Isabel Schayani fühlt sich mit den Menschen im Iran und ihrer Hoffnung auf ein Ende der Diktatur in ihrem Land verbunden. Ein Gastbeitrag.
Tote bei ProtestenKölner Journalistin Schayani: „Donald Trump nutzt die Verzweiflung der Iraner“

Menschen im Iran protestieren unter Lebensgefahr. (Archivbild)
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Vor fünf Tagen sprach ich hier in Köln mit einem engen Freund. Seine Mutter und seine Schwester sitzen in der Nähe von Teheran in Haft. Warum? Weil sie zwei Mal etwas auf Insta gepostet haben sollen und weil sie Baha'i sind. Ich fragte: „Kriegen die beiden im Gefängnis mit, was gerade im Land los ist?“ Er schaute mich erstaunt an. „Natürlich! Die Gefängnisse quellen über, so viele Demonstranten haben sie reingepfercht. Sogar 13- oder 14-Jährige. Und vor den Gefängnissen laufen Eltern herum, die verzweifelt nach den verschwundenen Kindern suchen.“

Die Kölner Journalistin Isabel Schayani ist Reporterin beim WDR und Moderatorin des „Weltspiegel“ in der ARD.
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Ich wandte mich an seine Frau, um mich zu erkundigen, wie es ihren Eltern gehe. „Sie sind auf die Straße gegangen. Um die anderen zu schützen. Weil sie dachten: Je mehr wir sind, desto sicherer. Einen engen Freund haben sie erschossen. Was soll ich seiner Ehefrau jetzt sagen? Herzliches Beileid? Ich habe keine Worte mehr.“
Die verrohte Unterdrückung durch das System hat sich in viele Familien eingenistet.
Das zu schildern, ist kein gefühliges „Emo-Intro“, kein Amnesty-Style. Nein, es erscheint mir deshalb geboten, weil meine Freunde keine Ausnahme sind. Was sie durchmachen, steht für die Verfasstheit in Teilen der iranischen Gesellschaft, die aufbegehrt oder es zumindest versuchte.
Schayani: Tausende von Toten im Iran
Jetzt, einige Tage und Tausende von Toten später, haben viele ihre Freunde, Schwäger, Brüder, Schwestern bei den Protesten verloren. Ich höre es immer mehr. Die verrohte Unterdrückung durch das System hat sich in viele Familien eingenistet und kann sie von innen auffressen. Das ist ein wichtiger Grund, warum viele auf die Straßen strömten, als der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, sie dazu aufrief, aufforderte, ermutigte. Der US-Präsident sei beeindruckt, er werde Hilfe schicken. Auch riskierten sie es.
Wer will einer Freundin unter die Augen treten, deren Mann von Killern des Regimes erschossen wurde?
Womöglich wollte Pahlavi und der US-Präsident erst einmal sehen, wie groß der Rückhalt für Pahlavi war. Es mutete erst an wie ein Freiland-Experiment und wurde zu einem tödlichen Versuch, das Regime ins Wanken zu bringen. Sowohl Pahlavi als auch Trump nutzten vor allem die tiefe Verzweiflung junger Iranerinnen und Iraner, ihre unermesslich große Hoffnung auf das Ende dieser Diktatur. Wer will schon seine Mutter in Haft wissen? Wer wird einer Freundin unter die Augen treten, deren Mann von Killern des Regimes erschossen wurde?
Das gehört – neben der wirtschaftlichen Not – zu den Gründen, warum die Demonstrierenden auf der Straße riefen: „Tod dem Diktator!“ Sie dachten: Wir müssen es riskieren, dieses Mal klappt es. Und jeder, der im Iran protestiert, weiß, dass er oder sie das eigene Leben riskiert.
Klar ist, dass Trump auf Truth Social die Iraner anstachelte und dann den Druck wieder herausnahm.
Man wird nicht erfahren, was tatsächlich zwischen den USA und dem Iran ausgehandelt wurde und wird. Klar ist aber, dass Trump auf Truth Social die Iraner anstachelte und dann den Druck wieder herausnahm, weil der Iran angeblich keine Demonstranten hinrichte. Das erklärte der iranische Außenminister öffentlich auf „Fox News“. Dass der Leiter der iranischen Justizbehörde erst wenige Tage zuvor Schauprozesse angekündigt hatte, schienen sie da in Washington schlagartig vergessen zu haben.
Kölner Journalistin: Machthaber töten Protestierende einfach
Sollte es nicht weitergehen, wäre die Bilanz im Moment: Der Sohn des letzten Schahs und Trump haben die Menschen, die mutig auf die Straßen gingen, dabei ihr Leben riskierten und zu Tausenden verloren, in die Sackgasse geführt. Bislang. Man weiß nicht, ob und wie die USA noch eingreifen.
Das Regime schlägt mit nordkoreanischer Härte zu. Es lässt seine Kämpfer direkt auf Demonstrierende schießen und mit Messern auf sie einstechen. Im Iran ist es dunkel, es gibt kein Internet, da können sie weitermachen. Die Aussage des Außenministers, es gebe keine Hinrichtungen, ist nicht die Wahrheit: Das Regime muss niemanden hängen, es geht ja weniger sichtbar erregend. Die Machthaber töten ihre Bürger einfach, indem Scharfschützen genau auf den Kopf der Protestierenden zielen. Da können sie sich ihren Strick sparen.
Jene Iranerinnen und Iraner, die diese Dunkelheit ertragen müssen, aber dennoch weiterhoffen und nicht verstummen – sie leuchten mit ihrem Mut in die Welt. Wie die Handys, die sie bei den Protesten in die Luft hielten. Die Welt sollte sich nicht gleich wieder anderswohin wenden.
Zur Person
Isabel Schayani, geboren 1967 in Essen, ist Reporterin beim WDR und Moderatorin des „Weltspiegel“ in der ARD. Vor genau 10 Jahren rief sie das Online-Programm „WDRforyou“ mit ins Leben, das sich auf Arabisch, Farsi und Deutsch an Menschen richtet, die neu in Deutschland sind. Die vielfach ausgezeichnete Journalistin hat familiäre Wurzeln in Iran. (jf)

