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Kommentar

Gerichtsurteil
Das Ende der Frottee-Tyrannei am Pool

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2 min
Handtücher am Swimmingpool, um die Liege zu reservieren.

Handtücher am Swimmingpool, um die Liege zu reservieren. 

Um sechs Uhr morgens ist alles „belegt“, nur Menschen fehlen. Ein Urteil macht aus Handtüchern am Pool endlich einen Reisemangel.

Es gibt Dinge, die scheinen unveränderlich: Wasser kocht bei 100 Grad, nachts wird es dunkel, die Nudelpfanne ist lauwarm, das WLAN bricht genau dann ab, wenn man’s braucht – und am Hotelpool ist um sechs Uhr morgens bereits alles „belegt“, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen ist. Handtücher liegen da wie kleine Flaggen auf erobertem Territorium: „Kein Zugang. Betreten auf eigene Gefahr.“

Manche blockieren gleich zwei Plätze, damit die wandernde Sonne nicht das wandernde Wohlbefinden stört. Andere gehen erst mal auf Ausflug und lassen ihr Frottee als Platzhalter der Erholung zurück. Urlaub als Stellvertreterkrieg: Ich liege, also bin ich (später).

Groteske am Beckenrand

Ein Groteske am Beckenrand, täglich in Szene gesetzt, die eher an Wohnungssuche erinnert als an Urlaub. Neu ist nur: Der Liegestuhlkrieg hat jetzt Aktenzeichen. Während früher der schlimmste Schaden ein beleidigtes Schnauben war („Das war MEINE Liege!“), kommt jetzt das Amtsgericht Hannover um die Ecke. Wenn ein Fünf-Sterne-Hotel faktisch von Frottee regiert wird, ist das ein Reisemangel. Nicht „Pech gehabt“, sondern: „Bitte mindern.“

Es ist die juristische Anerkennung einer Alltagserfahrung: „Vorhanden“ ist nicht dasselbe wie „nutzbar“. Ein „großer Poolbereich“ im Prospekt nützt wenig, wenn er in der Praxis von Handtüchern verwaltet wird. Niemand verlangt eine Liege pro Kopf, aber ein angemessenes Verhältnis muss eben auch praktisch existieren – inklusive Regeln, die verhindern, dass die Plätze durch Reservieren ohne Nutzen privatisiert werden.

Einzelentscheidung muss zum anerkannten Standard werden

Es ist zu hoffen, dass aus der Einzelentscheidung bald schon ein anerkannter Standard wird. Dann wird der Pool zwar verwaltet, kontrolliert, kartiert. Bürokratie am Beckenrand. Aber egal: Der wahre Luxus sind nicht fünf Sterne – sondern ein freier Platz ohne Frottee-Tyrannei.