Der israelische Schriftsteller und Musiker Assaf Gavron über seinen neuen autobiografischen Roman, das Aufwachsen in Israel und seine scharfe Kritik an der Netanjahu-Regierung.
Schriftsteller Assaf Gavron„Wir befinden uns an einem Tiefpunkt in der Geschichte Israels“

Assaf Gavron
Copyright: Julian Hartmuth
Assaf Gavron, Ihr neues Buch beginnt in den 80er Jahren, und Ihre Figuren sind in dem Alter, in dem Sie selbst zu dieser Zeit waren.
Sie sind um die zehn Jahre alt, aber das ist nur der Anfang. Das Buch bewegt sich weiter durch ihr Leben.
Ist „Das Leben nach den großen Ferien“ autobiografisch geprägt?
Sehr stark. Es basiert auf Geschichten, die meine Freunde und ich erlebt haben. Auch der Schauplatz, ein Dorf auf einem Hügel bei Jerusalem, ist eine Reminiszenz an den Ort, an dem ich aufwuchs.
Woran erinnern Sie sich? Dieses Alter der beginnenden Pubertät ist nicht nur individuell prägend. Auch Israel war an einem besonderen Punkt seiner Geschichte: Mit Menachem Begin regierte erstmals seit Staatsgründung ein stramm konservativer Premier.
Der Regierungswechsel brauchte allerdings seine Zeit, bevor er die Gesellschaft wirklich veränderte. Die 70er Jahre wirkten immer noch nach, sie waren eine Art goldene Zeit. Vielleicht sind wir heute an einem Punkt angekommen, der am weitesten davon entfernt ist. Damals war Israel ein relativ junges Land. Klar, es gab das Trauma des Jom-Kippur-Kriegs, der dieses Land an den Rand einer verheerenden Niederlage gebracht hat.
Als Kinder oder Jugendliche hatten wir das Gefühl, in einem jungen Land aufzuwachsen, das voller Hoffnung war.
1973 – aber das lag auch schon ein paar Jahre zurück …
Klar, als Kinder oder Jugendliche hatten wir das Gefühl, in einem jungen Land aufzuwachsen, das voller Hoffnung war und von der Welt Unterstützung erfuhr. Wir haben den Eurovisionswettbewerb zweimal gewonnen, wir haben die Europäische Basketball-Meisterschaft gewonnen, wir haben bei Miss Universe gesiegt. Wir waren eine neue Größe in der Welt.
Und politisch?
Es gab das Friedensabkommen mit Ägypten, das schon in Begins Zeit fiel.
Was niemand erwartet hat.
Das hat in der Tat niemand erwartet, aber plötzlich war der Krieg zu Ende. Es gab Frieden. Und weitere Erfolgsgeschichten wie die Befreiung der Geiseln in Entebbe. Noch einmal: Es geschah genau das Gegenteil von dem, was heute passiert. Israel befand sich in einer Art Höhenflug. Und wir verlebten eine glückliche Kindheit in einem kleinen Dorf.
Fühlte sich fast normal an?
Ja, ein normaler Ort mit Träumen, an deren Erfüllung auch jeder sonst auf der Welt hoffte: ein Popstar zu werden, ein Geschäftsmann, eine Liebesgeschichte zu erleben. Doch dann stellt sich heraus, dass dieser Ort ein wenig komplizierter ist als andere.
Zum Beispiel kam es rasch zum Krieg im Libanon, der auch im Buch eine Rolle spielt.
Wenn man zurückblickt, kann man dies alles viel klarer benennen als zu der Zeit selbst – dass wir zu viel Gewalt angewendet haben, dass wir Fehler gemacht haben und viele Soldaten starben. Dass es sich nicht um einen gerechten Krieg handelte wie zuvor, als wir angegriffen wurden und antworten mussten. Aber noch einmal: Ich ging damals in die neunte Klasse, ich war 14 Jahre alt, immer noch ein Kind, und ich kann nicht behaupten, dass damals die Leute schon vorhersahen, dass mit dem Libanonkrieg Dinge in Gang gebracht wurden, die meine Figuren noch 20 Jahre später beschäftigen würden. Im Nachhinein aber muss man definitiv sagen, dass wir damals an einem Wendepunkt waren.
Bislang härteste, herausforderndste und zeitintensivste Schreiberfahrung
Würden Sie sagen, dass Sie mit dem neuen Buch eine neue Stufe Ihres Schreibens genommen haben, gerade weil es so persönlich ist?
Mir war immer bewusst, dass ich zu diesem Schritt kommen musste, aber es hat mich viele Jahre gekostet, bevor ich wirklich dazu bereit war. Wahrscheinlich musste ich einfach abwarten, bis ich die entsprechende Reife erlangt hatte, mit einer so persönlichen Geschichte zurechtzukommen. Es war die bislang härteste, herausforderndste und zeitintensivste Schreiberfahrung meinerseits. Deshalb: Ja, ich würde sagen, das ist eine neue Stufe.
Sind Sie eigentlich noch immer Sänger und Songwriter der Punkband Ha-pe ve-ha-tlafajim? Was Maul- und Klauenseuche bedeutet.
Bin ich. Wir veröffentlichen alle sechs Jahre ein neues Album. Die Band im Buch basiert nicht exakt auf meiner realen Band, sondern auf der von einem Freund, die in Israel sehr erfolgreich war. Der Freund kommt im Buch auch vor.
