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Razzia gegen Pädokriminelle
Polizei geht gegen 65 Teilnehmer in Kinderporno-Chats vor

Lesezeit 3 Minuten
Razzia_Herdecke

Polizisten stehen am Dienstagmorgen in Herdecke während einer Razzia wegen des Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornographie an einem Wohnhaus.

Köln – Michael Esser tritt öffentlich eher als nüchterner, sachlicher Kriminalist auf. Bei der Pressekonferenz zur Groß-Razzia gegen 65 Mitglieder von Kinderporno-Chats in zehn Bundesländern erneuerte der Kölner Kriminaldirektor jedoch mit emotionalen Worten sein Versprechen, das er vor 15 Monaten zu Beginn der Ermittlungen im bisher größten Missbrauchskomplex in Deutschland gegeben hatte: „Wir als Polizei Köln werden den Kampf gegen Pädokriminelle nicht aufgeben.“

Man werde all die kleinen Puzzleteile zusammensetzen, um jene Leute aus der Anonymität der Chats herauszuholen, „die Kindern ein Leid zufügen“. Bei der Jagd kämen alle technischen Mittel zum Einsatz. „Wenn sie sich hinter Nicknames verstecken – sie sollen wissen, dass die Polizei alle Register zieht, sie zu identifizieren.“

Am Dienstagmorgen durchsuchten 1000 Polizeibeamte Dutzende Objekte zwischen Bayern und Schleswig-Holstein. Allein für NRW listete Esser 16 Tatverdächtige auf. Mindestens 1000 Datenträger und andere Asservate wurden sichergestellt.

Alles zum Thema Herbert Reul

Bei einem Beschuldigten fand sich Sex- und Kinderspielzeug, an der Adresse eines Chatteilnehmers in Bayern wurde ein 13-jähriger Schüler angetroffen. Seine Eltern hatten ihn bei dem Mann in Obhut gegeben. Der Junge wurde ins Jugendheim gebracht. In einem weiteren Fall stellten die Beamten drei Pistolen mit 148 Schuss scharfer Munition sicher.

Spezialeinsatzkommandos überrumpelten Verdächtige

Spezialeinsatzkommandos traten Türen ein, um zu verhindern, dass die Zielpersonen noch codierte Handys oder Laptops abschalten konnten. Hintergrund der neuen Razzia sind die Nachforschungen der Ermittlungsgruppe BAO (Besondere Aufbauorganisation) Berg.

Im Herbst 2019 hatte sie über einen inzwischen verurteilten Mitarbeiter eines Krankenhauses in Bergisch Gladbach Einblick erhalten in Messenger-Gruppen, die Millionen von Missbrauchsdateien austauschten.

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Häufig stellten Teilnehmer Videos oder Fotos in die geheimen Runden ein, die das Leid der eigenen Töchter und Söhne zeigten. Mitunter verabredeten sich Täter, um gemeinsam über die Kinder herzufallen. Ratschläge wurden ausgetauscht, wie man Opfer am besten gefügig machen könne.

Meist kommunizierten die Chat-Teilnehmer über falsche Namen. Da die Netz-Provider nur bis zu einer Woche die IP-Adresse der Verdächtigen aufbewahren, mussten die Ermittler häufig anhand kriminalistischer Kleinarbeit die Mosaiksteine aus den Chatnachrichten zusammenfügen, um auf Echtnamen und Adressen der Täter zu schließen.

Dabei war besondere Eile geboten, um den Missbrauch so schnell wie möglich zu unterbinden. 52 Kinder haben die rheinischen Ermittler mittlerweile aus den Fängen ihrer Peiniger befreien können.

Für Kriminaldirektor Esser stellt dies „den wesentlichen Beitrag dar, den wir als BAO Berg geleistet haben“. In einer zweiten Stufe gehen die Strafverfolger seit Monaten intensiv gegen die Mitglieder digitaler Kinderpornotauschbörsen vor.

Polizei gibt Verfahren ins europäische Ausland ab

Insgesamt listet der Ermittlungsleiter 330 Beschuldigte in dem Verfahren auf, sieben Fälle wurden nach Österreich, Finnland, Schweden, die Schweiz und den Niederlanden abgegeben. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ erfuhr, haben sich die Pädokriminellen in geheimen Chatgruppen via Skype ausgetauscht. Der Zugang war offenbar zu jeder Zeit möglich. Der Messengerdienst zählt seit 2011 zum Microsoft-Imperium.

Kölns Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, der als Leiter der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime in NRW (ZAC) früher häufig die mangelnde Kooperationsbereitschaft der ausländischen Provider und Anbieter von Chatplattformen kritisierte, hob in diesem Fall die Kooperation mit der digitalen Crimes Unit von Microsoft hervor. „Dort wurden unsere Anfragen äußerst zügig beantwortet.“

Hartmann will gegen die Infrastrukturen dieser Chatrooms vorgehen. Demnach forciert die Staatsanwaltschaft „einen Prozess, diese Plattformen abzuschalten“. Insgesamt geht die ZAC von etwa 30.000 Beteiligten aus, die Kinderpornomaterial konsumiert oder getauscht haben. Die Nachforschungen werden also weiter laufen.

NRW-Innenminister Herbert Reul befand, dass „Beharrlichkeit und Geduld sich in unserem Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie auszahlen. Die Pädokriminellen in Nordrhein-Westfalen, in ganz Deutschland und im europäischen Ausland sollen wissen, dass sie sich nirgendwo sicher fühlen können.“

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