So wählten die unter 30-JährigenWarum die Grünen bei den jungen Wählern so abstürzten – und die AfD Stimmen gewann

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Ricarda Lang (l-r), Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Terry Reintke, Spitzenkandidatin der Grünen für die Europawahl 2024, und Omid Nouripour, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, reagieren bei der Wahlparty der Grünen in der Columbiahalle auf die ersten Hochrechnungen.

Ricarda Lang (l-r), Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Terry Reintke, Spitzenkandidatin der Grünen für die Europawahl 2024, und Omid Nouripour, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, reagieren bei der Wahlparty der Grünen in der Columbiahalle auf die ersten Hochrechnungen.

Die Grünen schneiden bei den jungen Wählerinnen und Wählern sogar noch schlechter ab als im Gesamtergebnis. Wie kann das sein?

Rund 65 Millionen Menschen in Deutschland waren am Sonntag zur Stimmabgabe bei der Europawahl aufgerufen, 64,8 Prozent davon beteiligten sich an der Wahl. Für eine Europawahl ist dieser Wert ungewöhnlich hoch. Einige Menschen machten bei der Europawahl gar zum ersten Mal ihr Kreuz auf einem Wahlzettel, auf 16 Jahre war das Mindestalter heruntergesetzt worden.

Umso mehr war im Vorfeld der Wahl um die junge Wählerschaft gekämpft worden. Die Ergebnisse überraschten am Sonntagabend: Bei den 16- bis 24-Jährigen lagen CDU/CSU und AfD fast gleichauf gemeinsam an der Spitze (je 17 Prozent). Nur die Grünen (11 Prozent) konnten noch ein zweistelliges Ergebnis einfahren. Während die SPD mit gerade einmal 9 Prozent wenig Zuspruch bei Erst- beziehungsweise Jungwählern erhielt, überraschte Volt (ebenfalls 9 Prozent) mit einem starken Ergebnis. Linke, FDP und BSW (je 7, 6, 6 Prozent) landeten laut Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen auf den weiteren Plätzen.

Europawahl 2024: So wählten die jungen Wähler

Ein Blick auf die Gewinne und Verluste bei den unter 30 Jahre alten Wählerinnen und Wählern zeigt ein ähnliches Bild: Die Grünen sind hier der ganz große Verlierer. Die allgemeine Stimmung für mehr Klimaschutz brachte den Grünen 2019 ein Rekordergebnis von 20,5 Prozent, vor allem junge Wählerinnen und Wählern hatten daran einen großen Anteil (30 Prozent bei den 18- bis 29-Jährigen). Nun haben die Grünen satte 18 Prozentpunkte in dieser Wählergruppe im Vergleich zur vergangenen Europawahl verloren.

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Für die von Ricarda Lang und Omid Nouripour angeführte Partei ist das ein echter Dämpfer – konnten sich die Grünen doch gerade bei der jungen Wählerschaft in der Vergangenheit großen Zuspruchs erfreuen. Nun schneidet die Partei in der Altersklasse bis 30 Jahren sogar schwächer ab als im Gesamtergebnis. Größter Gewinner bei den unter 30-Jährigen ist die AfD mit plus 10 Prozentpunkten.

Grüne stürzen bei jungen Wählern ab –  Hofreiter sucht nach Erklärungen

Was aber sind die Gründe für den Absturz der Grünen, gerade auch bei den jungen Wählern? Der Grünen-Politiker Anton Hofreiter hat am Montagmorgen drei Hauptgründe für das schlechte Abschneiden seiner Partei bei der Europawahl benannt. Neben eigenen Fehler etwa beim Heizungsgesetz und ständigem Streit in der Ampel-Koalition sei es seiner Partei nicht gelungen, die Menschen zu überzeugen, dass Veränderungen für Stabilität sorgten.

Klimaschutz bei den Wählerinnen und Wählern bei Stimmabgabe nicht mehr so entscheidend wie 2019

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm führt das schwache Abschneiden der Grünen vor allem auf die Klimaschutzpolitik zurück. „Die Grünen haben massiv verloren. Das dürfte nicht zuletzt an dem Agieren in der Bundesregierung liegen. Das Heizungsgesetz etwa hat viel Vertrauen beim Wähler zerstört“, sagte die Ökonomin den Zeitungen der Funke.

Das schlechte Abschneiden der Grünen bei Menschen zwischen 16 und 24 Jahren kommentierte Grimm so: „Hier scheint sich der Fokus zu verschieben. Mit Blick auf den Klimaschutz ist das bedenklich. Ein großes Problem erscheint mir, dass Klimaschutz nicht besonders überzeugend umgesetzt wird.“ Statt sich mit der FDP auf einen marktorientierten Ansatz mit starkem Emissionshandel zu einigen, hätten sich die Grünen „dazu verstiegen, in großem Umfang mit Förderung und Subventionen zu arbeiten“. Dafür fehle aber das Geld, erklärte die Wirtschaftsweise.

Junge Menschen sind verunsichert – Erstarken der politisch extremen Ränder

Geschadet hat der Partei um Vizekanzler Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock offenbar, im viel kritisierten Ampelbündnis viele Zugeständnisse machen zu müssen. Zudem ist Klimaschutz längst nicht mehr so en vogue wie 2019 und für viele offenbar kein schlagendes Argument, den Grünen ihre Stimme zu geben.

Das Ergebnis der Europawahl deckt sich mit entsprechenden Studien wie der Trendstudie „Jugend in Deutschland“ 2024, in denen Jugendforscher Simon Schnetzer und sein Team junge Menschen befragt hatte. Diese gaben die hohe Inflation, den Krieg in Europa und knappen beziehungsweise teuren Wohnraum als ihre größten Sorgen an. Der Klimawandel war dagegen im Vergleich zu den letzten Erhebungen eher in den Hintergrund gerückt.

Dass wirtschaftliche Unsicherheiten und eine ungewöhnlich hohe Inflation zu einem Erstarken der politisch extremen Ränder führt, ist nichts Neues und zeigte sich auch in Deutschland bei der Europawahl 2024. Viele der befragten jungen Menschen klagen über mentale Belastung und sind politisch unzufrieden. Davon profitierte vor allem die AfD.

Europa rückt nach rechts – Jugend wählt nicht mehr links

Nach der Europawahl feiern vor allem die rechten Parteien. So sind etwa in Österreich und Frankreich die Rechtspopulisten stärkste Kraft geworden. In Deutschland verbuchte die AfD Gewinne – im Osten landete die Partei sogar auf Platz eins. Das liegt auch daran, dass die AfD bei den jungen Wählerinnen und Wählern stark abgeschnitten hat. 2019 war das noch anders, damals wählte ein Großteil noch eher links. Grüne, SPD und Linke insgesamt holten 2019 bei den Jungen 46 Prozent. Jetzt kommen die drei Parteien unter den 16- bis 24-Jährigen auf 26 Prozent.

Auffällig ist bei einem Blick auf das Wahlergebnis der Europawahl 2024 auch, dass deutlich mehr Stimmen an kleinere Parteien gingen. Hier ist vor allem Volt zu nennen. Bei der jetzigen Europawahl trat die Partei mit der Forderung an, die EU zu einem Bundesstaat auszubauen, Vetorechte der EU-Mitgliedstaaten abzuschaffen, die Energieversorgung bis 2035 komplett auf Ökoenergie umzustellen und die Seenotrettung von Migranten zu legalisieren. Vor allem bei unverdrossen klimabewegten Jüngeren punktete die Bewegung.

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