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Premiere in KölnWie Theatermacherin Lily Sykes in Magdeburg der AfD trotzen will

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Lily Sykes im Porträt. Sie lächelt, trägt einen dunklen Blazer und eine grüne Bluse, die mit ihren roten Haaren kontrastiert.

Die britische Regisseurin Lily Sykes wird demnächst Schauspieldirektorin in Magdeburg

Die Regisseurin inszeniert am Schauspiel Köln das neue Stück von Roland Schimmelpfennig. 2027 geht sie als Schauspieldirektorin nach Sachsen-Anhalt. 

Lily Sykes, am Sonntag feiern Sie mit ihrer dritten Inszenierung am Schauspiel Köln Premiere, der ersten am Offenbachplatz. Diesmal ist es nicht weniger als die Uraufführung des neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig, des profiliertesten deutschen Gegenwartsdramatikers. Worum geht es in „Tag und Nacht“?

Lily Sykes: Es geht um zwei Brüder, die als Theater-Zirkus-Performer bahnbrechende Shows zusammen gemacht haben, aber vor sieben Jahren auseinandergegangen sind. Jetzt leben beide sehr unterschiedlich. Der ältere Bruder, Erik, ist Musical-Darsteller und hat gerade die tausendste Vorstellung des „Gestiefelten Katers“ hinter sich gebracht. Der jüngere Bruder, Martin, lebt auf dem Land und schreibt seit sieben Jahren an seinem Opus Magnum: „Die Stadtmaus und die Landmaus“, eine Art neuen Gesellschaftsentwurf – wie in der Fabel von Äsop, in der sich Stadtmaus und Landmaus gegenseitig besuchen und sich fragen: „Wo ist das Leben besser?“

Eine Frage, die auch Schimmelpfennig wohl nicht letztgültig beantworten wird?

Beide Brüder befinden sich in einer Schleife. Da werden Themen wie Depression oder Alkoholsucht aufgegriffen. Und wie sich die beiden Männer spiegeln, spiegeln sich auch ihre Frauen. Sie kommen nicht weiter im Leben mit diesen Männern, aber schaffen es auch nicht, zu gehen. In dem Versuch, aus dieser Schleife herauszukommen, orchestrieren die Frauen ein Treffen. Das verläuft wie das schlimmste Weihnachten aller Zeiten. Alte Verletzungen brechen auf, unterschiedliche politische Entwürfe.

Welcher Gestalt?

Martin hat diese Form von Prenzlauer-Berg-Attitüde.

Links, aber bitte im Altbau?

Genau. Er lebt allerdings als Selbstversorger auf dem Land. Eigentlich macht seine Frau alles. Er sitzt und schreibt an einem großen, komplexen Gesellschaftsentwurf, hat aber eigentlich keine Ahnung, wie die Menschen um ihn herum so sind. Erik wohnt in der Stadt und ist realpolitischer, populistischer. Als Musical-Darsteller steht er für einfache Erzählungen, an denen die Menschen sich festhalten können. Und dann kommt es zum Eklat. Das Thema des Stücks ist, wie unvereinbar diese unterschiedlichen politischen Lebensentwürfe miteinander sind. Und das wird auf eine spielerische, sinnliche und theatrale Weise dargestellt.

Ich weiß nicht, was antideutsche Kultur ist, aber die deutschen Theaterautoren, die ich liebe, wie Kleist oder Schiller, waren ja Freidenker.
Lily Sykes

Es klingt auch wie eine Versuchsanordnung.

Auf jeden Fall. Es ist eine Versuchsanordnung, eine Parabel in der Form des narrativen Theaters. Wir befinden uns am Anfang in einem Proberaum. Schauspieler kommen herein und fangen an, die Geschichte zu erzählen. Zu der die Zuschauer ihre eigene Fantasie entwickeln können. Es ist Theater mit wenig Mitteln, Theater in seiner Urform: Aus der Macht des Wortes, der Darstellung, der Behauptung entsteht etwas.

Hatte Ihnen das Schauspiel die Uraufführung angeboten?

Genau so war es. Es hat sehr gut gepasst. Auf der einen Seite, weil mich diese Form von narrativem Theater interessiert. Auf der anderen Seite, weil ich einen ähnlichen Hintergrund wie die beiden Brüder im Stück habe: Ich habe als Clown in Paris trainiert, in der École Philippe Gaulier …

… in der unter anderem Stars wie Roberto Benigni, Sacha Baron Cohen und Rachel Weisz studiert haben …

… und sogar Hillary Clinton. Weil dieses Clown-Training auch für politische Persönlichkeiten oder Geschäftsleute sehr gut ist – es geht um Selbstdarstellung. Die war sehr anarchisch, diese Schule. Und der Grundstein dafür, wie ich heute auf das Theater gucke und an meine Arbeiten herangehe. Diese Leichtigkeit, mit der Schimmelpfennig mit diesen schweren Themen umgeht, hat viel mit Clownerie zu tun.

Sie sind in London geboren und aufgewachsen, haben in Oxford studiert. Woher stammt Ihre Faszination für das deutsche Theater?

