Wallraf-Jahr 2024Ferdinand Franz Wallraf ist der Geschmackspapst von Köln

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Denkmal für Ferdinand Franz Wallraf vor dem Museum für Angewandte Kunst in Köln.

Denkmal für Ferdinand Franz Wallraf vor dem Museum für Angewandte Kunst in Köln.

Wallraf war nicht nur ein bedeutender Kunstsammler, sondern hatte auch großen Einfluss auf das Stadtbild Kölns im 19. Jahrhundert. Er plante zudem einen der berühmtesten Orte Kölns.  

„Die neuere Geschichte Kölns weist keine Persönlichkeit auf, die mit dem gesamten städtischen Leben, mit allen Bestrebungen und Zuständen der Kölner Kultur, Kunst und Wissenschaft so verwachsen wäre, wie eben der genannte hochverehrte Mann.“ So schreibt Leonhard Ennen in einer bereits 1857 erschienenen Abhandlung über Franz Ferdinand Wallraf (1748 bis 1824).

Heute, gut 150 Jahre und viele wissenschaftliche Untersuchungen später, gelten Ennens Worte nach wie vor. Und auch an seiner Erkenntnis, wie wichtig der Kölner Gelehrte in seiner Zeit war, hat sich nichts geändert. Deshalb ist es folgerichtig, das Jahr 2024 in Köln als „Wallraf-Jahr“ zu feiern.

Barbara Schock-Werner im Museum Schnütgen, der früheren Klosterkirche Sankt Cäcilia in Köln.

Barbara Schock-Werner im Museum Schnütgen, der früheren Klosterkirche Sankt Cäcilia in Köln.

Der studierte, 1772 zum Priester geweihte Theologe, Mediziner und Hochschullehrer mit vielen einflussreichen Freunden in Köln wird als fröhlicher, geselliger Mensch geschildert. Schon vor der französischen Besatzungszeit zählt er zu jenen Kreisen in Köln, die Fortschritt und Toleranz herbeisehnen. Er verkehrt in zahlreichen Klubs und musischen Zirkeln, die sich mal bilden und mal auch wieder auflösen. Heute würden wir „Bürgerinitiativen“ dazu sagen. Auch ist Wallraf Mitglied diverser Gesellschaften, darunter Geheimbünde wie die Illuminati oder die Rosenkreuzer.

Sammler von Mineralien, Kunstwerken und Büchern

Abseits seines beruflichen Werdegangs, auf den ich an dieser Stelle nicht ausführlich eingehe, gelingt es ihm, mit seinen Ideen mehr und mehr Einfluss zu gewinnen. Er ist ein großer Sammler, zuerst schwerpunktmäßig von Mineralien, später auch von Kunstwerken – sowie von Büchern.  Allein etwa 50 Bände seiner stattlichen Bibliothek befassen sich direkt mit Architekturproblemen, denen Wallraf besondere Aufmerksamkeit widmet. Sein Ideal, dem Geist der Zeit gemäß: die klassische Antike.

Nur wenige Anhänger des Klassizismus, Kunstliebhaber wie Architekten, konnten es sich seinerzeit leisten, nach Griechenland zu reisen und dort die antiken Tempel zu studieren. Wallraf kommt nicht einmal bis Rom. Sein Wissen über die klassische Baukunst stammt aus grafischen Blättern und eben aus Büchern.


Ferdinand Wallraf bezog sein Wissen über die griechische und römische Antike vor allem aus Büchern seiner umfangreichen Bibliothek. Teile davon sind erhalten.

Ferdinand Wallraf bezog sein Wissen über die griechische und römische Antike vor allem aus Büchern seiner umfangreichen Bibliothek. Teile davon sind erhalten.

Auch die Titel seiner Vorlesungen an der Kölner Universität zeigen, wie wichtig ihm Ästhetik und guter Geschmack sind. Unter seinen erhaltenen Büchern finden sich einige, die ihn dahin gehend unterstützten, dass der gute und – das ist eindeutig – an der Antike angelehnte Geschmack bedeutsam sind für die Entwicklung der Stadt Köln und das Wohlbefinden ihrer Bürger.

