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Trumps KulturkampfDiese Bilder sollen das wahre Amerika bedrohen

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Besucher betrachten ein Gemälde im Museum.

Besucher betrachten Amy Sheralds Gemälde „Trans Forming Liberty“, das anscheinend von Donald Trump geächtet wurde

Donald Trump versucht, die US-Geschichte umzuschreiben, und lässt Gemälde auf eine Art Feindesliste setzen.

Zu den fragwürdigen Verdiensten Donald Trumps gehört, dass man für einige seiner umstrittenen Vorgänger beinahe nostalgische Gefühle entwickelt. Galt Richard Nixon lange als Ausbund politischer Verworfenheit, so liest sich dessen „Feindesliste“ heute wie eine historische Anekdote aus der guten alten Zeit. Sie hatte den Zweck, wie es in einem legendären Memorandum heißt, „den Zugang zur bundesstaatlichen Maschinerie“ dazu zu verwenden, den „politischen Gegner fertig zu machen“. Was unter Nixon noch verschämt geheim gehalten (und lediglich in Ansätzen verwirklicht) wurde, geschieht während Trumps zweiter Präsidentschaft in aller Öffentlichkeit.

Es ist eine beliebte Spekulation, was aus den USA geworden wäre, hätte Nixon 1974 nicht wegen der Watergate-Affäre zurücktreten müssen – nichts Gutes, vermutlich, aber vielleicht wäre uns ein Präsident Trump erspart geblieben. Der führt wohl nur deswegen keine „Feindesliste“, weil sein Anspruch, das Land zu „säubern“, total ist – anders als Nixon erstreckt sich sein Wille, jegliche Opposition zu unterdrücken, auch auf die Kultur und die Darstellung der US-Geschichte in den Museen.

Trumps kulturelles Lieblingsfeindbild sind die Smithsonian-Museen, denen er eine einseitige, verfälschende und letztlich anti-amerikanische Sicht auf die Geschichte vorwirft – ohne dafür Belege zu liefern, versteht sich. Diese „Beweise“ hat die Regierung mittlerweile nachgeliefert, und zwar auf einer kommentierten Linkliste des Weißen Hauses mit dem Titel „Präsident Trump hat recht in Bezug auf das Smithsonian“ – offenbar eine Ableitung der „Trump hat recht in Bezug auf alles“-Kappe, die der Präsident selbst kürzlich auf seinem Kopf spazieren trug.

Das Smithsonian-Institut ist nicht zufällig in Trumps Visier geraten

Laut einem Bericht der „New York Times“ hat das Weiße Haus große Teile der Beweisliste bei einem rechts-populistischen Magazin abgeschrieben – insgesamt scheint wenig Recherche in die Linkliste eingegangen zu sein. In der Regel wird lediglich mit dem Gestus der Empörung auf angeblich „woke“ Darstellungen in den Smithsonian-Instituten hingewiesen, als sei der Fingerzeig auf eine Regenbogen-Fahne selbsterklärend. Andere Einträge betreffen umstrittene Themen der Geschichtsschreibung, etwa die These, der texanische Unabhängigkeitskrieg gegen Mexiko sei nicht zuletzt wegen der restriktiven Haltung Mexikos zur Sklaverei geführt worden. Hier bemängelt der anonyme Autor des Weißen Hauses zudem, das National Museum of the American Latino würde die „texanische Revolution“ als „nordamerikanische Invasion“ beschreiben.

Das Smithsonian-Institut ist nicht zufällig ins Visier des Weißen Haus geraten. Es ist die renommierteste Bildungseinrichtung der USA, mit 19 Museen, in denen zahllose Ikonen der US-Geschichte gezeigt werden – von Abraham Lincolns Hut bis zur Handpuppe von Kermit, dem Frosch. Unabhängig von politischem Einfluss war das 1846 durch ein Gesetz des US-Kongresses geschaffene Smithsonian nie, rund 62 Prozent seines jährlichen Budgets von einer Milliarde Dollar stammen aktuell aus staatlichen Quellen. Aber die versuchte Einflussnahme durch die Trump-Regierung ist beispiellos in der US-amerikanischen Kulturpolitik.

