Angesichts des allgegenwärtigen Du wirkt die von mir geliebte Anrede wie aus der Zeit gefallen. Ich muss trotzdem drauf bestehen. Eine Kolumne.
Zum Lob des Sie„Mein Biologielehrer meinte es nett, aber es war, als hätte ich ihn nackt gesehen“

Duzen oder Siezen? In Deutschland stellt sich für viele immer noch diese Frage.
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Als meine Frau von diesem Thema gehört hat, sagte sie mir: „Lass es bleiben. Schreib das nicht. Die werden nur wieder denken, du bist ein alter Sturkopf, der in der Vergangenheit leben will und nicht im Jahr 2026.“ Ich mache ungern das Gegenteil von dem, was meine Frau mir empfiehlt, aber hier muss es sein. Denn es geht um mein geliebtes Sie. Dritte Person Plural, Anrede. Dieses Sie ist massiv bedroht. Von allen Seiten. Im Supermarkt, wo mich eine Stimme aus dem Nichts anspricht wie eine vertraute Bekannte, die mich zum Kauf von billigem Lebkuchen oder günstiger Leberwurst überreden will. Oder am Arbeitsplatz, wo einen Leute mit viel Macht beim Vornamen nennen, weil es einfacher ist, in absehbarer Zeit einen Max zu feuern als einen Herrn Mustermann. In der digitalen Welt, wo mir jeder dahergelaufene Algorithmus und jede leicht geschürzte Künstliche Intelligenz mit Kaskaden des Du um den Hals fällt, als wären alle Formen distanzierter Höflichkeit unter Strafe gestellt worden.
Sie wollen nur mein Geld und glauben zu wissen, dass sie es einfacher bekommen, wenn sie mich mit Du anreden. Ohne nachzudenken könnte man die seit Jahren um sich greifende Duz-Krankheit für eine billige Kopie des angelsächsischen Umgangs im Alltag halten, in dem sich alle Menschen, unabhängig von Stand, Herkunft, Ansehen und sozialer Stellung, mit dem unglaublich handlichen You bewerfen. Warum sollen wir das nicht auch tun? You bedeutet doch du. Oder? Klingt ja nahezu identisch. Dachte ich auch lange – ein kolossaler Irrtum.
Das echte angelsächsische Du heißt thou. So wurden bis ins 16. Jahrhundert sozial gleich oder tiefer gestellte Personen angesprochen: Freunde, Familie, Gesinde, Kinder, Bettler. Parallel entwickelte sich der Zwang, alle anderen mit you anzusprechen, der zweiten Person Plural, dem Ihr. Hier folgten die Angelsachsen dem höfischen Gebaren Frankreichs, das im selben Kasus dem Vous verfallen war. Das You wurde allgegenwärtig, das „Thou“ zur schweren Beleidigung. Also verschwand es weitgehend aus einem Sprachraum, der den maximalen Respekt, das lange Zeit Herrschenden und Edelleuten vorbehaltene Ihr, über alle ausschüttete. Nur noch in der Bibel und bei Shakespeare lebt das Thou weiter. Die exakte Übersetzung der vulgären Verwünschung „Fuck you“, omnipräsent in Gegenwartsliteratur, zeitgenössischer Musik und moderner Filmgeschichte, lautet also als Aufforderung an eine Einzelperson: „Fickt euch!“
Mein Biologielehrer meinte es nett, aber es war, als hätte ich ihn nackt gesehen
Das macht die Obszönität nicht weniger schwerwiegend, ist aber nicht ganz dasselbe. Es klingt klassischer, wie im dritten Akt von Goethes Drama „Götz von Berlichingen“, wo es heißt: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken.“ Im deutschen Sprachraum, der sich auf der Suche nach ständischer Abgrenzung im späten Mittelalter in bis zu vier Anrede-Formen verirrte, trieb man die Höflichkeitsformel auf die Spitze. Der oder die respektvoll Angesprochene verwandelte sich, da dem verrückten Adel auch das Ihr zu gewöhnlich wurde, in eine Mehrzahl von Personen, die sich als Gruppe der direkten, plumpen Anrede prinzipiell entzog: in die dritte Person Plural. Sie. Mehr Respekt war für einen Einzelnen nicht möglich.