Diese Überzeugung vertritt Wallraf ebenso wie die Autoren der von ihm konsultierten Literatur. Sein rhetorisches Charisma, zusammen mit seinem gesellschaftlichen Engagement, macht ihn mehr und mehr zum „Geschmackspapst“ Kölns.

Sein Sinn für Ästhetik, der sich auch auf Literatur bezieht, drückt sich nicht zuletzt in seinen, heute etwas kurios wirkenden Professorenstellen aus. Am Montaner-Gymnasium hat er einen Lehrstuhl für Philosophie inne und hält unter anderem eine Vorlesung unter dem Titel „Die Aesthetik – oder die Theorie des Geschmacks in den schönen Künsten und Wissenschaften“.

Wallrafs Vorlesungen ziehen auch Vertreter der Kölner Gesellschaft an

An der altehrwürdigen Kölner Universität ziehen Wallrafs Vorlesungen nicht nur Studierende an, sondern auch Vertreter der Kölner Gesellschaft. Leonard Ennen zufolge besuchten „mehrere Fürsten und Grafen des hohen Domkapitels, die städtischen Bürgermeister, einzelne Ratsmitglieder, viele Stiftsherren und andere angesehene Einwohner seine Vorlesungen, die allmählich zu einer Art Modesachen geworden waren“.

So nimmt es nicht wunder, dass Wallraf in vielen Fragen, die die „neue Zeit“ hervorbringt, zurate gezogen wird und so auch ganz praktisch auf die Architektur der Stadt einwirkt.

In Naturwissenschaften promoviert, hat Wallraf 1784 eine Professur für Botanik und Lehre der Naturgeschichte an der Medizinischen Fakultät übernommen. Damit obliegt ihm auch die Betreuung des 1730 gegründeten Botanischen Gartens in der Zeughausstraße, für den er nicht nur 2500 neue Pflanzen anschafft, sondern auch ein neues Treibhaus errichten lässt, natürlich im ionischen Stil. Leider sind davon keine Abbildungen erhalten.

Wallraf sorgt für den Erhalt der Kölner Klosterkirchen

Nachdem in der Säkularisation die Klöster in der Stadt aufgelöst worden sind, sorgt Wallraf in einer entsprechenden Kommission dafür, dass die Klosterkirchen erhalten und zu Pfarrkirchen umgewidmet werden. Stattdessen verschwinden die weit weniger anspruchsvollen Pfarrkirchen, die häufig in unmittelbarer Nähe der großen Kirchen liegen.

Von der Zerstörung verschont bleibt die Pfarrkirche Sankt Peter neben der Klosterkirche Sankt Cäcilien. Nachdem das Frauenkloster 1802 aufgehoben und die Klosterbauten abgerissen werden, entsteht hier ab 1810 das erste städtische Bürgerhospital, dem die Klosterkirche als Spitalkirche dient. Deshalb bleibt Sankt Peter als eigenständige Pfarrkirche erhalten. Das Gebäudepaar ist bis heute vorhanden.

An der Rettung von Stefan Lochners Altar der Stadtpatrone ist Wallraf beteiligt

Dagegen zählt Leonhard Ennen 63 Kirchen und Kapellen auf, die den Wirren der Säkularisation zum Opfer fallen. Unter ihnen sind, um nur zwei Beispiele zu nennen, St. Brigiden neben Groß Sankt Martin und Maria ad Gradus östlich des Doms. Angesichts dieser Radikalzerstörung sakraler Bauten ist Wallraf wenigstens bemüht, möglichst viel von deren Ausstattung zu retten.

„So oft Rohheit und Unverstand einzelne Monumente zerstören, Zierraten hinauswerfen, Statuen vernichten, Altäre entstellen wollte, war es stets Wallrafs strafendes Wort und bessere Einsicht, wodurch der blinden Zerstörung und dem rohen Vandalismus Einhalt geboten wurde“, stellt Leonhard Ennen 1857 fest.

An der Rettung von Stefan Lochners Altars der Stadtpatrone und des Clarenaltars, heute beide im Dom, ist Wallraf zusammen mit Sulpiz Boisserée (1783 bis 1854) beteiligt. Etliche der geretteten Werke gelangen dabei in die Sammlungen der beiden kunstbeflissenen Männer.

