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Robert Frank in KölnAus dem Leben eines modernen Heiligen

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Ein Spiegel mit zwei Mausefallen steht auf einer Anrichte.

Robert Frank: Untitled, undated (Ausschnitt), zu sehen in der Ausstellung „What We Have Seen“ in der Kölner Zander Galerie

Die Kölner Zander Galerie präsentiert einen legendären Fotoband von Robert Frank in Originalen – und mit Bildern wie Reliquien.

Als Legende lebt es sich leichter, das ist die Lehre, die man aus der Karriere des Fotografen Robert Frank ziehen kann. Im Grunde machte er alles falsch, was er falsch machen konnte, bis auf die eine Sache, die seinen Ruhm begründete: den 1958 erschienenen Bildband „The Americans“. Danach legte er die Leica beiseite, um spröde, bewusst dilettantische Filme zu drehen, unter denen „Cocksucker Blues“ über eine ausufernde Tournee der Rolling Stones vermutlich der meistgesehene ist, obwohl ihn Mick Jagger in den Giftschrank verbannte. In den 70er Jahren kehrte Frank zur Fotografie zurück, aber eben nicht zum mittlerweile weltweit kopierten Stil der „Americans“. Statt von der Welt zu erzählen, erzählte er fortan von sich: in visuellen Tagebüchern, die vom Steidl-Verlag wie moderne Heiligengeschichten behandelt wurden.

An der Abfolge der Bilder arbeitete Robert Frank mehrere Jahre

Eine dieser Viten, „What We Have Seen“ aus dem Jahr 2016, hängt nun in der Kölner Zander Galerie in Originalabzügen an der Wand. An der Abfolge der Bilder im Buch arbeitete der 2019 verstorbene Frank offenbar mehrere Jahre, für Zander Grund genug, sich peinlich genau an seinen Entwurf, die Maquette, zu halten. Buch wie Ausstellung versammeln ein buntes Sammelsurium, das vielleicht gerade in seiner scheinbaren Beliebigkeit die Summe eines Künstlerlebens zieht. Es gibt Bilder aus sieben Jahrzehnten, in Farbe und Schwarz-Weiß, in verschiedenen Formaten, teilweise kommentiert, teilweise nicht, viele Schnappschüsse, einige Porträts, verblichene Blicke auf die See.

Unter den ersten der 46 Bilder finden sich die verwaschene, vermutlich von Video transferierte Aufnahme des Clock Tower Buildings in Los Angeles mit riesigem Ziffernblatt an der Fassade und US-Fahne auf dem Dach; eine klapperdürre Tanne in der Nähe von Franks Wohnhaus in der kanadischen Gemeinde Mabou, deren Stamm und mittlere Äste ein christliches Kreuz bilden; das Polaroid eines Vergrößerungsglases auf einem Zettel; Robert Frank gemeinsam mit dem Beat-Poeten Allen Ginsberg; und ein Blumentopf vor einer mit schiefen Bildern behängten Wand. Bei den „Americans“ war Franks Bilderfolge eine sprechende Komposition der Wirklichkeit; hier ist es eine Geheimwissenschaft, die sich aus den Zufällen des Alltags ergibt.

Insbesondere die alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen wirken wie Ausschuss eines professionellen Fotografenlebens; Frank kombinierte sie mit jüngeren Aufnahmen, denen überhaupt kein künstlerischer Ehrgeiz mehr anzusehen ist. Es sind Souvenirs dessen, was „wir“, also Frank und sein Publikum, gesehen haben, so banal wie die Welt selbst. Vermutlich ist das die Botschaft von „What We Have Seen“: Das Leben besteht vor allem aus Momenten, die man im Rückblick aussortiert. Nichts bleibt. Und weil uns im klassischen Sinne gelungene Bilder über diese Einsicht hinwegtäuschen sollen, hat Frank aufgehört, nach ihnen zu suchen.

Zum Buch verhält sich die Kölner Ausstellung wie der Reliquienschrein zur Vita. An der Wand hängen teilweise Abzüge mit Knicken und anderen Gebrauchsspuren. Durch die Motive schimmern Robert Franks Berührungen hindurch. Näher kommt man der Legende nicht.


„Robert Frank: What We Have Seen“, Zander Galerie, Schönhauser Str. 8, Köln, Di.–Fr. 11–18 Uhr, Sa. 11–17 Uhr, bis 20. März 2026