Deutsch war in der Schule meine Zweitsprache. Unser erster Schüleraustausch ging nach Hamburg. Die Mutter meiner Austauschpartnerin war Dramaturgin am Thalia Theater. Da war ich zum ersten Mal in Deutschland im Theater, ein Schlüsselerlebnis. Während des Studiums habe ich dann in meinem Erasmus-Jahr am HAU und am Theaterdiscounter in Berlin hospitiert, dann in München an der Bayerischen Staatsoper. In der Berliner Volksbühne habe ich Sachen von Gotscheff und Gosch gesehen. Das waren Erlebnisse, bei denen Theater für mich plötzlich wie ein Rockkonzert war, so unberechenbar. Das englische Theater ist dagegen sehr zerebral, da wird alles über den Inhalt vermittelt.

Claude De Demo (l.) und Birgit Unterweger in "Tag und Nacht" am Schauspiel Köln, Premiere 26.9. 2026

Sie haben dann Karriere in der deutschsprachigen Theaterlandschaft gemacht. Nächstes Jahr gehen sie als Schauspieldirektorin nach Magdeburg, also ausgerechnet in die Hauptstadt des Landes, das demnächst von der AfD regiert werden könnte. Wie bedroht fühlen Sie sich als Theatermacherin?

Es gibt unterschiedliche Bedrohungen. Zunächst die finanzielle Bedrohung: Überall in Deutschland gibt es Kürzungen an der Kultur. Wir sind in einer anderen Zeit angekommen. Und auch wenn es keine Bedrohung, sondern ganz richtig ist: Durch die Regelungen für faire Arbeitszeiten werden die Probezeiten erfahrungsgemäß nicht länger. Dazu kommt jetzt in Sachsen-Anhalt die Bedrohung der Kunstfreiheit.

Wie geht man mit so einer Bedrohung um?

Die kann auch eine Herausforderung sein, die einem Kraft gibt. Wo wird Theater – als ein Ort, an dem die Menschen frei denken können – denn gerade mehr gebraucht als in Sachsen-Anhalt? Ich war vorher in Dresden am Staatstheater. Ich habe also Erfahrung damit, wie es ist, in einem Bundesland Theater zu machen, in dem es eine starke politische Polarisierung gibt.

Was werden Sie in Magdeburg gegen diese Zersplitterung unternehmen?

Wir müssen als Theater Angebote machen, die erst einmal nicht so viel mit der jeweiligen politischen Perspektive zu tun haben, sondern mit emotionalen Erfahrungen. Das Theater kann ein Ort sein, an dem wir zusammenkommen und einander daran erinnern, was uns vereint. Ich versuche, einen Spielplan aufzustellen, der die ganze Bandbreite an Menschen in Magdeburg mit offenen Armen einlädt. Dazu will ich sehr spezifische Angebote für die unterschiedlichen Gruppen in der Stadt machen, um diese Diversität ins Theater zu holen – und vielleicht den einen oder anderen dazu inspirieren, sich auch mal ein anderes Stück anzugucken. Zum Glück ist das Magdeburger Theater durch die Arbeit der jetzigen Direktion, des Ensembles, der Gewerke und der Mitarbeitenden sehr gut aufgestellt. Der Publikumszuspruch ist groß, die Auslastung liegt bei 86 Prozent.

Und außerhalb des künstlerischen Programms?

Wir wollen das Foyer und die Bar des Theaters als eine Art „Dritter Ort“ fest etablieren, der sich auch mal tagsüber öffnen wird. Hier wird es unter anderem ein leicht zugängliches Programm geben, wo Menschen, die erst mal vor einem ganzen Theaterabend zurückschrecken, trotzdem, das Theater als einen Ort des Zusammenkommens kennenlernen. Und wir wollen den Theaterprozess transparenter gestalten, etwa mit Probenbesuchen, in denen die Zuschauer auch Kritik geben können. Die Verträge sind bis Ende 2028 gesichert. Das Ziel muss sein, bis dahin unentbehrlich für das Publikum zu werden.

Das klingt alles wie Lösungsversuche für den Konflikt, den Schimmelpfennig in „Tag und Nacht“ verhandelt.

Absolut. Deshalb würde ich das Stück dort sofort auf den Spielplan bringen. Weil es so viele Themen in sich vereint, über die ich gerne reden würde. Auch sehe ich das Stück als eine Vorschau darauf, was passieren könnte, wenn die AfD ihr Kulturprogramm in Sachsen-Anhalt durchsetzt. Sollte die AfD den Kulturminister stellen, wäre das Hans-Thomas Tillschneider. Der will eine patriotische deutsche Kultur einführen. Nichts fördern, was „antideutsch“ ist. Ich weiß nicht, was antideutsche Kultur ist, aber die deutschen Theaterautoren, die ich liebe, wie Kleist oder Schiller, waren ja Freidenker: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“, heißt es bei Schiller. Gerade unter der Zensur in der DDR waren die Theater Zentren des freien Denkens. Orte, wo Menschen, die anders denken, hingehen konnten. Mir geht es darum, diese Tradition aufrechtzuerhalten.