Restaurierung der Kölner Wallraf-Bibliothek„Das ist eine Arbeit mit Skalpell und Pinzette“

Lesezeit 4 Minuten
Christiane Hoffrath zeigt in der Universitäts- und Stadtbibliothek einen Band aus der bedeutenden Inkunabelsammlung, das sind Bücher, die vor 1500 gedruckt wurden.

Christiane Hoffrath zeigt in der Universitäts- und Stadtbibliothek einen Band aus der bedeutenden Inkunabelsammlung, das sind Bücher, die vor 1500 gedruckt wurden.

14.000 Bücher umfasst die Wallraf-Bibliothek, die nach umfangreichen Restaurierungen in neuem Glanz erstrahlt.

Wer Bücher retten will, braucht vor allem eines: Geduld. Davon hat die Restauratorin Izabella Waligorski reichlich. Im Auftrag der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek (USB) erweckt sie Bücher aus der Bibliothek von Ferdinand Franz Wallraf zu neuem Leben. Ob Wasserschäden, Schimmelbefall, Tierfraß oder Ledereinbände, die über die Jahrhunderte steinhart und brüchig geworden sind - für alles finden sie und ihre Kolleginnen in 14 Werkstätten eine Lösung. „Restaurierung ist eine Arbeit mit Skalpell und Pinzette“, sagt Waligorski. Besonders kniffelig wird diese Arbeit, je kleinformatiger die Bücher sind: „Die Kleinsten sind die Schlimmsten.“

Die Restauratorinnen - in den Werkstätten arbeiten ausschließlich Frauen - müssen in einem ersten Schritt herausfinden, welche Materialien überhaupt verwendet wurden. Von welchem Tier stammt das Leder? Welches Holz wurde verwendet? Aus welchem Stoff sind die Bändchen, die als Verschluss dienten? Hinzu kommen häufig Lieferschwierigkeiten für Pergament und Leder, das den Ansprüchen genügt. In Deutschland ist das kaum zu bekommen, das Material stammt meist aus Ungarn und Polen. Hart gewordenes Leder muss in vielen Schritten immer wieder neu feucht und so irgendwann wieder biegsam gemacht werden. Für Bücher, die von Schimmel befallen sind, braucht es eigene Lüftungen, denn die Sporen können auch nach Jahrhunderten noch problematisch sein. 

Wallraf zwar ein begnadeter Sammler war, aber kein begnadeter Bewahrer

All das kostet Zeit - und sehr viel Geld. Lange war die Wallraf-Bibliothek in keinem guten Zustand. Das liegt auch daran, dass der große Kölner zwar ein begnadeter Sammler war, aber kein begnadeter Bewahrer, wie Christane Hoffrath berichtet. Die Dezernentin ist für die historischen Bestände und Sammlungen und für die Bestandserhaltung und deren Digitalisierung an der USB zuständig. „Wallraf hat nie auch nur ein Buch binden oder restaurieren lassen“, sagt sie. Für den Erhalt der zum großen Teil antiquarisch erworbenen und während der Säkularisierung geretteten Bände fehlte ihm schlicht das Geld. 

Anders als heute war es zu seinen Lebzeiten nämlich so, dass man Bücher ohne Einband erwarb. Diesen ließ der neue Besitzer dann je nach Geschmack und Geldbeutel binden - oder eben auch nicht. Wobei Hoffrath Bücher ohne Einband lieber sind als solche, um die irgendwann Jahrhunderte später ein Einband nach dem Geschmack der Zeit gefertigt wurde, der mit dem Buch gar nichts zu tun hat. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dieser Schatz in Holzkisten im Keller der Abtei Himmerod aufbewahrt. Durch diese unsachgemäße Lagerung wurden viele weitere Bücher beschädigt.

14.000 Bände umfasst die Wallraf-Bibliothek. Pünktlich zum 200. Todestag erstrahlt sie nun in neuem Glanz. Und das ist der Initiative von Peter Jungen zu verdanken, der 2018 Bund, Land, Stadt und Universität für eine außergewöhnliche Rettungsaktion begeistern konnte. Ein Kuratorium, dem Jungen vorsitzt, begleitet das Projekt und unterstützt es durch das Einwerben von Buchpatenschaften. Knapp 1,7 Millionen Euro kamen insgesamt zusammen, davon knapp 100.000 Euro über die Patenschaften.

Wallraf hat nie auch nur ein Buch binden oder restaurieren lassen
Christiane Hoffrath, Universitäts- und Stadtbibliothek

Wer die Bibliothek besucht, sieht, dass das Geld gut angelegt ist. Ungefähr 1100 Bände wurden in externen Werkstätten restauriert, alle anderen Bücher haben Hoffrath und ihr Team, darunter die Expertinnen und Experten der hauseigenen Buchbinderei untersucht, gereinigt, durch kleine Reparaturen instand gesetzt und neu angeordnet. Für viele Bücher wurden passgenaue Pappboxen und sogenannte Buchschuhe hergestellt.

Besonders beeindruckend ist Wallrafs Inkunabelsammlung. Das sind Bücher, die zwischen der Erfindung des Buchdrucks und dem Jahr 1500 gedruckt wurden. Köln war in dieser Zeit einer der Hochburgen des revolutionären Verfahrens. Einige diese aufwendig verzierten Bände sind so schwer, dass man sie kaum anheben kann. 

In einem nächsten Schritt können die nun wieder lesbaren Bücher digitalisiert werden, aber auch nur, wenn sich der Band weit genug öffnen lässt, ohne neue Schäden zu verursachen. „Wir digitalisieren kein Buch kaputt“, betont Hoffrath.

Und die Restaurierung der Wallraf-Bibliothek war erst der Anfang. In einem weiteren Projekt, erneut vorangetrieben von Peter Jungen, soll nun die gesamte Historische Stadtbibliothek mit einem Bestand von rund 300.000 Büchern restauriert werden. So schnell geht dem Team der Buchbinderei und den Restauratorinnen die Arbeit wohl nicht aus.


Die Universitäts- und Stadtbibliothek hat gemeinsam mit dem Historischen Archiv und dem Rheinischen Bildarchiv die Ausstellung „Ein Buch ist ein Ort. Wallrafs Bibliothek für Köln“ konzipiert. Sie ist vom 12. April bis zum 9. Juni zu sehen. Jeden Mittwoch (außer 1. Mai) gibt es öffentliche Führungen um 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Rahmenprogramm gibt es drei Vorträge. Am 23. spricht Christiane Hoffrath über: „Ein Buch ist ein Ort. Wallrafs Bibliothek für Köln“. Am 8. Mai hält Max Plassmann einen Vortrag zu „Wallraf Privat - anhand seiner Rechnungsbücher". Und am 5. Juni folgen Christine Felds Ausführungen zu: „Von Albertus Magnus bis zum Schachzabel - Wallrafs Handschriftensammlung“.

Nachtmodus
KStA abonnieren