Der Jenaer Historiker und Adenauer-Biograf Norbert Frei über Lehren aus dem Ende der Weimarer Republik für die politische Situation in Deutschland heute.
Diskussion um BrandmauerHistoriker Frei warnt vor „Spiel mit dem Feuer“

Eine Demonstrantin warnt auf einer Demonstration in Köln 2025 mit einem Plakat „Bei Hitlers brennt noch Licht“ vor einer Zusammenarbeit demokratischer Parteien mit der AfD.
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Herr Professor Frei, nach dem Befund in unserem jüngsten „NRW-Check“ gewinnt die AfD in der Kompetenzzuschreibung deutlich, obwohl sie sich in NRW durch nichts qualifiziert haben kann. Muss man dann nicht die „Brandmauer“ in Frage stellen?
Natürlich kann eine Partei, die nicht an der Regierung ist, immer behaupten, sie würde alles besser machen. Aber Ihre Umfrageergebnisse zeigen ja auch, dass das nicht einmal die AfD-Anhänger in ihrer Mehrheit glauben. Nein, man muss immer wieder deutlich machen, dass eine Partei, die die anderen als „Systemparteien“ zu stigmatisieren versucht, das „System“ – also unsere freiheitliche liberale Demokratie – überwinden will. Und das will die übergroße Mehrheit in diesem Land glücklicherweise nicht.
Der Düsseldorfer Politologe Thomas Poguntke sagte uns: Womöglich braucht es einen Wagemutigen, der es mal mit der AfD probiert. Aus Ihrer Sicht keine gute Idee?
Nein, das ist auch aus historischer Perspektive ein Spiel mit dem Feuer von Leuten, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was auf dem Spiel steht.

Professor Norbert Frei
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Die erhoffte Einbindung und Entzauberung einer Partei vom rechten Rand ist – wie jeder weiß – 1933 katastrophal gescheitert. Trägt die historische Analogie als Argument für die „Brandmauer“ zur AfD im Jahr 2026?
Wir sollten nicht nur auf das Jahr 1933 schauen, sondern auf die letzten Jahre der Weimarer Republik insgesamt. Es ist ja – nach dem Ende der Großen Koalition aus SPD, Liberalen, Zentrum und Deutschnationalen unter Führung des sozialdemokratischen Kanzlers Hermann Müller – der Übergang zu den sogenannten Präsidialkabinetten im Jahr 1930, mit denen die abschüssige Bahn betreten wird.
Also der Moment, wo sich der von Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte Kanzler nicht mehr auf eine Parlamentsmehrheit stützt …
… und fortan mit dem Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten regiert. Die Reichskanzler Brüning, von Papen und von Schleicher sind damit völlig abhängig vom Wohlwollen Hindenburgs.
Im Herbst 1932 war der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Nationalsozialisten zum ersten Mal seit Jahren gestoppt.
Und was hat das mit der NSDAP und Hitler zu tun?
Deren rasanter Aufstieg begann erst in der Zeit der Präsidialkabinette. Und spätestens 1932 diskutierte das politische Berlin dann darüber, wie man diesem Aufstieg Herr werden könne. Im Raum stand die Frage, ob das am besten gelänge, indem man die Nationalsozialisten konsequent aus der Regierung heraushält – oder ob man versucht, sie durch Einbindung zu „zähmen“.
Das war insbesondere die Idee der Rechtskonservativen um Papen im Januar 1933.
Besonders interessant ist die Situation schon im Herbst 1932, nach der zweiten Reichstagswahl innerhalb von vier Monaten: Danach ist eine Koalitionsbildung ohne die Extremparteien auf der Rechten und der Linken nicht möglich. Aber die eigentlich gute Nachricht: Zum ersten Mal seit Jahren ist der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Nationalsozialisten gestoppt, sie verlieren fast vier Prozentpunkte. In dem Moment beginnt nun die Zerreißprobe innerhalb der NSDAP, weil ein Teil der Partei nicht einverstanden ist mit dem Alles-oder-nichts-Kurs Hitlers, der Kanzler werden will oder eben gar nichts. Wenn Hindenburg in diesem Moment hart geblieben wäre…
… dann wäre alles gut geworden?
