Linus Geschke ist mit seiner Donkerbloem-Trilogie bekannt geworden. Eine Begegnung mit dem Kölner Thriller-Autoren.
Linus GeschkeEin Leben, das sich nicht real anfühlt

Linus Geschke, Kölner Bestseller-Autor
Copyright: Sven Winterschladen beim Redaktionsbesuch
Linus Geschke weiß schon am Anfang, wie es endet. Wie es ausgeht. Was zum Schluss passieren wird. Bevor er die ersten Worte schreibt, hat er die letzten schon im Kopf. Geschke, 55, ist Bestsellerautor aus Köln. Er lebt in Ehrenfeld. Gerade schreibt Geschke an den letzten 50 Seiten seiner viel beachteten Donkerbloem-Trilogie. Es ist eine Thrillerreihe, die in den Ardennen spielt.
„Der Trailer“ und „Das Camp“ haben es bereits auf die Bestsellerlisten geschafft. „Die Schlucht“, die am 2. Oktober bei Piper erscheinen wird, wird das auch schaffen. Daran gibt es wenig Zweifel, dafür warten die Geschke-Fans zu sehnsüchtig auf den Abschluss der Serie.
Es ist ein milder Frühlingstag, als Geschke dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ einen Besuch abstattet. Er ist gut gelaunt, ein wenig erschöpft – vor wenigen Tagen noch stand er auf der Bühne, hat aus seinen Büchern vorgelesen, Hände geschüttelt, Selfies gemacht, Exemplare signiert. Es ist ein Leben, das er sich lange erträumt hat. Und das sich noch immer nicht ganz real anfühlt.
„Es war schon immer mein Traum, Bücher zu schreiben“, sagt er. „Lange war das schwierig, weil die Verlage im Krimi- und Thrillerbereich in erster Linie auf internationale Autoren gesetzt haben – vor allem auf Kolleginnen und Kollegen aus Skandinavien. Sebastian Fitzek hat mit seinem Erfolg die Tür für deutsche Autorinnen und Autoren geöffnet.“ Eine Tür, durch die Geschke mit Anlauf gegangen ist.
Geschke schreibt nicht blutig. Seine Dunkelheit ist subtiler, unheimlicher
Wer sich dieser Tage in Kölner Buchhandlungen umschaut, findet seine Thriller an prominenten Plätzen: im Schaufenster, auf dem Tisch direkt beim Eingang, auf Empfehlungsschildern mit handgeschriebenen Zetteln. Das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahren kannte ihn kaum jemand jenseits eines treuen Leserstamms.
Die Trilogie hat ihn in den Fokus gerückt. Sie spielt vorwiegend auf dem abgelegenen Campingplatz Donkerbloem in den belgischen Ardennen. Sie erzählt von einer jungen Frau namens Lisa, die dort vor 15 Jahren spurlos verschwunden ist, und von den Lügen, die seither gewachsen sind wie Moos auf alten Steinen. Wout Meertens, der zwielichtige Kölner Barbesitzer, ist vorbestraft, hat damals aber etwas gesehen – und schweigt. Bis eine True-Crime-Podcasterin den Fall wieder aufwühlt. Und nicht ahnt, dass sie damit nur neue Morde auslöst.
In einer Szene gleich zu Beginn des ersten Bandes kauert Lisa unter dem Fenster ihres Wohnwagens. Sie wagt nicht, zu atmen. Die gespenstische Stille schreit sie an. Jedes Geräusch könnte sie verraten. Könnte sie töten. Dann ist sie weg. Einfach weg. Und 15 Jahre vergehen.
Geschke schreibt nicht blutig. Seine Dunkelheit ist subtiler, unheimlicher – sie schleicht sich ein, bevor man merkt, dass man bereits mittendrin ist. Ein starker Satz, sagt er, kann mehr bewirken als die detaillierte Beschreibung eines Mordes. Man glaubt ihm das, wenn man seine Bücher liest.
