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Ex-FDP-InnenministerGerhart Baum wird 80 Jahre alt

4 min

Gerhart Baum

Wenn Gerhart Baum von seiner Terrasse im fünften Stock eines Hauses am Rande der Kölner Südstadt schaut, hat er das Gefühl, die Stadt vor sich zu haben – auch wenn er nur einen Teil von ihr sieht, den Rhein vor allem, „die kulturelle Lebensader“. In Dresden geboren, ist er hier zu Hause. Fast ein ganzes Leben mit seinen Höhen und Tiefen.

„Berlin“, sagt er, „hat man nie vor sich.“ Seltsam „zerfranst“ findet er die Hauptstadt, in ihre verschiedenen „Kieze“. Einer davon ist inzwischen auch seiner. Der Savigny-Platz im alten Westen.

Als Innenminister der sozialliberalen Koalition in Bonn brauchte der FDP-Politiker keine Zweitwohnung, um im politischen Zentrum der Republik zu sein.

Eine kurze, aber aufregende Zeit. Jahrzehnte liegt sie zurück. Aber die Politik hat ihn nicht losgelassen. Gerhart Baum wird sich weiter engagieren – selbst wenn der 80. Geburtstag an diesem Sonntag längst hinter ihm liegt. „Meine Wut ist jung“ heißt seine Buch gewordene politische Lebensbilanz.

Klar, nicht bloß einen Koffer in Berlin zu haben, ist auch praktisch für den Kulturfreak. Theater, Ausstellungen, Musik – moderne vor allem. Aber wichtiger noch ist der Stützpunkt im Zentrum der Republik von heute für den Politiker im Unruhestand. Zwar kann er denen, die heute in seiner Partei das Sagen haben, auch mit Telefoninterviews vom heimischen Schreibtisch aus auf den Wecker gehen. Doch er braucht den direkten Kontakt ins politische Leben.

Mit 80 Jahren leidet Gerhart Baum immer noch an der Partei, in die er 1954 eingetreten ist. Aber er hat die Seiten gewechselt. Längst gehört er nicht mehr zu den „Etablierten“. Der „Ex-Innenminister“, der „Altliberale“, wie er in den Medien vorgestellt wird, geht mit ihrem aktuellen Kurs immer wieder hart ins Gericht. Partei-Chef Philipp Rösler will mit Forderungen nach „stabilem Geld“, Haushalskonsolidierung und Wirtschaftswachstum in den Bundestagswahlkampf ziehen? Durch die Decke gehen könnte der 80-Jährige über eine solche Verkürzung des Liberalismus. „Wo bleibt die gesellschaftliche, wo die soziale Verantwortung“, fragt er. Nur kurze Zeit konnten Politiker wie Baum sich freuen, dass sie den Kurs der Partei bestimmten: Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts war das, als Walter Scheel die FDP in eine Koalition mit Willy Brandt und der SPD führte und die „Freiburger Thesen“ dem sozialen Liberalismus eine programmatische Grundlage gaben.

Ein FDP-Programm würde heute nicht nur deshalb kein Bestseller mehr werden, weil das Interesse an Politik dramatisch zurückgegangen ist. Es liegt auch daran, dass Anfang der 80er etwas geschehen ist – das habe die Partei damals für viele Menschen abstoßend gemacht, sagt der 80-Jährige bitter: der Wechsel des Koalitionspartners von der SPD zur CDU, von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, noch vor der Neuwahl des Parlaments. Baum ist geblieben. Mit knappem Ergebnis wurde er 1982 sogar zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt, weil Otto Graf Lambsdorff, der ideologische Wegbereiter der Wende, seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Doch sein politischer Einfluss tendierte gegen null. Heute gibt er zu: „Ich habe mir etwas vorgemacht.“ Bis 1994 gehörte er noch dem Bundestag an.

Aber sein Engagement in der Menschenrechtspolitik der Vereinten Nationen führte ihn in eine Art mobiles Exil – rastlos reisend um die halbe Welt.

Wichtiger noch, am Ende auch politisch, wurde Baums Rückkehr in den Beruf des Anwalts, bis heute gemeinsam mit Julius Reiter, der als Student in seinem Abgeordnetenbüro gearbeitet hatte. Verbraucher hat er gegen große Firmen vertreten, aber auch die Opfer der Duisburger Loveparade-Katastrophe. Und dann die Verfassungsklagen: gegen den Großen Lauschangriff, gegen das Luftsicherheitsgesetz, die Online-Durchsuchung in NRW und schließlich die Vorratsdatenspeicherung. Vier Erfolge im Kampf für Bürgerrechte, die er und andere Liberale in Regierungsämtern nicht hatten erzielen können.

Der 80-Jährige will weiter wirken. „Dass jüngere Leute etwas wissen wollen“, nennt er seine „Brücke in die Zukunft“. Kein Wunder also, die einzige Rede auf seiner Geburtstagsfeier im Kölner Stadtgarten wird ein 33-Jähriger halten: Christian Lindner, der NRW-FDP-Chef. Wenn es nach Baum ginge, die Zukunft der Partei.