Planung für den Kölner Friedhof Melaten

Als die französische Verwaltung Beerdigungen innerhalb der Stadtmauern verbiete und auf dem ehemaligen Leprosen-Gelände an der Aachener Straße einen neuen Zentralfriedhof anlegen lässt, übernimmt Wallraf die Planung. Der gewählte Grundriss des Areals, das heute allen Kölnerinnen und Kölnern unter dem Namen „Melaten“ geläufig ist, ist gänzlich unoriginell und in seiner schlichten Rechteckigkeit völlig dem Beerdigungs- und Verwaltungspragmatismus untergeordnet. Am Hauptweg von Süden nach Norden liegen die Gräber erster Klasse, an den Querwegen die Gräber zweiter Klasse, in den Fluren dazwischen die Reihengräber dritter Klasse.

Auch für das Eingangstor, zu dem die Friedhofsmauer – um das Entrée zu betonen – halbkreisförmig zurückschwingt, hat Wallraf persönlich den Entwurf gefertigt. Mit den schrägen, „geböschten“ Seiten könnte man ihn ägyptisierend nennen. Die Widmungsinschrift „Ein den sterblichen Resten der Kölner geheiligter Ort“ und Gedichte auf seitlich angebrachten Tafeln stammen ebenfalls von Wallraf.

Darüber hinaus entwirft Wallraf Grabsteine, verfasst Grabinschriften und regt – wie es heißt – weitere an. Als gesichert eigenhändiger Entwurf gilt das Monument für Hauptpfarrer Michael Joseph DuMont (1746 bis 1818) zusammen mit der lobpreisenden Grabinschrift. DuMont war es, der den neuen Friedhof eingesegnet und damit auch für fromme Katholiken belegbar gemacht hat.

Im Fach Geschichte nicht wirklich kompetent

Die nach der französischen Verwaltung aufgelöste Universität wird 1798 zunächst durch neu gegründete Zentralschulen ersetzt. Wallraf bekommt eine Professur für Geschichte. Da er sich in diesem Fach aber nicht wirklich kompetent fühlt, tauschte er es gegen einen Lehrstuhl für Schöne Wissenschaften und Künste.

1805 werden auch die Zentralschulen aufgelöst und durch höhere Sekundarschulen ersetzt. Wallraf wird auf einen Lehrstuhl wiederum für Ästhetik und Schöne Wissenschaften berufen, den er bis zum Ende des napoleonischen Kaiserreichs behält. Mit Bitterkeit erfüllt es ihn, dass es in preußischer Zeit nicht zu einer Wiedergründung der Universität kommt.

Trotz seiner Sammelleidenschaft für die „altdeutsche“ sakrale Kunst und seines Engagements für den gotischen Dom bleibt Wallraf bis zu seinem Tod ein Verehrer der Antike. Ennen macht ihm in seiner Biografie daraus einen Vorwurf: „Was Wallrafs eigentliche Kunstrichtung betrifft, so klebte er gar zu sehr an den Principien der Classizität.“

Das mag stimmen. In der konsequenten Durchsetzung dessen, was er für den richtigen, guten Geschmack hielt, war Ferdinand Wallrafs Wirken in jedem Fall unglaublich erfolg- und folgenreich – bis heute.


Der Text ist eine gekürzte Fassung des Referats „Wallraf und die Architektur“, den Dombaumeisterin a.D. Barbara Schock-Werner zum Auftakt einer Vortragsreihe im Wallraf-Jahr 2024 hält. Anschließend spricht sie mit weiteren Expertinnen und Experten über Wallrafs Welt und prominente Gäste Kölns wie die Frauen des französischen Kaisers Napoleon, Johann Wolfgang von Goethe oder den Freiherrn vom Stein, denen Wallraf seine Stadt nahebrachte. (jf)

Sonntag, 28. Januar, 15 bis 17 Uhr, Overstolzen-Saal im Museum für Angewandte Kunst (MAKK), An der Rechtschule 7, 50667 Köln. Der Eintritt ist frei.

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