Mit Sebastian Fitzek in einem Atemzug genannt zu werden, schmeichelt ihm – aber er winkt ab. „Das wäre vermessen.“ Fitzek füllt die Lanxess-Arena. Geschke vielleicht den Tanzbrunnen. Wenn es gut läuft. Aber das ist keine Frage der Qualität, sondern der Bekanntheit. Fitzek ist der Star der Szene, Geschke rollt gerade das Feld von hinten auf. Geschkes Thriller sind psychologisch, atmosphärisch, leise bedrohlich. Sie spielen mit der Fantasie der Leserinnen und Leser, oft auch mit deren Nervenkostüm.
Bevor er Bestseller-Autor wurde, war Geschke Journalist. Jahrelang schrieb er Reisereportagen – für „Spiegel Online“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, verschiedene Fachmagazine. Er war viel unterwegs, sah viel von der Welt. Und wurde für seine Arbeit mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet. Dann kam der Punkt, an dem die eigenen Geschichten lauter wurden als die der anderen.
Irgendwann wollte ich meinen Traum in die Realität umsetzen
„Irgendwann wollte ich meinen Traum in die Realität umsetzen“, sagt er. „Also habe ich das Manuskript meines Debütthrillers an verschiedene Verlage geschickt – und hatte direkt Erfolg.“ Er sagt das ohne Prahlerei. Fast etwas ungläubig, als würde er sich selbst noch einmal vergewissern, dass es wirklich so war.
Der Journalist in ihm ist nicht verschwunden. Man merkt es an der Art, wie er Figuren beobachtet, wie er Milieus beschreibt, wie er eine Szene aufbaut. Wie eine Recherche – Detail für Detail, bis das große Bild sichtbar wird. Wout Meertens, der Barbesitzer, ist kein Klischee-Bösewicht. Er ist jemand, den man kennt. Den man vielleicht schon mal getroffen hat. Dass seine Thriller verfilmt wurden, freut ihn. Dass Leserinnen und Leser ihm schreiben, dass sie bis drei Uhr morgens nicht aufhören konnten, zu lesen, freut ihn mehr.
Zu Hause ist Geschke in Köln-Ehrenfeld, und das in einem Sinn, der über die Postleitzahl hinausgeht. Drei Jahre lang hat er der Liebe wegen in Erkelenz gewohnt. Drei Jahre, in denen ihm auf der A4, kurz vor Köln, immer dasselbe passiert ist: Er fuhr über eine kleine Erhebung – und plötzlich lag die Silhouette der Stadt vor ihm. Dom. Stadion. Fernsehturm. „Da wusste ich jedes Mal, dass das mein Zuhause ist“, sagt er. „Das Köln-Gen steckt tief in mir drin. Die Stadt hat sicherlich ihre hässlichen Seiten. Aber die Menschen hier sind einfach besonders. Vom Lebensgefühl her kann ich keine andere Stadt mit Köln vergleichen.“
Und natürlich: der FC. Als gebürtiger Kölner schlägt sein Herz fast zwangsläufig für den 1. FC Köln. „Manchmal tut das weh, weil dieser Verein einen leiden lässt. So wie im Moment leider auch“, sagt er – und lächelt dabei auf eine Weise, die zeigt, dass er längst Frieden damit gemacht hat. „Aber man sucht es sich ja nicht aus. Man bekommt von klein auf mitgegeben, welchen Verein man liebt.“
Geschke wird weiter schreiben. Weiter Figuren in dunkle Wälder schicken, auf verlassene Campingplätze, an Orte, wo die Stille schreit. Die Ideen für seine nächsten Bücher sind bereits da, im Kopf, wartend. Er lässt sie noch nicht raus.
Bevor das passiert, wird er weiter leiden, wenn der FC verliert. Wird über die A4 nach Hause fahren und die Silhouette seiner Stadt sehen. Wird die letzten 50 Seiten eines Buchs zu Ende schreiben, dessen Ende er schon lange kennt. Geschke weiß schon am Anfang, wie es endet. Wie es ausgeht.
