- Die Generalkonsulin der Ukraine, Iryna Shum, und der polnische Generalkonsul Jakub Wawrzyniak kritisieren im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ die zu zögerliche Positionierung der Bundesrepublik.
- Kritik äußern sie auch an Teilen der deutschen Wirtschaft, die immer noch Geschäfte mit Russland machen würden.
- Außerdem sprechen sie über die Solidarität bei der Unterbringung von Geflüchteten und über das Nachlassen des Schwungs bei Demonstrationen gegen den Krieg.
Köln – Der Auftritt im Duo ist symbolträchtig. Kein Blatt Papier passt zurzeit zwischen die Ukraine und Polen. Das vermitteln die Generalkonsuln beider Länder, wo immer sie sich sehen lassen. In einem Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ zeigen sich die Diplomaten in mehrfacher Hinsicht besorgt über das Bild Deutschlands im Ausland und insbesondere im ukrainischen Kriegsgebiet.
Prorussische Demonstrationen und Autokorsos in Großstädten wirkten verstörend. Es müsse alles dafür getan werden, solche Szenen zu verhindern oder ihnen etwas entgegenzusetzen. „Wir respektieren das heilige Grundrecht der Demonstrationsfreiheit“, sagt Wawrzyniak. „Aber wir wünschen uns scharfe Auflagen der Behörden, ein hartes Durchgreifen und mehr zivilgesellschaftliche Kreativität.“ Wie wäre es zum Beispiel, wenn sich Traktoren einem solchen Korso in den Weg stellen würden?, sinniert der polnische Diplomat.
Shum sagt, wenn in Deutschland Anhänger Putins auf die Straße gingen, zeige das aber auch, dass der Überfall auf die Ukraine eben nicht allein „Putins Krieg“ sei. Es sei verletzend für ihre Landsleute, wenn das ihnen von der russischen Armee zugefügte Leid auf eine einzige Person reduziert werde.
Zögerliche Abgrenzung von Russland
Risse bekommt das positive Bild Deutschlands nach Ansicht der beiden Konsuln auch durch eine zu zögerliche Abgrenzung von Russland. Die Aufrechterhaltung von Städtepartnerschaften sei „ein verkehrtes Zeichen“, sagte Wawrzyniak. Angesichts der Gräuel des Krieges, mit dem Russland seinen westlichen Nachbarn überzogen habe, „ist kein Platz mehr für Grautöne. Es gibt jetzt nur Schwarz-Weiß oder – besser gesagt – Blau-Gold“, die Nationalfarben der Ukraine.
Zu den Personen
Iryna Shum
Iryna Shum, geb. 1985 in Kiew, hat in ihrer Heimatstadt Internationale Beziehungen studiert. Seit 2009 ist sie im diplomatischen Dienst der Ukraine. Sie wurde 2018 Kultur-Konsulin in München. Seit 2021 ist Shum Generalkonsulin ihres Landes mit Sitz in Düsseldorf.
Jakub Wawrzyniak
Jakub Wawrzyniak, geb. 1980 in Posnan, hat in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften , Philosophie und Allgemeine Sprachwissenschaften studiert. Er arbeitet seit dem Jahr 2000 für das polnische Außenministerium. Seit 2018 ist Wawrzyniak Generalkonsul mit Sitz in Köln.
Shum lobt die Stadt Düsseldorf, die gerade demonstrativ eine neue Partnerschaft mit der west-ukrainischen Stadt Czernowitz geschlossen hat. Für Köln sei sie bereits auf der Suche nach einem vergleichbaren Projekt, fügt Shum hinzu, ohne dies näher zu konkretisieren.

Die Generalkonsuln Iryna Shum und Jakub Wawrzyniak im Gespräch mit Carsten Fiedler und Joachim Frank.
Copyright: Csaba Peter Rakoczy
Mit Blick auf den öffentlichen Protest gegen den Krieg erleben Shum und Wawrzyniak nach eigenen Worten gerade ein gewisses „Nachlassen des Schwungs“. Manchmal hätten sie das Gefühl, „wenn wir auf solch einer Kundgebung nur Ukrainisch reden würden, würden wir auch verstanden“, sagt Wawrzyniak und appelliert an die Bevölkerung, mit der sichtbaren Ablehnung des Kriegs nicht nachzulassen. Dies helfe auch den Menschen in der Ukraine. „Unterschätzen Sie nie die Macht der Bilder!“
Umgekehrt würdigen die Diplomatin und ihr Kollege „das enorme persönliche Engagement und die wunderbare Solidarität im Alltag“, insbesondere mit ukrainischen Flüchtlingen. „Wichtig ist es, nicht zum Tagesgeschäft überzugehen und sich nicht von einem Gefühl der Hilflosigkeit übermannen zu lassen“, hebt Shum hervor.