Die Kritikliste des Weißen Hauses konzentriert sich auf die beiden wichtigsten Punkte des US-Kulturkampfes: die Darstellung der Sklaverei und die Förderung von Diversität. Um unliebsame Kunstwerke geht es hingegen nur in Ausnahmefällen – diese sind allerdings besonders prominent. So wird lakonisch vermerkt, die National Portrait Gallery habe das Gemälde einer „transgender Statue of Liberty“ zeigen wollen, bevor die Künstlerin das Werk zurückgezogen habe.

Amy Sherald malte das offizielle „First Lady“-Porträt von Michelle Obama

Bei der ungenannt bleibenden Künstlerin handelt es sich im Amy Sherald, die 2018 schlagartig über amerikanische Kunstkreise hinaus bekannt wurde, als sie den Auftrag erhielt, das offizielle „First Lady“-Porträt von Michelle Obama zu malen. Sheralds „Trans Forming Liberty“ zeigt eine stilisierte Darstellung der schwarzen Trans-Künstlerin Arewà Basit, die im dunkelblauen, geschlitzten Kleid und mit roten Haaren vor rosafarbenem Hintergrund als Freiheitsstatue posiert; statt einer Fackel hält sie einen Blumenstrauß. Das elegante, betont geschmackvolle Porträt (um nicht „harmlos“ zu schreiben) wurde zunächst in der Ausstellung „American Sublime“ des New Yorker Whitney Museum gezeigt und sollte mit dieser von der National Portrait Gallery in Washington übernommen werden. Als Sherald hörte, dass die Leitung der Gallery überlege, ihr Bild aus der Wanderausstellung zu entfernen, zog sie es aus Protest zurück.

Stattdessen zierte „Trans Forming Liberty“ das Titelbild des Magazins „New Yorker“. In einem beigefügten Statement betont Sherald, sie wolle mit dem Porträt „hinterfragen, wem wir erlauben, unsere nationalen Symbole zu verkörpern – und wen wir auslöschen“. Sie suche eine „umfassendere Vision von Freiheit, eine, die die Würde aller Körper, aller Identitäten einschließt“. Denn: „Freiheit ist nicht festgeschrieben. Sie wandelt sich, und das müssen wir auch.“ Sherald will also nicht, wie ihr unterstellt wird, das „weiße“ Amerika durch eine „woke“ Ausgabe ersetzen. Sie fordert vielmehr, das amerikanische Versprechen auf Freiheit und Glück solle für alle Amerikaner gleich welcher Hautfarbe und welchen Geschlechts in gleichem Maße gelten. Im Grunde lässt sie die bewusst von sämtlichen denkbaren provokativen Elementen (außer ihrer reinen Existenz) entkleidete Arewà Basit sagen: Auch ich bin Amerika.

Die National Portrait Gallery machte sich mit einem weiteren Gemälde beim Weißen Haus unbeliebt, das in ästhetischer Hinsicht noch konservativer ist als Sheralds Bild. Es zeigt eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie, die mit einer Leiter den US-Grenzzaun zu überwinden versucht. Die junge Mutter hält einen Säugling im Arm und einen Rosenkranz in der Hand, Vater und Sohn blicken sich ängstlich um. Die Kuratoren vergleichen „Refugees Crossing the Border Wall into South Texas“ von Rigoberto A. González nicht zu Unrecht mit einem Barockgemälde, während es das Weiße Haus ebenfalls nicht zu Unrecht als Glorifizierung eines illegalen Grenzübertritts beschreibt.

Was der White-House-Anonymous nicht versteht (oder bewusst nicht verstehen will): González stellt hier Menschen in eine humanistische Tradition, die älter ist als die USA und zugleich den Mythos von Amerika als Zufluchtsort der Müden und geknechteten Massen aufgreift. Er zeigt gläubige Menschen, die aus bedrückenden Verhältnissen nach Amerika fliehen, um das Glück zu finden. Sie füllen jenen amerikanischen Traum mit Leben, der hinter der Grenze mit massiver Gewalt, der Einschränkung von Freiheitsrechten und einer kulturpolitischen Agenda aus dem Geist des Revanchismus verteidigt wird – und sich in sein Gegenteil verkehrt.