Die Politik beschwört Arbeit wie ein Heilmittel – und übersieht dabei, dass ein Großteil der Arbeit, auf der unsere Gesellschaft ruht, weder gezählt noch bezahlt wird. Und dass die Maschine gerade dabei ist, den Rest zu übernehmen.
ArbeitszeitAls würde man auf einem sinkenden Schiff die Passagiere auffordern, schneller zu rudern

Was ist Arbeit? Spätestens KI zwingt uns zu einer Erweiterung unseres Arbeitsbegriffs.
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Der Kanzler blickt streng über seine Väterbrille. Der Bürger soll mehr leisten. Die Wirtschaft schwächelt, der Sozialstaat frisst Geld, und die Ansprüche – nun ja, die seien ohnehin zu hoch. Als wäre Arbeit ein Rezept, das man nur oft genug verschreiben muss, bis der Patient genest. Aus den USA hat er seiner Tochter einmal ein Holzstück mitgebracht, auf dem ein einziges Wort steht: „Work". Ein Talisman gegen Zweifel, ein Kompass für die Orientierungslosen. Damit das Heilmittel noch entfaltender wirkt, soll der Acht-Stunden-Tag fallen und die Überstunde steuerlich belohnt werden. Wer sich noch immer nicht regt, therapiert sich gefälligst durch Fleiß – der Psychotherapeut wird damit überflüssig.
Der faule Bürgergaul, er möge doch endlich traben. Nur: Welche Arbeit meint der Kanzler eigentlich?
Wer sich heute ernsthaft mit Arbeit beschäftigt, braucht Schwindelfreiheit – denn der Abgrund zwischen politischem Anspruch und familiärer Wirklichkeit ist tief. Mütter, aber auch engagierte Väter, wissen von einem Acht-Stunden-Tag nicht viel zu berichten. Ihr Tag beginnt, bevor er offiziell beginnt: Frühstück zubereiten, Pausenbrote belegen, Wäsche waschen, Schulweg organisieren, Sponsorenlauf betreuen, Bibliotheksdienst schieben, einkaufen, zum Fußball fahren, zur Flötenstunde fahren, Socken kaufen, Geburtstagsgeschenke besorgen, Additionen mit Übertrag erklären, Spaghetti kochen, abwaschen, Toilette reinigen, Fenster putzen – damit man überhaupt noch nach draußen sehen kann. Die Liste endet nicht. Jeder darf sie nach Belieben verlängern, auch um solche Posten wie „Regelmäßig die Spuren der inkontinenten Greisen-Katze beseitigen". Macht alles Arbeit.
Wer sich heute ernsthaft mit Arbeit beschäftigt, braucht Schwindelfreiheit – denn der Abgrund zwischen politischem Anspruch und familiärer Wirklichkeit ist tief.
Und doch: In der volkswirtschaftlichen Gleichung kommen all diese Fleißigen kaum vor. Höchstens als Teilzeitkraft. Denn Elternarbeit wird nicht entlohnt – sie ist vorausgesetzte Leistung, historisch weiblich konnotiert und damit schlicht unsichtbar.
Dabei gründet auf ihr alles. Jeder Arbeitnehmer, jede Fachkraft, jeder Steuerberater und jeder Ingenieur wurde einmal geboren, gefüttert, sauber gehalten und aufgezogen. Jemand hat ihnen beigebracht, Bitte und Danke zu sagen, eine Ausbildung durchzuhalten, keine Drogen zu nehmen und, ja: fleißig zu sein. Dieses Fundament aber rückt nicht ins Bewusstsein – es wird nicht nur übersehen, es wird aktiv beschädigt. Das Elterngeld soll gekürzt, der Achtstundentag abgeschafft, die Überstunde prämiert werden. Wohlwissend, dass dies ausschließlich jene begünstigt, die ohnehin Vollzeit erwerbstätig sind. Während Mutti ja quasi jeden Tag Unterstunden macht. Minus, das Faultier. Haha.
Und dann, als wäre die Verhöhnung des Unsichtbaren nicht genug, kommen die Meldungen, die das gesamte Gebäude dieser Debatte ins Wanken bringen: Künstliche Intelligenz kann inzwischen Steuer beraten, programmieren, Bücher führen, Maschinen konstruieren, Operationen assistieren. Sie arbeitet ohne Pause, ohne Urlaub, ohne Überstundenzuschlag. Die Jobs, auf die Vati so stolz war – die KI erledigt sie besser, schneller, billiger. Die Jobs, die Mutti täglich verrichtet hat, dagegen – Kleinkinder wickeln, Teenager zumindest grob im Regelwerk halten, kochen, Wäsche waschen und falten – die bekommt die KI nicht mal ansatzweise hin.
Hier liegt die eigentliche Pointe, die in keiner Koalitionsrunde verhandelt wird: Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel, der das überkommene Bild von Arbeit nicht nur erschüttert, sondern auflöst. Die klassische Erwerbsarbeit, auf der unser Sozialstaatsmodell, unser Steuerrecht, unser Selbstverständnis als leistende Bürger ruhen – sie erodiert. Und die Politik reagiert, indem sie mehr davon fordert. Mehr Stunden. Mehr Output. Mehr Holzschilder aus Amerika.
Es ist, als würde man auf einem sinkenden Schiff die Passagiere auffordern, schneller zu rudern.
Was wir brauchen, ist keine Verlängerung der Arbeitszeit, sondern eine Erweiterung unseres Arbeitsbegriffs. Wer pflegt, erzieht, sorgt, tröstet und trägt – der arbeitet. Wer das Fundament legt, auf dem Wirtschaft erst entstehen kann – der leistet. Dass diese Leistung strukturell unsichtbar bleibt, ist keine Naturgegebenheit. Es ist eine politische Entscheidung. Und eine teure dazu: Nicht für jene, die sie erbringen. Sondern für eine Gesellschaft, die sich anschickt, sie vollständig zu ignorieren – ausgerechnet in dem Moment, in dem die Maschine den Rest übernimmt.
Nicht mehr lange, und das einzige, wofür wirklich noch ein Mensch gebraucht wird, ist möglicherweise das Wäschefalten, das Lehren, das sich Kümmern. Und dann? Dann wäre es an der Zeit gewesen, einmal wirklich gefragt zu haben, was welche Arbeit eigentlich wert ist.
