- Heinsberg geriet im März 2020 als Corona-Hotspot bundesweit in die Schlagzeilen: Dort hatten sich viele Menschen bei einer Karnevals-Sitzung mit dem Virus infiziert.
- In diesem Interview nimmt der Heinsberger Landrat Hendrik Pusch kritisch Stellung zur Corona-Notbremse des Bundes.
- Auf dem Land, so seine zentrale These, sei die Lebenswelt der Menschen deutlich anders als in Großstädten.
- Er fürchtet, dass die Akzeptanz für die Maßnahme verloren geht.
Herr Pusch, die Bundesregierung hat eine republikweite Corona-Notbremse installiert, in NRW herrscht in vielen Städten und Landkreisen bereits eine Ausgangssperrt. Ist das der richtige Weg im Kampf gegen die ansteigende Virus-Infektionswelle?Hendrik Pusch: Keine Frage, man muss Warnungen der Mediziner vor einer drohenden Überlastung der Intensivstationen ernst nehmen. Diese drohenden Engpässe hängen allerdings nicht nur mit den Corona-Patienten zusammen. Wir verfügen im Landkreis Heinsberg über 35 Plätze auf den Intensivstationen, nur zwei von ihnen werden durch Corona-Erkrankte belegt. Das ist sicher kein aussagekräftiges Bild für Bund und Land insgesamt, denn gerade in den großen Städten versorgen etwa die Uni-Kliniken auch Corona-Fälle aus dem Umland mit. Und hier entstehen auch die größten Probleme.
Verfolgen Bund und Länder eine falsche Strategie ?
Mir kommt es derzeit so vor, dass die große Politik unbedingt Handlungsfähigkeit beweisen will. Und zum Teil mit untauglichen Mittel dieser Herausforderung begegnet.
Heißt das, die Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes ist gar nicht nötig ?
Aus meiner Sicht ist es falsch, die Bekämpfung der Pandemie einzig an den Inzidenzzahlen auszurichten. Diese Werte sind doch längst nicht mehr aussagekräftig. Zum einen nimmt die Impfkampagne immer mehr an Fahrt auf, zum anderen haben wir vulnerable Einrichtungen wie Altenheime inzwischen mit Vakzinen versorgt. Durch verbesserte Methoden ist die tatsächliche Krankheitsbelastung in der Bevölkerung nicht mehr an die Inzidenzzahl gekoppelt. Zudem testen wir mittlerweile wie die Weltmeister. Dadurch steigen zwar die Inzidenzen, zugleich aber geht die Sterblichkeitsrate runter. Das heißt, dass sich mehr Leute angesteckt haben, die aber gar nicht ernsthaft erkranken. Deshalb halte ich es für absoluten Blödsinn, vom Inzidenzwert 100 an eine Ausgangssperre zu verhängen.
Wieso ?
Weil dieser Wert überhaupt nichts über die tatsächliche Krankheitsbelastung aussagt. Die Anzahl der Corona-Neuaufnahmen auf den Intensivstationen pro Woche wäre sicherlich ein besserer Gradmesser. Hier im Landkreis testen wir derzeit wie wild. Die Menschen nehmen das Angebot auch an, weil sie sonst kein Einzelhandelsgeschäft betreten dürfen. In den Schulen mussten durch die Teststrategie 160 Kinder rausgenommen werden, die aber ansonsten keine auffälligen Krankheitssymptome aufweisen. Damit hellen wir die Dunkelziffer auf und schaffen es, Infizierte schneller in Quarantäne zu bekommen.
Nicht zuletzt soll die nächtliche Ausgangssperre auch Massentreffen und illegale Partys verhindern helfen.
Das mag womöglich ein Argument in den großen Metropolen wie Köln sein. Wenn ich aber in unserem Landkreis den Bürgern und Bürgerinnen erzähle, ihr dürft ab 21 Uhr nicht mehr vor die Tür, setzt es allgemeines Kopfschütteln. Das sind ganz normale Leute, die sich an alle Hygieneschutzregeln halten. Ganz platt ausgedrückt heißt es dann: Jetzt spinnen die Römer. Das ist überhaupt nicht mehr verhältnismäßig.
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Wie müsste man besser gegensteuern ?
Indem die zuständigen Ministerien die Gesundheitsämter vor Ort von diesem unsäglichen Bürokratieballast befreien. Täglich müssen die Mitarbeiter in unserer Behörde 3000 Anrufe bearbeiten, die sich einzig um einen Impftermin drehen. Da die Terminvergabe hier sich zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Kreisbehörde aufteilt, landen die Nachfragen oft bei uns, obwohl zunächst einmal die KV zuständig wäre. Bei uns sorgt dies für unnötigen Arbeitsaufwand, den die Mitarbeiter viel besser darauf verwenden könnten, die Corona-Kontaktpersonen nachzuverfolgen. Deshalb wäre es ratsam, die Hausärzte noch zügiger und umfangreicher mit Impfstoffen zu versorgen. Die Mediziner regeln dann, wer, wann dran ist mit dem Piks. Dies würde die Gesundheitsämter enorm entlasten. Ein weiteres Beispiel: Die Impfpriorisierungskatalog quillt über vor lauter Ausnahmen. Jetzt haben wir auch noch neue Regeln für den Grenzverkehr zu den benachbarten Niederlanden bekommen: Demnach muss sich jeder Ein- oder Ausreisende testen lassen. Das Problem ist aber, dass es in den Niederlanden kaum Testzentren gibt. Zudem kostet dort ein Corona-Test 60 Euro. Zahlreiche Menschen pendeln täglich drei bis vier Mal hin und her, die laufen bei uns Sturm am Bürgertelefon. Die Tage ist unsere Hotline wegen Überlastung zusammengebrochen. Das müsste nicht sein, wenn Bund und Land nicht diese unsinnigen Regeln aufstellen würden.
Was bedeutet dies am Ende?
Aus meiner Sicht ist die Geduld der Bürger und Bürgerinnen endlich. Klar, wir können jetzt noch drei Mal die Corona-Schutzvorschriften verschärfen. Aber ich zweifle daran, dass die Menschen, die sich bisher an alle Coronaschutz-Auflagen halten, einen solchen Kurs weiterhin widerspruchslos mitgehen werden. Derzeit leben wir vor allem von der Mitarbeit der Bevölkerung. Eine allumfassende Überwachung der Leute ist doch illusorisch. Ich habe gerade einmal zwei Streifenwagen zur Verfügung, die nachts hier im Kreis Heinsberg unterwegs sind. Die Polizeibeamten werden sich bedanken, wenn sie nach 21 Uhr Passanten anhalten sollen, um zu fragen, was sie denn um diese Uhrzeit noch draußen machen.



