Vernarrt in Kunst, Bücher und KölnZum 200. Todestag von Ferdinand Franz Wallraf

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Ferdinand Franz Wallraf trägt eine Perücke und schaut die Betrachter an.

Der Kölner Sammler Ferdinand Franz Wallraf, gemalt von Johann Anton de Peters. Das Gemälde gehört zur Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums.

Köln feiert den Sammler Ferdinand Franz Wallraf anlässlich seines 200. Todestags. Ein Porträt des legendären Ehrenbürgers.

Ferdinand Franz Wallraf muss eine kämpferische Natur gewesen sein. Als junger Lehrer stritt er zum Missfallen etlicher Kollegen für besseren, weil weniger katholischen Unterricht, später entwarf er im Auftrag des Kölner Rates eine Hochschulreform, aus der dann allerdings nichts wurde. Und als er 1794 endlich zum Rektor der Kölner Universität berufen wurde, war an Reformen erst einmal nicht mehr zu denken. Stattdessen musste er den napoleonischen Besatzern die Erlaubnis abringen, überhaupt Vorlesungen abhalten zu dürfen.

Die Franzosen waren es auch, die Wallrafs ohnehin großen Sammeleifer anfachten, als sie damit begannen, Kölner Kirchen zu plündern oder ganze Bibliotheken fortzuschaffen. Wallraf versuchte zu retten, was zu retten war, kaufte zahllose Gemälde und führte über das, was die Besatzer mitnahmen, akribisch Buch. Dank seines Inventars konnte Köln später viele geraubte Kulturschätze zurückbekommen.

Vor sechs Jahren feierte die Stadt Köln ihren „Retter“ zum letzten Mal

Als das Wallraf-Richartz-Museum seinen Namenspatron vor sechs Jahren zum „Retter“ Kölns ausrief, war das zwar etwas übertrieben, aber sowohl dem Mann als auch dem Anlass angemessen. Wallraf konnte sich für vieles über das vernünftige Maß hinaus begeistern, und in Köln war der leidenschaftliche Sammler mindestens so vernarrt wie in Gemälde, Bücher oder Mineralien. Beinahe alles, was kölnisch war, erschien ihm wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben. 1818 setzte er seinem Lokalpatriotismus die Krone auf und vermachte seiner Heimatstadt eine riesige Sammlung. Nach Wallrafs Tod war die Stadt allein zwei Jahre damit beschäftigt, das Erbe zu zählen und zu archivieren.

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2018 lag das segensreiche Testament genau 200 Jahre zurück. Auf das damalige Jubel- folgt jetzt das feierlich begangene Trauerjahr: Am 18. März ist Ferdinand Franz Wallraf 200 Jahre tot. In dieser raschen Abfolge der Wallraf-Festspiele zeigt sich vielleicht auch das schlechte Gewissen einer Stadt, die sich von den Wohltaten ihres Ehrenbürgers mitunter überfordert fühlte. Es dauerte 30 Jahre, bis die Wallraf-Sammlung ein ordentliches, von Johann Heinrich Richartz gestiftetes Museum bekam. Seine Bibliothek wurde in den vergangenen Jahren ebenfalls durch bürgerschaftliches Engagement vor dem Verfall bewahrt.

So richtig präsent war Wallraf bis ins Jubiläumsjahr 2018 den Kölnern eigentlich nicht, jedenfalls gemessen an der Bedeutung, die er zu Lebzeiten hatte. Als Sammler war er bereits um 1800 legendär und sein Haus eine Sehenswürdigkeit für kulturbeflissene Reisende. Der Romantiker Friedrich Schlegel war bei Wallraf ebenso zu Gast wie Johann Wolfgang Goethe, der angesichts der chaotischen Zustände im Heim des Sammlers allerdings alle Hoffnung fahren ließ.

Die Museumsstifter Ferdinand Franz Wallraf und Johann Heinrich Richartz sitzen in Bronze gegossen vor „ihrem“ ehemaligen Museum.

Die beiden Skulpturen der Museumsstifter Ferdinand Franz Wallraf (vorne) undJohann Heinrich Richartz vor dem ehemaligen Wallraf-Richartz-Museum in Köln.

