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Riccardo Simonetti„Ich finde den Begriff Authentizität unglaublich verbraucht“

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Riccardo Simonetti moderiert bald die Sendung „Glow up“ auf ZDFneo. 

  1. Riccardo Simonetti ist vielseitig unterwegs: als Entertainer, als Model, als Autor und Moderator.
  2. Nun soll er die neue ZDFneo-Show „Glow up" moderieren, bei der nach Deutschlands größtem Make-up-Star gesucht wird.
  3. Im Interview spricht Simonetti über Make-up, die Medienlandschaft und die Herausforderung, als queere Person in der Öffentlichkeit zu stehen.

Herr Simonetti, in Ihrer neuen ZDFneo-Show „Glow up“ sagt eine Jurorin: „Make-up ist ein Herzensöffner“. Was ist es denn für Sie?

Riccardo Simonetti: Für mich ist es eine Sprache, die für mich spricht, bevor ich selbst den Mund aufmachen kann, weil man mit Make-up gerade als Mann immer ein Statement setzt. Man stellt etwas dar, das für viele Menschen ungewöhnlich ist, wo sie Vorurteile haben. Man macht seinen Alltag nicht leichter, wenn man als Mann Make-up trägt. Ich mache es trotzdem und nehme all das in Kauf, weil es eine große intrinsische Motivation gibt, weil ich Lust habe, das zu machen. Die Erkenntnis, dass man sich selbst mehr liebt als die Meinung anderer und die Erwartung der Gesellschaft, ist für mich jeden Tag aufs Neue ein Statement. Deshalb glaube ich, dass Make-up mehr ist als nur Eitelkeit.

Sie sagen zurecht, dass Männer, die sich schminken, häufig schief angeguckt werden. Wann waren Sie selbstbewusst genug, solche Reaktionen zu ignorieren?

Das ist kein Moment, der das Leben in vorher und nachher scheidet. Am Anfang macht man das vielleicht nur zu Hause, dann für eine bestimmte Gelegenheit. Dann vielleicht auch im Alltag. Es spiegelt ja auch wider, wie man sich gerade fühlt, ob man das Selbstbewusstsein hat, sich dieser Aufmerksamkeit zu stellen. Ich bin immer eher extrovertiert mit diesen Dingen umgegangen, aber auch für mich war das ein Prozess. Ich bin nicht aufgewacht und hatte von Tag Eins das Selbstbewusstsein, dass ich heute habe. Und es ist ein Irrglaube, dass Selbstbewusstsein etwas ist, das man sich einmal erarbeitet, und dann geht es nie wieder weg.

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Simonetti moderiert auch die WDR-Sendung „Legendär“.

Das kann sich auch wieder ändern?

Das kann sich innerhalb von Sekunden wieder ändern. Egal, wie erfolgreich man ist, man muss sich jeden Tag aufs Neue entscheiden, ob man den Erwartungen der Gesellschaft gerecht werden oder seine eigenen Regeln machen möchte. Viele Leute haben das Gefühl, sie dürfen nicht zu viel machen, weil sie sonst zu viel Aufmerksamkeit erhalten, also machen sie sich eher klein, weil sie nicht anecken und auffallen wollen. Da macht man sein Seelenleben aber von außen abhängig. Ich will die Leute motivieren, ihre eigenen Regeln aufzustellen. Wenn sie Lust auf die volle Ladung haben, sollen sie das machen.

Neue Sendung „Glow up“ soll keine Casting-Show werden

Es gibt Menschen, die sagen, auffälliges Make-up zu tragen sei nicht authentisch, weil man sich gewissermaßen hinter einer Maske verstecke. Was sagen Sie denen?

Ich finde den Begriff Authentizität unglaublich verbraucht. Was ist denn authentisch? Authentisch ist, wenn jemand seinen inneren Bedürfnissen nachgeht. Jemand, der sich als graue Maus stylt, im Inneren aber ein Showgirl ist, müsste doch dann unecht sein. Die Leute benutzen das Wort oft, um andere kleinzureden, weil sie nicht damit klarkommen, dass die Realität einer anderen Person größer ist als die eigene.

„Glow up“ ist keine Castingshow im klassischen Sinne, aber es geht natürlich auch um Bewertungen. Ich hatte den Eindruck, Sie sind dabei sehr um Wertschätzung bemüht. War Ihnen die wichtig?

Hundertprozentig. Weil wir auch davon profitieren, wenn unser Cast sich wohlfühlt. Wir wollen niemanden bloßstellen, wir profitieren davon, wenn sie ihr selbstbewusstestes Ich zeigen, weil sie dann über sich hinauswachsen können. Wir wollen kreative Ergebnisse präsentieren, die begeistern. Wir haben nichts davon, wenn Drama inszeniert wird, wo kein Drama ist. Die Leute sollen die beste Version ihrer selbst sein. Ich bin ja auch Moderator und kein Juror und sehe mich im Team der Kandidaten. Ich will das emotionale Support-System sein.

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Simonetti schrieb gemeinsam mit seiner Mutter den Bestseller „Mama, ich bin schwul“ (2021).

Sie treten immer sehr freundlich auf, auch in anderen Formaten. Haben Sie eine Erklärung, warum sich trotzdem viele Menschen von Ihnen provoziert fühlen?

