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Mehr als „Jolene“ und „9 to 5“Diese 11 Lieder von Dolly Parton sollten Sie kennen

8 min
Dolly Parton auf der Bühne.

Dolly Parton ist im Alter von 80 Jahren gestorben und hinterlässt ein monumentales Erbe aus über 3.000 selbst geschriebenen Songs sowie rund 50 Studioalben. (Archivbild)

Mit 80 Jahren starb Dolly Parton. Sie hinterlässt über 1000 Songs und über 70 Studioalben. Diese 11 Lieder zeigen die ganze Bandbreite ihres Werks.

Nach dem Tod von Dolly Parton trauert die Welt um eine der größten Ikonen der Musikgeschichte, doch ihr Repertoire reicht weit über die bekannten Radio-Dauerbrenner hinaus. Über sechs Jahrzehnte hinweg schuf die US-Künstlerin tiefgründige Balladen und mitreißende Hymnen über Herkunft, Schmerz und Würde. Diese elf ausgewählten Lieder zeigen die ganze Bandbreite ihres Lebenswerks und beweisen, wie facettenreich die Country-Legende wirklich war.

„Coat of Many Colors“ (1971, aus dem gleichnamigen Album)

Mit dem autobiografischen Klassiker „Coat of Many Colors“ setzte Dolly Parton ihrer Mutter und ihrer von Armut geprägten Kindheit ein Denkmal. Aus bunten Stoffresten genäht, wurde eine einfache Jacke für das Mädchen zum Symbol mütterlicher Hingabe, stieß auf dem Schulhof jedoch auf grausamen Spott.

Im Text erinnert sich Parton, wie Mitschüler sie auslachten und sogar in einen Kleiderschrank sperrten. Erst die Erklärung ihrer Mutter, dass wahrer Reichtum niemals in Geld oder Besitztümern gemessen wird, gab ihr den Stolz zurück.

Der Song verwandelte eine zutiefst schmerzhafte Kindheitserfahrung in eine zeitlose Hymne über Selbstwert und familiären Zusammenhalt. Ihre enge Freundin und Kollegin Emmylou Harris verhalf dem Werk später durch eine eigene, gefeierte Interpretation zu weiterer Bekanntheit im Country-Kanon. Auch in der LGBTQ+-Community fand der Song großen Anklang, nicht zuletzt wegen der bunten Regenbogenfarben der beschriebenen Jacke und der Botschaft, sich trotz Ausgrenzung nicht für seine Andersartigkeit zu schämen.


„Down from Dover“ (1970, aus dem Album „The Fairest of Them All“)

Mit der dramatischen Ballade „Down from Dover“ brach Dolly Parton früh mit den heilen Konventionen des Country-Genres und griff ein damals striktes gesellschaftliches Tabu auf. Der Song erzählt die tragische Geschichte einer unverheirateten, schwangeren jungen Frau, die von ihrer Familie verstoßen wird, vergeblich auf die Rückkehr des Kindsvaters hofft und am Ende ein totgeborenes Baby zur Welt bringt.

Wegen der düsteren Thematik weigerten sich viele Radiostationen damals, das Lied zu spielen, weshalb es nie als offizielle Single erschien. Parton selbst, die zu dem Text auf einer Tourbus-Fahrt durch Dover (Tennessee) inspiriert wurde, bezeichnete das tabubrechende Werk trotz der morbiden Note stets als eines ihrer absoluten Lieblingsstücke.


„Hello God“ (2002, aus dem Album „Halos & Horns“)

Unter dem unmittelbaren Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 entstand Dolly Partons spirituelle Reflexion „Hello God“. Parton drehte an jenem Tag gerade ein Werbevideo für eine neue Dollywood-Attraktion auf einer abgelegenen Farm in Tennessee, als die New Yorker Filmcrew die Schreckensnachrichten über die brennenden Zwillingstürme erreichte und verzweifelt versuchte, ihre Angehörigen zu kontaktieren.

Die lähmende Angst und Ohnmacht der Umstehenden bewegten die Songwriterin noch vor Ort zu einem eindringlichen musikalischen Gebet. Der bombastische, mit Gospelelementen versehene Titel hinterfragt mit schonungsloser Ehrlichkeit den Zustand der Welt, thematisiert menschliche Zweifel und sucht in Zeiten tiefer Erschütterung nach spirituellem Halt und Orientierung.