Um 1700 setzte sich dieses Plural-Sie für alle durch, die man nicht duzen wollte. Die zweite Person Singular (du) blieb für Freunde, Familie, Gesinde, Kinder, Bettler. Es wäre möglich, diese Erklärung für den Beginn eines Pamphlets zur Beendigung des unterwürfigen Anrede-Unfugs zu halten. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Funktion des Sie hat sich nach mehr als 300 Jahren ins Gegenteil verkehrt. Es dient nicht mehr dem Schutz einer dekadenten Elite vor dem fehlenden Respekt der ausgebeuteten Untertanen, es dient in einer Zeit der fortschreitenden Erosion elementarer Persönlichkeitsrechte als individueller sprachlicher Schutzraum für jeden von uns.
Ein Sie ganz ohne Respekt ist zwischen zwei Menschen ziemlich schwierig. Selbst wenn es widerwillig und unter formalem Zwang geäußert wird, ist es die Gewährung eines Rechts: des historischen Rechtes, im deutschen Sprachraum gesiezt zu werden. Wer sich um eine Gesellschaft sorgt, der Konsens, Verständnis und Toleranz im Zeitraffer abhandenkommen, in der Minderheiten und Normabweichler immer stärker unter Druck geraten, der sollte auf solche scheinbaren Kleinigkeiten des Miteinanders achten.
Ich würde zum Beispiel niemals auf die Idee kommen, meinem Lieblingsdoktor, der uns seit 25 Jahren in- und auswendig kennt, das Sie zu entziehen. Es dient als Brücke des Vertrauens und Basis gegenseitiger Wertschätzung. Dasselbe gilt für die Psychologin, bei der ich viele Jahre lang allein durch Gespräche viel über mich gelernt habe. Ohne das Sie wäre sie nur eine normale Bekannte geworden, der man Dinge vom Tag erzählt. Was passiert, wenn in ein solches Verhältnis das Du platzt wie ein Kometeneinschlag, das erlebte ich auf der Abiturfeier im Jahr 1980, als mir der sehr gemochte Biologie-Lehrer mittleren Alters nach einer Flasche Wein das Du anbot. Er meinte es nett, aber es war, als hätte ich ihn nackt gesehen. Danach kreuzten sich unsere Wege nicht mehr.
Später bewegte ich mich dreieinhalb Jahrzehnte lang in einem sozialen Raum, der ausschließlich Männern zugänglich war, die am Sie kein Interesse hatten: dem Profi-Fußball. Da ich früh begann und lange Zeit jünger war als die meisten Spieler, konnte ich das Sie noch durch den Altersunterschied rechtfertigen. Irgendwann waren alle Spieler jünger als ich. Man duzt sich dann eben, ohne sich zu kennen. Ich hätte einigen von ihnen gern nachträglich das Sie angeboten, als Zeichen des Respekts. Aber dann hätten die sich vielleicht gefragt, ob der Typ noch alle Tassen im Schrank hat. Man weiß in diesem Geschäft nicht sehr viel voneinander.
Es gibt zu diesem Thema ein Lied im Werk des genialen österreichischen Sängers, Poeten und Schauspielers Ludwig Hirsch (1946 bis 2011), nach dem in Wien im zweiten Gemeindebezirk ein Platz benannt ist. Es handelt von einem kleinwüchsigen Freund, der sich die Anerkennung seiner Träume und Sehnsüchte wünscht, und es heißt „Der Zwerg“. Hirsch singt, wie immer düster, im letzten Teil der Strophe: „Lad' ihn ein auf ein Maderl, schön groß, grad und blond. Und sag' zu ihm Sie, weil des isser net gwohnt.“
Zum Autor
Frank Nägele war viele Jahre Redakteur im Ressort Sport des „Kölner Stadt-Anzeiger“. In seiner Kolumne schreibt er über alles, was (ihm) im Leben wichtig ist


