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Hinter der Mauer des SchweigensPolizei sucht Mörder in der Stricher-Szene

5 min

Die Leiche von Gertrud S. wird aus ihrem Geschäft in Ehrenfeld auf einer Bahre weggebracht. Sie wurde im April 1982 mit 30 Messerstichen ermordet.

Die Ermittlungen in zahlreichen Mordfällen der 70er und 80er Jahre führten in die Kölner Stricherszene rund um den Alter Markt. Die Polizei musste eine Mauer des Schweigens durchbrechen. Eine neue Folge von „True Crime Köln“ mit dem Ex-Fahnder Helmut Simon.

In Ehrenfeld wird eine Geschäftsfrau mit 30 Messerstichen ermordet. In Buchheim fällt ein Markthändler einem ähnlichen Verbrechen zum Opfer – auch seine Leiche weist zahlreiche Messerstiche auf. Beide Fälle stehen beispielhaft für eine Reihe von Morden, deren Spuren in die Stricherszene rund um den Kölner Alter Markt führen. In den 1970er- und 1980er-Jahren verzeichnete die Kölner Polizeistatistik in manchen Jahren 30 bis 40 Tötungsdelikte. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 waren es zehn. Der Grund für die hohe Zahl an Kapitalverbrechen war eine skrupellose und brutale Szene, in der sich teilweise verwahrloste Jugendliche und junge Erwachsene prostituierten. Überfälle auf schwule Männer wurden damals nur selten angezeigt. Dadurch konnten sich die Täter hinter einer regelrechten Mauer des Schweigens sicher fühlen.

Sexualität im Verborgenen ausgelebt

Der Kölner Fahnder Helmut Simon hatte damals die Aufgabe, diese Mauer zu durchbrechen. „Entscheidend war, dass man Vertrauen aufbauen konnte“, erinnert sich der pensionierte Polizist im Interview für „True Crime Köln“, der Podcastreihe des Kölner Stadt-Anzeiger über wahre Verbrechen aus Köln und der Region. Das sei nicht einfach gewesen, weil die Zeit, in der es Polizeimaßnahmen gegen Homosexuelle gab, noch nicht lange zurückgelegen hätte. Außerdem lebten die meisten ihre Sexualität im Verborgenen aus. Die Wirte hätten kein Interesse gehabt, mit der Polizei zu sprechen. „Die hatten Angst vor uns, weil noch ein paar Jahre zuvor die Kollegen in der Grünen Minna vorgefahren kamen.“ Bei Razzien in diesen Kneipen sei jeder mitgenommen worden, der sich dort aufgehalten hat.

Die neue Folge von „True Crime Köln“ hören:

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So habe man viel Zeit investieren müssen, um das Misstrauen zu überwinden. Ein Altstadt-Wirt, der auch als der „König vom Alter Markt“ bekannt war und später unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, sei zu einem wichtigen Verbindungsmann in die Szene geworden. „Er hat uns in all diese Gaststätten geführt, uns mit vielen Leuten bekannt gemacht und ihnen gesagt, dass sie uns vertrauen können.“ So seien einige Kriminalfälle aufgeklärt worden. In einigen Fällen hätten sie verwahrloste Jugendliche festgenommen, die selbst viel Leid erfahren hatten. Haben ihm manchmal auch die Täter leidgetan? Mit dem Begriff „Mitleid“ würde er sein Empfinden nicht beschreiben, so Simon. Er habe allerdings immer wieder darüber nachgedacht, wie die Jungen auf die schiefe Bahn gekommen seien. Beim Blick auf deren Lebenslauf habe er sich gedacht: „Was habe ich für ein Glück gehabt. Was haben meine Kinder für ein Glück gehabt.“ Viele Täter seien aus Kinderheimen ausgebrochen. „Die Heime waren damals nicht so wie heute, das waren Verwahranstalten ohne eine echte Betreuung.“

Der ehemalige Fahnder der Kölner Polizei. Helmut Simon, war zu Gast bei „True Crime Köln“ live im Kölner Theater „Comedia“