Weniger bekannt ist Wallraf den heutigen Kölnern als Politiker, Lehrer und Städteplaner. 1804 wurde er als ehemaliger Leiter des Botanischen Gartens mit der Aufgabe betraut, einen parkähnlichen Friedhof zu entwerfen, der heute noch Melaten heißt. Auch zahlreiche Straßennamen gehen auf ihn zurück. Während der französischen Besatzung säuberte er das Stadtbild, indem er Wege neu benannte und die alte Kölner Liederlichkeit zu tilgen versuchte. Er entwarf ein römisches Viertel, um die Bürger an ihre stolze Geschichte zu erinnern, und wertete schmuddelige Ecken durch Lautverschiebungen auf: Aus der Kotzgasse wurde die Kostgasse, und die Diebe waren fortan in der Thieboldgasse daheim. Sogar Wallrafs Heimatliebe kannte offenbar Grenzen des guten Geschmacks. Trotzdem ließ er mehrfach Gelegenheiten verstreichen, gut dotierte Posten an der Bonner Universität zu übernehmen.

Wallraf war wohl ein typisches kölsches Gewächs. Sein Vater, ein Schneider, hatte es auch deswegen zu Wohlstand gebracht, weil er die strengen Zunftregeln ein wenig dehnte; seiner Mutter, die Tochter eines Brauers, wurde die Verwandtschaft eines bekannten Gelehrten angedichtet. Auch der Sohn lernte rasch, sich Freiräume im strengen Gefüge der vom Katholizismus geprägten Stadt zu suchen. Er empfing die Priesterweihe, um die Gelehrtenlaufbahn einschlagen zu können, und versuchte das Kirchensystem von innen mit aufklärerischen Ideen zu sprengen. Wallraf wurde Doktor der Medizin, später Professor für Botanik, aber seine Interessen gingen weit über seine angestammten Fachgebiete hinaus. Gegen viele Widerstände wollte er das Schulwesen modernisieren, eine Anstrengung, die ihn selbst in den Augen seiner Gegner zur intellektuellen Größe werden ließ.

Nach dem Einmarsch der Franzosen wurde Wallraf zu einem der Chefunterhändler der besetzten Stadt

Nach dem Einmarsch der Franzosen wurde Wallraf zu einem der Chefunterhändler der besetzten Stadt. Er begleitete Bürgermeister Johann Maria Nikolaus DuMont 1795 nach Paris, um den Revolutionären die Kölner als zu schonende Brüder im Geiste der Freiheit zu verkaufen – leider blieb sein Ansinnen ohne Erfolg. 1797 verweigerte er den Eid auf die neue Verfassung und wurde als Universitätsrektor abgesetzt. Aus dieser Niederlage zog er offenbar die Lehre, auch das französische System aus dem Inneren anzugehen. Als Napoleon 1804 die Stadt besuchte, hing Köln voller von Wallraf verfasster Lobeshymnen auf den Kaiser.

Seine wichtigste Tat für Köln war den Ankauf zahlreicher Gemälde, die während der französischen Säkularisierung mitunter buchstäblich auf der Straße landeten. Wallraf war zwar nicht der einzige Kölner Sammler, der half, die kölnische Kirchenkunst wenigstens teilweise in der Stadt zu halten. Aber seine Mitbieter, etwa die Brüder Boisserée oder der selbsternannte Baron Hüpsch, verkauften oder vererbten ihre Sammlung später an andere Städte. Einige Werke aus der Wallraf-Sammlung zählen bis heute zu den größten Schätzen des nach ihm benannten Museums: etwa der „Kreuz-Altar“, Albrecht Dürers „Pfeifer und Trommler“ oder Stefan Lochners „Muttergottes in der Rosenlaube“.

Solche Meisterwerke sind für Ferdinand Franz Wallraf das, was die Pop-Art für Peter Ludwig ist: ein Faustpfand für seinen Nachruhm. Aber auch der auf mehrere städtische Institutionen verteilte „Rest“ kann sich sehen lassen. Als Wallraf starb, ahnten sein Erben nur, was seine Sammlung enthielt. Heute wissen wir es genau: 1616 Gemälde, 3874 Zeichnungen, 9923 Mineralien und Fossilien, 38254 Grafiken sowie Waffen, Rüstungen, Münzen, Karten, Urkunden, Bücher und sogar antike Denkmäler in kleinerer, aber keinesfalls kleiner Zahl. Für ein einzelnes Leben war das eigentlich zu viel. Aber gerade recht bemessen für Wallrafs Heimatstadt.

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