Bundespräsident Steinmeier sieht in Games Gefahren – aber auch demokratisches Potenzial, wie das Beispiel einer Kölner Studentin zeigt.
GamescomZwischen Bildung und Propaganda spielen Games ihre Macht aus

Bei der Gamescom probierte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Nintendo Switch. Viel mehr interessierte er sich aber für sogenannte „Serious Games“ – Spiele mit Lerneffekt.
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Raha ist ein Mädchen, das im Iran aufwächst. In einem Regime der Unterdrückung, in dem Lügen und Manipulation Teil des Alltags sind, in dem es Schläge auf den Hinterkopf gibt, wenn man in der Schule zu neugierig ist, in dem Frauen zu ersticken drohen. Im Persischen gibt es sogar ein eigenes Wort dafür: „Boghz“ – der Kloß im Hals, die Last auf der Brust, der geschluckte Schmerz gegen die Tränen. Das Leben von Raha und ihr Kampf gegen den Kloß im Hals sind ein Computerspiel. „Eine interaktive Fiktion“, erklärt Yasmin, die Rahas Welt erschaffen hat.
Yasmin ist Gamedesign-Studentin am Cologne Game Lab (CGL), dem Institut der TH Köln, das sich auf die Entwicklung und Forschung digitaler Spiele spezialisiert hat. Eigentlich heißt sie anders, doch die 27-Jährige hat Angst, im Iran erkannt zu werden. Familie und Freunde sind weiterhin in der Heimat, während sie im Januar von den Massakern der iranischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in den Nachrichten in Deutschland erfuhr. „Da war so viel Wut, Schuldgefühle und Hilflosigkeit“, sagt sie. Raha, was so viel wie Freiheit bedeutet, sei ihr Ventil gewesen, ein Projekt, um die Gefühle zu verarbeiten. Öffentlich verfügbar ist das Spiel bisher nicht. „Ich muss es etwas abwandeln, um mich nicht angreifbar zu machen.“
„Serious Games“ sind im Kommen
Viele andere solcher Spiele sind auf dem Markt erhältlich. Sogenannte „Serious Games“, die in Deutschland im Aufwind sind. Sie sollen pädagogischen Mehrwert bieten und das Demokratieverständnis und andere Kompetenzen stärken. Davon machte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gamescom ein Bild. Es war der erste Besuch des Staatsoberhaupts bei der Veranstaltung auf dem Messegelände in Köln.
„In ihrer Gesamtheit sind digitale Spiele kulturrelevant – und damit, das halte ich für entscheidend, auch relevant für unsere Demokratie, im Guten wie im Schlechten“, so Steinmeier. Bislang sei die politische Debatte über Gaming von Skepsis gezeichnet gewesen, Stichwort Ballerspiele, Spielsucht, Hass im Netz.

