
Ein ungewöhnlich schlankes, gewöhnungsbedürftiges Klangbild
Die Academy of St. Martin in the Fields ist eigentlich ein Kammerorchester, hat aber schon zu Zeiten ihres legendären Gründers und langjährigen Chefs Neville Marriner die Agenda zu den größeren Formaten der romantischen Sinfonik hin ausgedehnt. Die Möglichkeit, die Reihen des Orchesters entsprechend zu erweitern, nutzte Bell hier aber gar nicht. Nur etwa drei Dutzend Musiker saßen beim Brahms-Konzert an den Pulten, was ein ungewöhnlich schlankes, zunächst auch durchaus gewöhnungsbedürftiges Klangbild erzeugte.
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Klar, das Stück funktionierte auch so und die fehlende Breite des Orchestersounds wurde durch andere Qualitäten kompensiert, besonders durch die kammermusikalisch fokussierte Spielhaltung aller Beteiligten. Nur wenn der Solopart pausierte, konnte Bell die Truppe mit dem Bogen führen, ansonsten musste er sich auf die Wachheit und Eigenverantwortung seiner Musiker verlassen – was auch bis in kleinste Tempo-Stauungen bei Einsätzen und Übergängen hinein ausgezeichnet funktionierte.
Eine Interpretation der großen gestischen Freiheiten und spontanen Hakenschläge erlebte man aber ohnehin nicht. Da hat sich Joshua Bell über die Jahre hinweg keineswegs verändert: Er ist kein Feuerkopf, sondern ein sorgfältig planender, stets aus der inneren Ruhe gestaltender Musiker, ein Geiger des schönen Tons und der entspannten Virtuosität, auch ein – im besten Sinne – berechenbarer Partner für sein musizierendes Umfeld.
Schumanns „Frühlingssinfonie“ bekam die reduzierte Streicherbesetzung noch besser als dem Brahms-Konzert. Eine gewisse Schwere und Umständlichkeit der Orchestrierung wurde durch die starke Bläserpräsenz unauffällig kaschiert; im insgesamt sehr hellen, klar konturierten Klangprofil waren auch gelegentliche Schärfen des Blechs gut integriert. Einzig bei der innig-schwärmerischen Melodik des langsamen Satzes vermisste man ein wenig den großen Bogen, den weiten Atem, den nahtlosen Fluss – aber das ist ohne stabführenden Dirigenten wohl auch schwer zu erzielen.

