Brisante Aussagen zu Julian Reichelt„Reschke Fernsehen“ spricht von strukturellem Sexismus bei der „Bild“

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Anja Reschke sitzt auf einem Stuhl, ist zurückgelehnt und hat die Beine auf einem Tisch überschlagen. Im Hintergrund das Studio und die Aufschrift "Reschke Fernsehen"

Anja Reschke präsentiert im Ersten „Reschke Fernsehen“

In der Late-Night-Show „Reschke Fernsehen“ war der Umgang der „Bild“ mit Julian Reichert Thema. Wegen der Aussagen von Mitarbeitenden seien sogar Gegenuntersuchungen angeregt worden, um die Betroffenen unter Druck zu setzen. Diese kommen in der Sendung anonym zu Wort.

In ihrer neuen Late-Night-Show „Reschke Fernsehen“ hat Anja Reschke weitere Recherchen zum Fall des Ex-Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt vorgestellt. In der Sendung wurde anhand anonymer Zeugenaussagen beschrieben, wie Reichelt seine Macht als Bild-Chef missbraucht habe, um sich Mitarbeiterinnen anzunähern. Das hätte bereits 2019 ein Mitarbeiter in einer anonymen Beschwerde dargelegt. „Wir reden über strukturellen Sexismus in Deutschlands großartigster – Entschuldigung – größter Zeitung“, leitet Reschke die Sendung ein. Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner spricht in einer YouTube-Botschaft dagegen nur von einvernehmlichen Beziehungen.

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Reschke Fernsehen: Julian Reichelt und die Frauen: 'Bumsen, belügen, wegwerfen' | ARD Mediathek

Anja Reschke beruft sich auf die Aussagen von 50 Menschen im Umfeld Reichelts oder des Springer Konzerns, die in der aufwendig inszenierten Sendung durch lebensgroße graue Pappaufsteller repräsentiert sind. Im Hintergrund warten sie als Kulisse auf ihren Einsatz und rücken dann anhand von Licht und Kameraschwenks in den Fokus, wonach ihre Aussagen nachgesprochen abgespielt werden. „Er hat mir sehr anzügliche und übergriffige Nachrichten geschrieben, auf die ich aufgrund meiner beruflichen Abhängigkeit unmöglich frei antworten konnte“, wird eine anonyme Zeugin zitiert.

„Reschke Fernsehen“ beschreibt den Fall Julian Reichelt als strukturelles Problem bei der „Bild“

„Reschke Fernsehen“ liegen Nachrichten vor, die Reichelt an Mitarbeiterinnen geschickt haben soll. Einer Mitarbeiterin soll er geschrieben haben: „Weil ne dumme Affäre wie du es nicht besser verdient hat, ganz einfach: Bumsen, belügen, wegwerfen.“ Die Aussagen werden einem Auftritt Reichelts bei „Servus TV“ gegenübergestellt, in dem er sich als großer Förderer übersehener Frauen beschreibt.

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Reschkes Sendung zeigt dagegen einen systematischen Charakter der Vorfälle, der auch von Kolleginnen und Kollegen wahrgenommen worden sei. Wenn Reichelt sich wieder unter Praktikantinnen oder Volontärinnen jemanden für seine Annäherungen ausgesucht habe, sei das intern aufgefallen. Eine der Mitarbeiterinnen wird zitiert: „Uns Führungskräften war immer klar: Das ist Julians neues Zielobjekt.“

Anja Reschkes Late-Night-Show stützt sich auch auf US-Journalistin Erika Solomon

Mit Hilfe der Recherche-Ergebnisse der US-amerikanischen Journalistin Erika Solomon wird beschrieben, dass Döpfner mit Mitgliedern aus dem Vorstand Gegenermittlungen angeregt habe, um sich gegen die Vorwürfe von Ex-Mitarbeitern wehren zu können. Der Konzern habe versucht, die Debatte weg von Sexismus und MeToo zu bringen. Es wären Dossiers von Personen erstellt worden, die sich kritisch geäußert hatten, um sie einflussreichen Journalisten zuzuspielen.

Immer wieder versucht „Reschke Fernsehen“ mit Musik, kleinen Gags oder durch kleine Kurzclips, etwa aus Pulp Fiction, das Thema satirisch-locker rüberzubringen. Das gelingt nur mäßig, wobei die Schwere des Themas nicht hilft. Der Fall eines Vergewaltigungsvorwurfs gegen Kai Diekmann, bei dem Julian Reichelt als Tatortreiniger fungiert habe, zeigte Reschke in einer ulkigen Powerpoint-Präsentation an ihrem Laptop.

Solche Elemente erinnern zwar an die Shows von John Oliver oder Jan Böhmermann, doch Reschkes Stärken liegen eher in der Analyse und Recherche als im Humor. Zudem fehlt ein Publikum, das auf die Moderatorin reagieren und die Stimmung einfangen kann. So hat die Show einen seltsam hybriden Charakter, irgendwo zwischen Fernsehen, Theater und flotter YouTube-Analyse à la Rezo. „Reschke Fernsehen“ muss noch seinen Ton finden.

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