Das Spiel „Soko 1977“, das den RAF-Terror der 1970er Jahre thematisiert, testeten Besucher bei der Gamescom in Köln.
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„Aber ich wäre heute vielleicht nicht hier, wenn die Geschichte des Gaming allein eine Geschichte der Risiken und Probleme wäre“, sagte Steinmeier im Rahmen des Gamescom-Congresses, der Branchenvertreter mit Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern zusammenbrachte.
Es sei auch für ihn – einen Gaming-Laien, wie seine Performance an der Nintendo Switch zeigte – eine Lernkurve gewesen, dass Computerspiele Dinge zum Guten bewegen können und wollen. Etwa, wenn sie historisches Wissen oder politische Bildung vermitteln, zur Erinnerungskultur beitragen oder andere Lebensrealitäten aufzeigen – so wie Yasmin mit ihrer Protagonistin Raha.
Studie: Gamer bringen sich überdurchschnittlich in Demokratie ein
Es lassen sich zahlreiche weitere Beispiele finden. Etwa das Spiel „Soko 1977“ vom Berliner Studio Paintbucket Games. Es ist ein Rollenspiel, das in den 70er Jahren spielt und an den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) vor einem halben Jahrhundert erinnern soll. Die Entwicklung hat 400.000 Euro gekostet, bezahlt hat sie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Games eigneten sich gut, um über Themen ins Gespräch zu kommen, sagt Felix Zimmermann von der bpb. Man könne aus verschiedenen Perspektiven etwas über die Vergangenheit und das Thema Terrorismus lernen.
Auch in Nordrhein-Westfalen setzt man auf Serious Games und fördert einige Produktionen mit Landesmitteln. „Wer Jugendliche ernst nehmen und für Themen wie Desinformation und Extremismus sensibilisieren will, muss sie dort abholen, wo sie sich informieren und orientieren“, sagt NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU).
Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung bringen sich diejenigen, die sich als Gamer bezeichnen, ohnehin überdurchschnittlich in demokratische Prozesse ein – und zwar in der analogen Welt, in Diskussionen, auf Demonstrationen oder bei Petitionen. Und sie identifizieren sich zugleich stärker mit demokratischen Werten als der Durchschnitt (65 zu 55 Prozent), zeigt die Umfrage.
Kölner Entwickler setzen sich für Frieden ein
Für viele junge Menschen seien Gaming-Communitys „wichtige Kanäle der politischen Meinungsbildung und helfen beim Erlernen demokratischer Spielregeln. Bislang werden sie von Politik und Öffentlichkeit aber zu wenig ernst genommen oder übersehen“, sagt Joachim Rother, Experte der Bertelsmann-Stiftung.
So wirkt auch eine kleine Veranstaltung einer Kölner Initiative in dieser Woche fast schon unscheinbar. Doch am Dienstagabend, noch bevor das große Spektakel bei der Gamescom begann, organisierten zwei Mülheimer den „Games for Peace Mixer“, ein Netzwerktreffen für Entwickler, die sich für eine friedlichere Welt einsetzen. „Obwohl wir uns täglich mit der Erstellung von Welten beschäftigen, haben wir auch manchmal das Bedürfnis, nicht untätig dem Leid in unserer echten Welt gegenüberzustehen“, erklären David Zapfe-Wildemann und Isabel Grünberg, die Initiatoren des Treffens im Mülheimer Kulturbunker.

Francesco Cavallari ist Gründer von „Video Games Without Borders“ und war an der Entwicklung des Sprachlernspiels Antura beteiligt, einem Handygame für Flüchtlingskinder.
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Dort stellte auch Yasmin ihr Spiel vor. Genauso wie der Italiener Francesco Cavallari, Präsident von „Video Games Without Borders“. Während der Flüchtlingskrise 2015 hat er in Kooperation mit dem CGL das Spiel „Antura“ entwickelt, ein Handygame für Kinder, damit sie trotz fehlendem Unterricht weiter lesen und sprechen lernen konnten. Was in Arabisch startete, ist heute auch für Kinder aus anderen Krisengebieten wie Afghanistan und der Ukraine verfügbar. „Wir glauben wirklich daran, mit Games etwas verändern zu können“, sagt Cavallari.
Bundespräsident Steinmeier warnt vor Schattenseiten der Spiele
Und zwar mehr noch, als mit jedem anderen Medium, ergänzt Yasmin. Denn anders als in Filmen oder Büchern treffe man in Computer- und Videospielen seine Entscheidungen selbst. „Deine Handlungen haben Konsequenzen. Sie haben Gewicht.“ Die Spieler seien mehr als passive Zuschauer oder Leser.
„Das macht Games natürlich auch zu einem sehr mächtigen Medium für Propaganda“, ist sich die Iranerin bewusst. „Man kann Spiele für Frieden nutzen. Es kann aber auch in die andere Richtung missbraucht werden.“ Grünberg und Zapfe-Wildemann beobachten außerdem die Zusammenarbeit von Gaming-Unternehmen, Militär und Rüstungsbranche mit Sorge.
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt vor den Schattenseiten. „Es gibt ja einige Computerspiele, in denen junge Menschen mit Brutalität und roher Gewalt in Berührung gebracht werden, mit Sexismus, Rassismus, mit menschenverachtendem Denken und extremistischen Ideologien.“ Es brauche, so der Bundespräsident, klare Regeln, um Gewaltverherrlichung und die Verbreitung von extremistischen und demokratiefeindlichen Inhalten zu verhindern. „Gerade in einer Zeit, in der auch unsere Demokratie stärker bedroht ist und angefochten wird.“