Kritik an deutscher Wirtschaft für Geschäfte mit Russland
Aufs Schärfste kritisieren sie und Wawrzyniak, dass Teile der deutschen Wirtschaft immer noch Geschäfte mit Russland machten und damit nicht nur Geld für die Kriegsmaschinerie nach Russland leiteten, sondern auch Wasser auf die Mühlen von Putins Propaganda. Namentlich nennen Shum und Wawrzyniak die Konzerne Metro, Henkel und Bayer und den Fleischproduzenten Tönnies. Sie alle könne der Kreml im eigenen Land als Handelspartner vorführen zum Beweis, dass der Westen sich eben nicht komplett abgewandt habe.
Shum nimmt auch Stellung zu der Kontroverse um Besuche der deutschen Staatsspitze in Kiew. Ohne auf die Ausladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch den ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyi einzugehen, nennt sie Aufenthalte „unserer internationalen Partner und Freunde in der Ukraine äußerst wichtig“. Sie seien nicht nur Zeichen der Solidarität, sondern ermöglichten es den Gästen auch, sich ein Bild von den „Gräueltaten Russlands und ihren Folgen“ zu machen. Ein zeitnaher Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wäre hochwillkommen, so Shum.
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Insgesamt macht die Vertreterin der Ukraine deutlich, dass sie sich von Deutschland eine noch entschiedenere Positionierung gegen das Putin-Regime erwartet. Hier gehe es auch um Rolle Deutschlands als führende Nation in Europa. Shum spricht konkret ein Gas- und Öl-Embargo an. Das Argument, dass unter einem Lieferstopp die Menschen in Deutschland mehr zu leiden hätten als das Regime, gegen das solche Sanktionen gerichtet wären, weist Shum ebenso zurück wie Wawrzyniak. Es gehe nicht um eine Erwägung nach Nützlichkeit, sondern nach Moral. „Früher oder später wird die russische Seite von sich aus den Hahn zudrehen“, prognostiziert Wawrzyniak. Spätestens dann werde sich für Deutschland die Frage stellen: „Auf welcher Seite wollen wir stehen – moralisch?“
Mit Blick auf die Pflege des deutsch-russischen Verhältnisses warnen Shum und Wawrzyniak vor den Traumata des 20. Jahrhunderts, die im Osten Europas nach wie vor lebendig seien. „Wenn wir in Polen oder in der Ukraine die »Urangst« vor Russland beschworen und vor Geschäften mit Putins Reich gewarnt haben, wurden wir für paranoid gehalten“, sagt Wawrzyniak. „Heute zeigt sich, wie recht wir hatten.“
„Solidarität liegt in unserer DNA“
Ukrainer und Polen fühlten sich einander in Zeiten des Krieges verbundener denn je, sagen die beiden Diplomaten. „Die Solidarität mit den Nachbarn liegt in unserer DNA“, so Wawrzyniak. Nicht nur geografisch, sondern auch kulturell seien die beiden Länder einander sehr nahe. Manche polnischen Großstädte wirkten derzeit aufgrund des Zustroms von Ukraine-Flüchtlingen „fast binational“. Allein in der Hauptstadt Warschau hielten sich 400.000 Ukrainerinnen und Ukrainer auf. Trotz der gewaltigen Zahl von annähernd drei Millionen Flüchtlingen sei die Hilfsbereitschaft seiner Landsleute ungebrochen, sagt Wawrzyniak, und Polen sei gewillt, die damit verbundenen Lasten zu stemmen. „Wir schicken niemanden weg“, betont Wawrzyniak, ruft aber nach finanziellen Hilfen durch die EU.
Die allermeisten Ukraine-Flüchtlinge wollten in Polen bleiben, sagt Shum – immer in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat. „Die meisten glauben, es ist bald vorbei.“ Schon jetzt, mit Nachlassen des Kriegsdrucks in der Westukraine, gebe es einen erheblichen Rückstrom. Wawrzyniak beziffert die Zahl der ukrainischen Bürger, die seit dem 1. April die polnische Grenze in Richtung ihrer Heimat passiert haben, mit fast 220.000.