„After the Gold Rush“ (1999, aus dem Album „Trio II“)

Auf ihrem zweiten gemeinsamen Werk interpretierten Dolly Parton, Emmylou Harris und Linda Ronstadt den überragenden Neil-Young-Klassiker „After the Gold Rush“ neu. Das Zusammenspiel der drei Ausnahmestimmen machte die Aufnahme zu einem besonders eindrucksvollen Beispiel für ihre gemeinsame Gesangskunst und Harmoniearbeit.

Mit ihrer feinfühligen, fast ätherischen Darbietung verliehen die Musikerinnen der melancholischen Zukunftsvision eine ganz eigene Note. Für diese herausragende gesangliche Leistung wurde das All-Star-Gespann im Jahr 2000 mit einem Grammy Award ausgezeichnet. Bis heute steht die Aufnahme exemplarisch für die besondere Dynamik und die tiefe künstlerische Verbundenheit des Trios.


„I Will Always Love You“ (1974, aus dem Album „Jolene“)

Hinter einer der berühmtesten Liebeserklärungen der Musikgeschichte steckt kein romantischer Abschied, sondern eine berufliche Emanzipation: Dolly Parton schrieb „I Will Always Love You“, um sich künstlerisch von ihrem langjährigen Mentor und Duettpartner Porter Wagoner zu lösen. Als sie ihm das Lied im Büro vorspielte, kamen ihm die Tränen – und er willigte unter der Bedingung ein, das Stück selbst zu produzieren.

Parton verteidigte ihre Rechte an der Komposition später eisern, als sie sogar Elvis Presley die Aufnahme verweigerte, weil dessen Manager die Hälfte der Verlagsrechte verlangte. Jahrzehnte später katapultierte Whitney Houston die Ballade durch den Soundtrack zu „The Bodyguard“ in den weltweiten Pop-Olymp, wofür Parton ihr zeitlebens dankbar blieb.


„Please Don’t Stop Loving Me“ (1974, aus „Porter ’n’ Dolly“)

Die langjährige Zusammenarbeit mit Porter Wagoner war von großer Harmonie auf der Bühne, aber auch von ständigen Reibereien hinter den Kulissen geprägt – beide Musiker beschrieben sich rückblickend als sturköpfig. Als Parton 1974 ihren Ausstieg aus dem Duo vollzog, landeten die beiden mit dem gemeinsam geschriebenen Titel „Please Don’t Stop Loving Me“ ihren einzigen Nummer-eins-Hit in den Country-Charts.

Das Lied bündelt die Höhen und Tiefen einer intensiven kreativen Beziehung zwischen gegenseitiger Inspiration und schmerzhaftem Bruch. Zwar folgte nach jahrelangem Rechtsstreit 1980 mit dem Album „Porter & Dolly“ noch eine letzte gemeinsame Veröffentlichung, doch markierte der Charterfolg von 1974 den emotionalen Wendepunkt ihrer Partnerschaft. Dass ausgerechnet dieses Abschiedsduett ihr größter Hit wurde, kommentierte Parton später mit feiner Ironie als passenden Schlusspunkt ihrer gemeinsamen Ära.


„Baby, I’m Burnin’“ (1979, aus dem Album „Heartbreaker“)

Ende der 1970er-Jahre wagte Dolly Parton mit dem treibenden Uptempo-Titel „Baby, I’m Burnin’“ einen stilistischen Ausflug in die damals boomende Disco-Ära. Zu dem tanzbaren Sound inspirierte sie das New Yorker Nachtleben rund um den legendären Club Studio 54, wo sie oft auf dem Sofa saß, mit Andy Warhol plauderte und das bunte Treiben auf der Tanzfläche beobachtete.

Die Single stieg bis auf Platz 15 der US-Disco-Charts und öffnete Parton die Türen zu den weltweiten Tanzflächen und Remix-Kulturen. Den Höhepunkt dieses Pop-Hypes markierte ein kurioses Sammlerstück: Der Hersteller Bally widmete der Sängerin damals sogar einen eigenen, knallbunten Flipperautomaten mit ihrem Konterfei im Disco-Glamour. Für Parton festigte der Song ihren Ruf als wandlungsfähige Pop-Visionärin weit über den traditionellen Country-Rahmen hinaus.


„9 to 5“ (1980, aus dem Album „9 to 5 and Odd Jobs“)

Mit der mitreißenden Hymne „9 to 5“ eroberte Dolly Parton nicht nur die Spitze der US-amerikanischen Pop- und Country-Charts, sondern schuf auch eines der bekanntesten Arbeiterlieder der Filmgeschichte. Entstanden ist der Song am Set der gleichnamigen Erfolgskomödie (deutscher Titel: „Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?“), in der sie an der Seite von Jane Fonda und Lily Tomlin ihr Kinodebüt gab.