Die Fälle, von denen Helmut Simon bei der ersten Live-Veranstaltung von „True Crime Köln“ im Theater Comedia im Gespräch mit Helmut Frangenberg berichtet, spielen auch eine große Rolle in dem Buch, das er geschrieben hat. „Tatsachen – Ein Ex-Fahnder blickt zurück“ heißt die Fallsammlung, die sich von Büchern anderer ehemaliger Polizisten unterscheidet. Simon schmückt nichts aus. Mancher Fall, der Stoff für ein ganzes Buch hergegeben hätte, wird sachlich, kurz und knapp beschrieben. Ihm geht es nicht nur darum, typische „True-Crime“-Geschichten zu erzählen. Simon berichtet auch davon, wie er als Polizist mit der andauernden Konfrontation mit Leid und Elend umgegangen ist. Die Arbeit habe auch „kleine Narben“ hinterlassen.

Sucht und Einsamkeit: Polizisten mit hohem Berufsrisiko

Es gibt Kollegen, die abstumpfen oder die für ihren Beruf einen hohen Preis – mit einer Sucht oder privater Einsamkeit - bezahlen. „Ich will ehrlich sein“, kann man am Ende des Kapitels über den Mord an seinem Kollegen Walter Pauli lesen. „Auch ich musste aufpassen, dass der Alkohol für mich nicht zum Thema wurde. Es gab Momente, in denen das Risiko da war. Aber ich hatte das große Glück, ein gutes Team und eine starke Familie zu haben, die mich davor bewahrt haben.“ Als Referent an der Hochschule für Polizei habe er oft über das Thema gesprochen und die jungen Kollegen vor den Risiken des Berufs gewarnt: Nicht die Flucht in eine Sucht sei die Lösung, sondern die Bereitschaft, sich Hilfe zu suchen, wenn der Druck zu groß werde. „Sucht den Weg zu professioneller Hilfe, auch wenn das manchmal schwerfällt oder nicht dem Berufsbild des starken Polizisten entspricht.“ Das sei kein Zeichen von Schwäche, „sondern von wahrer Stärke“.

Am Ende seines Buchs resümiert er: „Menschen aus meinem persönlichen Umfeld sagen mir noch heute, dass mich die Jahre bei der Kriminalpolizei geprägt und verändert haben. Aber nicht zu einem abgestumpften Beamten, sondern zu einem wachsamen, interessierten und einfühlsamen Menschen.“ Wer Simon im Live-Talk oder auch als Stadtführer für den Anbieter „Stadtgeschichten Köln“ erlebt hat, wird eine weitere Eigenschaft des Ex-Fahnders erwähnen: Simon ist ein guter Erzähler, der sich den Humor bewahrt hat und dabei nicht zum Zyniker geworden ist.

True CRime

True CRime

Die neue Folge von „True Crime Köln“ kann man über die Homepage des Kölner Stadt-Anzeiger oder überall dort hören, wo es Podcasts gibt. Die neue Folge „Hinter der Mauer des Schweigens“ ist nicht die erste Folge der Podcastreihe des Kölner Stadt-Anzeiger über wahre Verbrechen in Köln und der Region, in der Helmut Simon über seine Arbeit als Fahnder berichtet. Er spielte in den 80er Jahren eine Schlüsselrolle in der sogenannten „Kießling-Affäre“ um einen angeblich erpressbaren und zu Unrecht verdächtigten NATO‑General. Mindestens genauso spannend ist die Folge „Ein Türsteher als Stasi-Auftragskiller: Die lange Suche nach Karate Johnny“, die im Juni 2024 veröffentlicht worden ist.

Das Buch von Helmut Simon „Tatsachen – Ein Ex-Fahnder blickt zurück“ kann man im Internet zum Beispiel über Amazon oder den BoD‑Buchshop beziehen. Es kostet 16,99 Euro.

www.ksta.de/true-crime-koeln