Zumindest hätte die Chance bestanden, dass sich die NSDAP zerlegt hätte. Viel hat dazu Ende 1932 nicht gefehlt. In der bürgerlichen Presse ist zu Silvester 1932 immerhin schon davon die Rede, dass „dieses Führers Zeit“ um sei. Mit anderen Worten: dass Hitler seine Chance vertan hat, die Nationalsozialisten durch Kompromissfähigkeit in die Regierungsverantwortung zu bringen – und dass ihn seine parteiinternen Konkurrenten nun wohl abservieren würden.
Was wäre denn im besten Fall gewonnen, wenn die AfD an einer Koalition im Bund oder in einem Bundesland beteiligt wäre?
Nach allem, was Sie schildern: Sind die Unterschiede schon in der politischen Ordnung nicht größer als die Ähnlichkeiten mit der heutigen Situation? Wir haben kein Staatsoberhaupt mit der Machtfülle des Reichspräsidenten, und eine „Zerreißprobe“ über etwaige Regierungsbeteiligungen gibt es – wenn überhaupt – nicht in der AfD, sondern in der Union. Stichwort „Brandmauer“.
Glücklicherweise gibt es noch eine ganze Menge mehr Unterschiede: Unsere politische Ordnung ruht auf acht Jahrzehnten insgesamt doch sehr positiver Lernerfahrung mit der Demokratie und auf einer Gesellschaft, die nichts anderes kennt. Aber das heißt ja nicht, dass man aus der Kenntnis des Endes der Weimarer Republik nicht auch Lehren ziehen könnte.
Sie wollen also sagen: Haltet die AfD ja fern von der Beteiligung an der Macht?
Was wäre denn im besten Fall gewonnen, wenn die AfD an einer Koalition im Bund oder in einem Bundesland beteiligt wäre? Dass ein paar gemäßigte AfDler beweisen könnten, wie „vernünftig“ sie sind – und damit den sich jetzt noch zurückhaltenden Radikalen in der Partei den Weg ebnen? Nach dem Motto: Nun haben wir bewiesen, wie gut wir mitregieren können, und beim nächsten Mal stellen wir dann die Kanzlerin oder den Ministerpräsidenten?
In Sachsen-Anhalt kann es im September passieren, dass die AfD gar keinen Partner mehr braucht, um an die Regierung zu kommen. Was dann?
Das wäre bitter. Aber es wäre hoffentlich auch der Anfang eines weiteren Lernprozesses für das ganze Land.
Was glauben Sie, wie Wählerinnen und Wähler durch den Verweis auf die 1930er Jahre von einer Entscheidung für die AfD abgebracht werden könnten? Es sieht nicht sehr danach aus, dass das historische Argument verfängt.
Ich sage ja nicht, dass die Kenntnis der Geschichte vor neuen Fehlern bewahrt. Aber wer sich mit dem Weg beschäftigt, der zu „1933“ geführt hat, kennt noch ein paar zusätzliche Gründe, weshalb man der Idee aus dem Weg gehen sollte, eine Regierung unter Einschluss der AfD zu bilden. Die CDU käme das teuer zu stehen – und das ohne Not! Immerhin haben die Parteien, die diese Demokratie seit Jahrzehnten in Regierung und Opposition getragen haben, weiterhin eine parlamentarische Mehrheit. Eine Mehrheit, die sich nur darauf verständigen muss, diesem Land gut zu dienen, erforderlichenfalls eben auch in einer Mehrparteienkoalition. Die gab es in den Anfängen der Bundesrepublik übrigens öfter, als diejenigen meinen, die bei diesem Thema nur an die Schwierigkeiten mit der Ampel denken.
Zur Person
Norbert Frei ist emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zum 150. Geburtstag Konrad Adenauers 2026 legte er die Biografie „Kanzler nach der Katastrophe“ vor (Verlag C.H. Beck).