Da sie am Set während der langen Drehpausen nicht laut Gitarre spielen durfte, nutzte sie kurzerhand ihre langen Acrylnägel: Indem sie diese rhythmisch aneinanderrieb, erzeugte sie das markante Klappern einer Schreibmaschine – der Beat des Songs war geboren. Für den energiegeladenen Hit erhielt Parton zwei Grammy Awards sowie eine Oscar-Nominierung. Und in der queeren Szene entwickelte sich „9 to 5“ zum beliebten Kultsong, der bis heute gerne von zahllosen Dragqueens aufgegriffen wird.


„Love Is Like a Butterfly“ (1974, aus dem gleichnamigen Album)

Mit der sanften Ballade „Love Is Like a Butterfly“ vertonte Dolly Parton ihre lebenslange Faszination für Schmetterlinge, denen sie schon als Kind in den Wäldern Tennessees stundenlang nachgejagt war. Das Lied erreichte nicht nur die Spitze der Country-Charts, sondern diente Mitte der 1970er-Jahre auch als Titelmelodie ihrer eigenen Fernsehshow, in der spätere Weggefährten wie Emmylou Harris und Linda Ronstadt auftraten.

Der Song prägte Partons öffentliches Erscheinungsbild nachhaltig: Der Schmetterling wurde zu ihrem persönlichen Markenzeichen. Als sie Jahre später ihren Themenpark Dollywood eröffnete, ließ sie das Insekt sogar fest als Buchstabe „W“ in das offizielle Logo integrieren. Im deutschsprachigen Raum erlangte die Komposition 1975 vor allem in der Fassung von Nana Mouskouri unter dem Titel „Glück ist wie ein Schmetterling“ große Bekanntheit.


„Jolene“ (1973, aus dem gleichnamigen Album)

Mit über 400 Coverversionen weltweit gilt „Jolene“ als Dolly Partons meistinterpretierter Song und ihr endgültiger Durchbruch als globale Pop-Ikone. Der markante Name und der eingängige Refrain stammten von einem kleinen Mädchen, das sie einst nach einem Autogramm fragte.

Die Geschichte über die quälende Angst vor einer Nebenbuhlerin speiste sich jedoch aus dem echten Leben: Eine Bankangestellte hatte damals heftig mit Partons Ehemann Carl Dean geflirtet.

Bemerkenswert ist auch der Entstehungsmoment: Parton fand die Originalaufnahmen von „Jolene“ und „I Will Always Love You“ direkt hintereinander auf demselben Demoband – was darauf hindeutet, dass sie zwei der größten Meilensteine der Musikgeschichte möglicherweise am selben Tag schrieb.


„Let Her Fly“ (1993, aus dem Album „Honky Tonk Angels“)

Für das gemeinsame Album „Honky Tonk Angels“ schloss sich Dolly Parton 1993 mit zwei weiteren Pionierinnen des Genres zusammen: Loretta Lynn und Tammy Wynette. Zu den berührendsten Momenten der Platte gehört die Ballade „Let Her Fly“, in der Parton den schmerzhaften Verlust einer geliebten Mutter thematisiert, obwohl ihre eigene Mutter damals noch ein weiteres Jahrzehnt leben sollte.

Statt reiner Trauer steht in dem Lied die tröstliche Gewissheit im Vordergrund, dass die Verstorbene frei von irdischen Lasten heimkehrt. Nachdem Wynette und Lynn der Welt bereits vorangegangen sind, wirkt die Aufnahme wie das Versprechen eines künftigen Wiedersehens im Himmel – sanft ausklingend mit den Abschiedsworten des Songs: „Ooh, she’s an angel, let her fly.“

Zum Abschluss unserer musikalischen Zeitreise blicken wir noch auf einen Abschiedsgruß, der in einer Kastanienholztruhe im „DreamMore Resort“ von Dollywood schlummert: 2015 versiegelte Dolly Parton ein Lied, das erst im Jahr 2046 erstmals abgespielt werden darf. Die Aufnahme liegt mitsamt CD-Player unter Verschluss, was Parton damals scherzhaft damit verglich, ein eigenes Kind auf Eis zu legen.

Das versiegelte Werk bildet den Schlusspunkt unseres Streifzugs und bleibt ihr persönliches Vermächtnis an künftige Generationen, dessen Melodie die Welt erst in zwei Jahrzehnten hören wird.