Menschen bekommen ihr Leben lang gesagt, sie müssten einem bestimmten Ideal entsprechen. Das fängt schon im Kleinkindalter an: Mädchen müssen so sein, Jungen so. Sie verbrauchen viel Zeit und Energie, sich diese Illusion anzueignen. Und wenn dann jemand – egal wie freundlich er ist - um die Ecke kommt und der lebende Beweis ist, dass all ihre Arbeit umsonst war, der zeigt, dass man ein glückliches Leben führen kann, unabhängig davon, wie die Gesellschaft einen wahrnimmt, stellen sie fest, sie hätten vielleicht auch ihr eigenes Ding machen können, waren aber nicht stark genug.

Medienlandschaft noch nicht so divers wie sie sein könnte

Tom Neuwirth, bekannt geworden als Conchita Wurst, sagt: „Hass triggert mich nicht“. Können Sie das auch so selbstbewusst sagen?

Mich verletzt es schon, wenn ich solche Dinge lese - und es macht mich auch wütend. Am Ende des Tages halten mich solche Dinge aber nicht ab, meinen Weg zu gehen. Tom und ich haben ja auch ohne Ruhm Gegenwind zu spüren bekommen, weil wir schwule Männer sind, die die Geschlechtergrenzen herausgefordert haben. Hass ist für uns nichts Neues. Wir haben vorher schon Ablehnung zu spüren bekommen. Wenn das über die Medien passiert, ist es keine neue Sache in unserem Leben. Es tut weh, erschüttert einen aber im Kern nicht so, dass man der Welt gar nicht mehr zeigt, wer man ist. Und wie würde unsere Realität aussehen, wenn wir nicht in der Öffentlichkeit stehen würden? Wäre unser Leben leichter? Würden wir weniger Hass spüren? Ich glaube nicht.

Die Medienbranche rühmt sich dafür, besonders divers zu sein. Stimmt das?

Die Branche wird ja von Menschen gemacht, die in der Gesellschaft leben. Sie ist ein Abbild der Gesellschaft. Wenn dort mangelnde Diversität herrscht, ist es auch in den Medien so. Wir reden die ganze Zeit über Diversität, aber wenn ich in einen Kiosk gehe und auf Magazine schaue, kann ich an einer Hand abzählen, wer keine weiße, dünne, blonde Frau ist. Wir sind noch lange nicht so weit, wie wir sein sollten. Das eine Ideal muss ja nicht verschwinden, aber man sollte ein bisschen Platz machen, um zu zeigen, dass auch andere Ideale ihre Wertigkeit und Richtigkeit verdient haben.

Diesen Platz gibt es noch zu wenig?

Viele Leute, die in den Medien arbeiten, wollen vieles richtig machen. Aber viele Entscheidungen werden von Menschen getroffen, die schon vor 30 Jahren Medien gemacht haben. Da galten noch andere Regeln, da war die Gesellschaft noch eine andere. Deshalb ist es manchmal so ein ambivalentes Verhältnis, das man mit den Medien hat. Weil man viel von ihnen erwartet, aber hier und da auch enttäuscht wird, weil Menschen Entscheidungen treffen, die keine diverse Perspektive haben.

Riccardo Simonetti wollte schon immer ins Fernsehen

Sie sind auch in den sozialen Medien erfolgreich. Trotzdem sagen Sie, Fernsehen war immer Ihr Traum. Warum?

Ich konnte mich als Kind mit der Welt, in der ich gelebt habe, nicht identifizieren. Und ich habe im Fernsehen Menschen gesehen, die so ähnlich sind wie ich. Das waren nicht immer queere Männer, aber Menschen, die anders ausgesehen haben, die ähnliche Kämpfe gekämpft haben. Über die jeden Tag Mist in der Zeitung stand und die trotzdem ihr Ding gemacht haben. In meiner kindlichen Naivität waren sie die nächsten Identifikationsfiguren. Ich wurde auf dem Schulhof gehänselt, deshalb dachte ich, die können nachvollziehen, wie ich mich fühle. Deshalb habe ich Fernsehen schon als Kind anders wahrgenommen und habe davon geträumt, selbst ein Teil davon zu sein. Und jetzt kann ich vielleicht die Identifikationsfigur sein, die ich selbst früher gebraucht hätte. Deshalb ist das Medium Fernsehen für mich weiterhin so spannend, weil man Menschen damit positive Denkanstöße auf den Weg geben kann, die nicht danach gesucht haben.

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Und Social Media – Segen oder Fluch?

Es ist beides. Es ist in erster Linie ein Segen, weil man aussuchen kann, wem man folgt, was man konsumiert. Aber natürlich gibt es da auch Regeln, die beeinflussen, was man sieht. Dinge, die Hass generieren können, werden nicht ausgespielt. Das gilt aber auch für Beiträge, in denen man über Missstände spricht. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn mich Eltern fragen, wie sie ihren Kindern den Umgang mit Social Media beibringen sollen, sage ich ihnen, man kann nicht kontrollieren, was in den Medien gezeigt wird, aber man kann versuchen, sein Kind so selbstbewusst wie möglich auf das Leben vorzubereiten.