Eine Reformlösung mit den Machthabern ist für die Iraner undenkbar. Ein Gastkommentar von der in Köln lebenden, deutsch-iranischen Unternehmerin Emitis Pohl
US-Angriff auf IranDas Mullah-Regime muss weg – ohne Kompromisse

Teilnehmer einer Demonstration gegen das iranische Mullah-Regime in Düsseldorf feiern den Tod des obersten Führer des Irans, Ajatollah Chamenei.
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Explosionen erschüttern Teheran, doch die Bevölkerung in Irans Hauptstadt reagiert – nach allem, was ich erfahre – ruhig, fast gelassen. Die Bewohner suchen die Geschäfte auf, besorgen sich Vorräte, Wasser, Lebensmittel – nicht in Panik, sondern mit Bedacht. Die Menschen sind es gewohnt. Sie haben sich diesen Krieg gewünscht und darauf gewartet – ein Ereignis, das lange unterdrückten Hoffnungen und Sehnsüchten entsprach und nun Realität geworden ist. Dieses Thema bewegt alle Iranerinnen und Iraner – im Land wie in der Diaspora. Die Mehrheit hat sich darauf geeinigt, Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs, für eine Übergangszeit zu akzeptieren.
Bevor das Internet abgeschaltet wurde, rief er dazu auf: „Bleibt in euren Häusern! Wartet auf das Zeichen, wann der richtige Zeitpunkt kommt, auf die Straßen zu gehen!“ Die Verzweiflung der Menschen zeigt sich daran, dass viele bereit sind, einen Krieg in Kauf zu nehmen, den sie nicht wollen. Nach 47 Jahren Terrorherrschaft jubeln sie – nicht aus Freude über Gewalt, sondern aus Sehnsucht nach Erlösung und einem Neuanfang. Ich habe selbst Krieg erlebt. Ich weiß, dass Bomben keine Demokratie bringen. Ich weiß, dass Gewalt Wunden hinterlässt, die tief und unsichtbar bleiben.
Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn ein System jede friedliche Veränderung im Keim erstickt. Wie verzweifelt muss man sein, wenn man lieber Krieg wünscht, nur um Freiheit zu gewinnen? Wie soll ein Volk einen Regimewechsel herbeiführen, wenn jede Demonstration mit scharfer Munition beantwortet wird, Gefängnisse voller politischer Gefangener sind und Angst den Alltag bestimmt? Deutsche Freunde, Bekannte und wir Iranerinnen und Iraner untereinander fragen: „Wie geht es weiter?“ Die Revolutionsgarden haben nichts zu verlieren – sie greifen willkürlich andere Länder an und destabilisieren die Region.
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Die Stimmung in der iranischen Diaspora ist komplex: Erleichterung über ein mögliches Ende der repressiven Herrschaft, Angst vor den Folgen der Eskalation und die Sehnsucht nach einem Iran, in dem Menschen endlich frei leben können. Für viele ist dies kein geopolitischer Machtkampf. Es ist persönlich, biografisch, existenziell. Gleichzeitig wird die Frage nach einer politischen Zukunft konkreter. Für viele Exil-Iraner ist Reza Pahlavi derzeit die sichtbarste demokratische Alternative. Unterstützt wird er aus unterschiedlichen Motiven: Einige hoffen auf eine konstitutionelle Monarchie wie in Dänemark oder Schweden.
Andere sehen ihn als Übergangsfigur bis zu einem Referendum, in dem das Volk selbst über die zukünftige Staatsform entscheidet. Eine Reformlösung unter dem Mullah-Regime ist für Millionen undenkbar – das Regime muss überwunden werden, um im Nahen Osten dauerhaft Ruhe und Stabilität zu ermöglichen. Ob Pahlavi diese Rolle tatsächlich übernehmen wird, ist offen. Dass sein Name nun öffentlich diskutiert wird, zeigt aber: Die Debatte ist nicht mehr hypothetisch. Sie ist real. Sie ist dringend. Und sie betrifft Millionen von Menschen, deren Leben, Würde und Freiheit auf dem Spiel stehen.
Zur Person

Emitis Pohl
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Emitis Pohl ist eine deutsch-iranische Unternehmerin, Autorin und Initiatorin des Vereins seiSTARK in Köln. Im Alter von 13 Jahren kam Pohl allein aus dem Iran nach Deutschland.


