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Überraschung in Köln-MülheimDas Depot wird Musicalstandort

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13.12.2021, Köln: Symbolfoto Schauspiel Köln, Carlsgarten. Foto: Max Grönert

13.12.2021, Köln: Symbolfoto Schauspiel Köln, Carlsgarten. Foto: Max Grönert

Die Stadt ist knapp bei Kasse und vermietet das Depot 1 an die Produzenten von „Himmel und Kölle“. Eigentlich sollte hier die Tanzszene eine große Bühne finden.

„Köln wird wieder Tanzstadt“, titelte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Juni 2023. Gerade hatte der Rat beschlossen, das Mülheimer Depot nach dem Wechsel des Schauspiels an den Offenbachplatz in seiner Gesamtheit – Depot 1 und 2 sowie der Carlsgarten – als Haus für den Tanz zu erhalten. Für die stets ausverkauften internationalen Gastspiele, für die freie Tanz- und Theaterszene – und für eine eigene städtische Tanzkompanie (die letzte hatte die Stadt im Jahr 2009 abgewickelt).

Zweieinhalb Jahre später ist von dem kühnen Beschluss so gut wie nichts mehr übrig. Zuerst wurde die Einrichtung einer dritten Bühnensparte auf den St. Nimmerleinstag – offiziell auf 2028 – verschoben. Darauf folgte die Nachricht, dass das Depot 2 an einen privaten Kulturunternehmer aus der Musical- und Entertainmentbranche untervermietet werden soll. Die finanziellen Rahmenbedingungen hatten sich radikal verschlechtert, der Stadt droht die Überschuldung.

Im Depot wird ab November „Kick Like a Woman“ gespielt

Nun war auf einer Sondersitzung des Betriebsausschuss Bühnen am Freitagnachmittag zu erfahren, dass nicht länger das Depot 2, sondern das viel größere Depot 1 zum Musicaltheater umgewidmet werden soll. Das Kooperationshaus – eine deutschlandweit einmalige Zusammenarbeit von städtischen Bühnen und freier Tanz-, Theater- und Zirkusszene – wurde auf wenige Quadratmeter zusammengespart.

Im Depot 1 will Apiro-Entertainment, die Kölner Firma der beiden Produzenten Frank Blase und Marc Schneider, eine Bühne mit mindestens 600 Plätzen betreiben. „Der Vertrag liegt in den letzten Zügen“, sagt Frank Blase, „er steht zu 99,9 Prozent und wird für fünf Jahre gelten. Wir würden gerne schon Mitte November mit dem Stück ‚Kick Like a Woman‘ starten.“ Blase will Verschönerungen an der Fassade vornehmen, auch einen zweiten Eingang bauen.

Der Carlsgarten, wie man in der Sondersitzung erfahren konnte, wird umgebaut, Hügel und Grotte werden abgetragen. Der Garten selbst aber soll auf jeden Fall bleiben, er soll sich nur offener, mit mehr Licht präsentieren.

Köln, Interviewtermin für Frau Eckes mit den Produzenten von 'Himmel un Kölle'

Marc Schneider (l.) und Frank Blase, die Produzenten von „Himmel und Kölle“

Apiro ist schon länger in Köln aktiv. An der Volksbühne, dem ehemaligen Millowitsch-Theater, hatte das Duo im Herbst 2020 mit „Himmel und Kölle“ Premiere gefeiert. Das Musical wurde zum Publikumserfolg, der satirische Blick auf das kölsche Lebensgefühl wird es bis zum Ende der Spielzeit im März auf mehr als 600 Vorstellungen bringen. Im März 2025 wagte sich Apiro sogar an den Broadway, brachte dort das Kammerstück „Last Call“ mit Helen Schneider heraus. Im Februar feierte es in Hamburg Premiere, Kölner Gastspiele sind geplant.

Für Bergisch Gladbach haben Blase und Schneider „Kick Like a Woman“ entwickelt, das Musical um den Gewinn der Frauenfußball-WM 1981 durch die SSG 09 Bergisch Gladbach (bekannt als das „Wunder von Taipeh“) – die Produktion soll nun im Depot 1 en suite laufen, für mindestens sechs Monate, sechsmal in der Woche.