Und wie steht es mit Ihrer Arbeit als Übersetzer? Sie haben unter anderen Philip Roth ins Hebräische übersetzt.
Das hat stark nachgelassen. Vor zwei Jahren habe ich ein Buch von Leonard Cohen übersetzt, mit Gedichten, kleinen Essays, Tagebucheinträgen. Das hat mich interessiert, aber im Wesentlichen konzentriere ich mich auf das eigene Schreiben, und außerdem unterrichte ich Kreatives Schreiben an der Universität von Tel Aviv und demnächst in Be’er Sheva.
Darüber hinaus haben Sie einige sehr kritische Artikel zum Gazakrieg, zur Regierung Netanjahu und zur Justizreform in Israel publiziert. Wie bewerten Sie die Lage, nun, da es in rund zwei Monaten Wahlen gibt?
Wir befinden uns an einem Tiefpunkt in der Geschichte Israels. Der Krieg ist noch immer nicht offiziell beendet, wir werden nach wie vor bedroht, die Regierung ist korrupt und wird von Extremisten durchsetzt, die nicht nach einer Lösung für die Situation suchen. Man will uns bedeuten: Der Krieg wird ewig dauern, das ist unsere Bestimmung. Gleichzeitig ist unser Ansehen in der Welt so schlecht wie nie. Es sieht nicht danach aus, als würde diese Regierung wiedergewählt, andererseits: Es ist erstaunlich, dass sie selbst nach dem 7. Oktober 2023 in der Lage war, bis zum Ende der Legislaturperiode durchzuhalten.
Tel Aviv ist noch immer ein Ort der Toleranz. Jedenfalls ist es der einzige Ort in Israel, an dem ich leben kann.
Sie leben in Tel Aviv. Es hieß immer: Tel Aviv ist eine Blase, die sich vom übrigen Land unterscheidet. Gilt das noch immer?
Ich denke, es ist noch immer ein sehr besonderer Ort. Die meisten Menschen hier denken liberal, und wissen Sie, diese Liberalen und Künstler, die hier leben, denken global, sie sind weltoffen, und deswegen ist Tel Aviv noch immer ein Ort der Toleranz. Jedenfalls ist es der einzige Ort in Israel, an dem ich leben kann. Die Unterschiede zum Rest des Landes gehen weit und wurden nicht zuletzt von der Regierung vertieft, Unterschiede zwischen Patrioten und Linken, Religiösen und Säkularen …
Andererseits gibt es diese Gräben auch in anderen Ländern, in den USA, aber auch in Frankreich, Großbritannien, Deutschland.
Das stimmt, das ist ein weltweites Phänomen, aber in Israel gestalten sich die Verhältnisse doch wieder anders, aufgrund des Palästinenserproblems. Seit Jahren versuchen wir, dieses Problem auf keinem anderen Weg als dem der Gewalt zu lösen. Das verschärft die Polarisierung in einer viel radikaleren Form als in Amerika oder Europa. Hier geht es um eine existenzielle Frage. Viele Menschen in Israel sind nicht bereit, die andere Seite wahrzunehmen und Konzessionen zu machen. Das ist sehr deprimierend.
Diese Kritik gegen uns Künstler zu richten, die wir selbst die Regierung kritisieren, ist schlicht falsch.
Sie sagen, das Ansehen Israels sei auf einen Tiefpunkt gesunken. Das geht jedoch weiter: Seit dem 7. Oktober gibt es Ausbrüche von Antisemitismus, die man nicht für möglich gehalten hätte, auch im Kulturleben. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Hinsicht machen müssen?
Für den Buchmarkt ist das schwer messbar. Aber: Früher wurden meine wichtigen Bücher in zehn oder zwölf Sprachen übersetzt – und als eines meiner wichtigen Bücher würde ich auch „Das Leben nach den großen Ferien“ bezeichnen. Es ist ein ernstes Buch, ein Buch über Israel, über Coming-of-Age und Freundschaft. Aber bislang erscheint es außer in Israel nur in Deutschland und Italien.
Persönlich wurden Sie nicht bedrängt?
Ich bin nie attackiert worden, und ich kann auch nicht sagen, dass irgendein Engagement abgesagt worden wäre, aber wer weiß: Vielleicht hat man auch nie eine Einladung in Betracht gezogen? Das alles stimmt mich sehr traurig, denn es ist ja richtig, die israelische Regierung zu kritisieren und gegen deren Politik zu demonstrieren. Aber diese Kritik gegen uns Künstler zu richten, die wir selbst die Regierung kritisieren, ist schlicht falsch. Das ist ein einfaches, ein dummes Ziel.
Assaf Gavron wurde 1968 in Arad als Sohn englischer Immigranten geboren. Er schreibt Songs für eine eigene Band, in der er auch singt. 2007 verfasste er das Skript für das Computerspiel „Peacemaker“, das den Nahostkonflikt simuliert. Außerdem hat er unter anderem Philip Roth und Jonathan Safran Foer ins Hebräische übersetzt. Im Zentrum seiner Arbeit steht das eigene literarische Schreiben. In einer Vielzahl von Romanen befasst sich Gavron mit der vielschichtigen israelischen Realität, so auch in dem Buch „Ein schönes Attentat“, das 2012 das „Buch für die Stadt“ war, der gemeinsamen Leseaktion von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Literaturhaus.
Sein aktueller Roman, „Das Leben nach den großen Ferien“, erschien am 16. September auf Deutsch bei Luchterhand.