In Köln sucht Apiro schon seit längerem nach einem festen Spielort, an der Volksbühne sind sie nur Gast. Das Depot, so Blase, sei einfach der erste und der schnellste Ort gewesen, der sich als feste Abspielstätte angeboten habe. Über eine Verlängerung nach den vereinbarten fünf Jahren würde er sich freuen.

Die hohen Investitionskosten kann sich Frank Blase leisten

Aber die Stadt, die mit dem erhöhten Mietzins, den die Apiro für das Depot 1 bezahlt, das Programm aus Schauspiel- und freien Produktionen querfinanziert, hofft auf finanziell bessere Zeiten. Vielleicht reicht es irgendwann doch für eine eigene Tanzkompanie und für ein echtes Kooperationshaus.

Die hohen Investitionskosten für solche Stückentwicklungen oder gar für ein eigenes Haus kann sich Frank Blase leisten. In seinem Unternehmen Igus GmbH, weltweit führend im Bereich der Hochleistungskunststoffe, beschäftigt er mehr als 5000 Mitarbeiter, 2024 betrug der Jahresumsatz 1,1 Milliarden Euro.

Im Deutzer Staatenhaus, der Interimsspielstätte der Kölner Oper, sollen bald die Umbauarbeiten beginnen. Dort richtet das Entertainment-Unternehmen ATG ein Musicaltheater mit 1800 Sitzplätzen ein. Derzeit betreibt ATG den Musical Dome. Das Rechtsrheinische wäre dann zweifacher Musical-Standort.

Tanzszene sieht Untervermietung äußerst kritisch

In der freien Tanz- und Theaterszene sieht man die Untervermietung des Depots äußerst kritisch. „Das ist für alle Tanzschaffenden in Köln frustrierend, die sich seit mehr als 30 Jahren für den Tanz in Köln engagieren “, sagt Heike Lehmke, Geschäftsführerin des in Köln ansässigen NRW Landesbüro Tanz. Lehmke hat zusammen mit anderen Vertretern und Vertreterinnen der freien Szene, des Kulturamtes und der Kölner Bühnen in der sogenannten AG Depotopia über mehrere Jahre hinweg ein Konzept für die Zukunft des Mülheimer Depots als Kooperationshaus Tanz- und Performance erarbeitet.

Mit der Untervermietung an das Musical, so Lehmke, sei die Idee eines Produktionsorts und einer Spielstätte für den Kölner Tanz endgültig gestorben. Dabei, sagt sie, würde sich jede andere Großstadt die Finger nach so einem beim Publikum etablierten Ort lecken: „Wir hatten immer wieder argumentiert, dass Köln eine große Bühne für den Tanz braucht. In Köln leben die meisten freien Tanzschaffenden aus NRW. Wieso ermöglicht es die Stadt ihnen nicht, sich hier weiterzuentwickeln?“ Freie Kölner Gruppen wie etwa die von Stephanie Thiersch, würden deshalb in Düsseldorf produzieren.

Sie sei fassungslos, dass es nun schon wieder keine Perspektive für den Tanz in Köln gebe – und dass, obwohl sich Köln gerne als Tanzstadt präsentiere. Jetzt fragt sich Lehmke, was mit dem Charakter des Depots, mit dem Carlswerk-Gelände und insbesondere mit dem Carlsgarten geschieht. Schließlich erfülle das Depot auch eine wichtige Rolle im Stadtteil Mülheim. Vor allem aber frage sie sich: „Wann wird der Tanz in Köln endlich ernst genommen?“

Hanna Koller, an den Kölner Bühnen für die Tanzgastspiele zuständig, erinnerte im Betriebsausschuss noch mal an das schon abgeschlossene Open-Call-Verfahren für die Tanzsparte: Mit Marlene Monteiro Freitas und Martin Valdés Stauber hatte man sich bereits für ein Ballett-Team entschieden. Monteiro Freitas wird zusammen mit Florentina Holzinger zum Leitungsteam der Berliner Volksbühne gehören. Man arbeite gerade, so Hanna Koller, an einem Kooperationsprojekt mit der Volksbühne, um pro Spielzeit wenigstens eine Arbeit der Choreografin in Köln zeigen zu können.

Dann können sich die Bürgerinnen und Bürger wenigstens schon mal angucken, was sich ihre Stadt derzeit nicht leisten kann.