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Interview

Militärbischof
„Ein Staat muss einem Aggressor die Grenzen verdeutlichen“

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Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg

Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg 

Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg über die Wertschätzung der Militärseelsorge, Kriegs-Szenarien und den neuen Wehrdienst.

Herr Felmberg, der Militärbischof auf „Visitation“ – ist das eine Art geistlicher Truppeninspektion?

Visitationen sind eine Errungenschaft der Reformationszeit. Die leitenden Geistlichen sollen sicherstellen, dass die Kirche mit ihrer Seelsorge gut aufgestellt ist.

Wie haben Sie die Militärseelsorge in Köln vorgefunden?

Wir haben hier in Köln zwei Pfarrerinnen mit einem sehr, sehr intensiven Kontakt zu den Soldatinnen und Soldaten. Die Gottesdienste werden gut wahrgenommen, der von Militärgeistlichen gegebene berufsethische „Lebenskundliche Unterricht“ bietet Inhalte, die für die Soldaten von Interesse sind. Und Seelsorge wird – soweit ich es erlebt habe – sehr nachgefragt. Alles in allem freue ich mich über die hohe Wertschätzung der Militärseelsorge innerhalb der Bundeswehr. Auch hier am Standort Köln.

Ein Staat muss einem Aggressor die Grenzen verdeutlichen.
Bernhard Felmberg, ev. Militärbischof

Wäre alles optimal, bräuchten Sie nicht zu visitieren. Was sind typische Schwachstellen?

Wir müssen uns immer hinterfragen: Sind unsere Angebote zeitgemäß, aktuell für die Soldatinnen und Soldaten am jeweiligen Ort? Sind wir verständlich in dem, was wir über Jesus Christus und den christlichen Glauben verkünden? Sprechen wir die Sprache, die junge Menschen verstehen? Singen wir die Lieder, die sie gern mitsingen? Da haben wir immer an uns zu arbeiten, weil wir häufig auf formatierte Sprache zurückgreifen.

Ist Kriegstüchtigkeit ein Wert, den die Militärseelsorge unterstützt?

Kriegstüchtigkeit ist ein Begriff, mit dem Verteidigungsminister Boris Pistorius die deutsche Bevölkerung aufrütteln wollte. Inhaltlich könnte er auch Verteidigungs- oder Friedenstüchtigkeit gesagt haben. Denn darum geht es: dafür gerüstet zu sein, dass niemand es wagt, unser Land und unsere Demokratie anzugreifen.

Ist das jesuanisch?

Jesus ermahnt uns, am Frieden festzuhalten. Und er sagt uns, wir sollen – wenn jemand uns schlägt – auch die andere Wange hinhalten. Das ist allerdings eine sehr individuelle Entscheidung. Ich als Bernhard Felmberg kann mich so verhalten. Aber ich kann es niemand anderem abverlangen. Und ein Staat muss einem Aggressor die Grenzen  verdeutlichen, indem er klar macht: Ein Angriff lohnt sich hier nicht.

Niemand käme auf den Gedanken, wir würden mit der Notfallseelsorge der Kirchen dem nächsten Unfall auf der A3 das Wort reden.
Bernhard Felmberg

Die Kirchen haben ein Arbeitspapier zu „Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ publiziert. Da schlägt eine immer wieder kritisierte „Militarisierung des Denkens“ insofern voll durch, als Krieg zum maßgeblichen Szenario wird. Ist es richtig, dass die Kirchen sich daran so beteiligen – bis hin zu einem „Notläuten“ der Kirchenglocken?

Ich finde es richtig, dass man Dinge durchdenkt und vorbereitet – in der Hoffnung, dass sie nie eintreten. Es gibt eine Notfallseelsorge der Kirchen – und niemand käme auf den Gedanken, wir würden damit dem nächsten Unfall auf der A3 das Wort reden.

Wie stark ist die Militärseelsorge Teil eines militärischen Kalküls?

Grundsätzlich gilt: Militärgeistliche sind nicht Teil der militärischen Hierarchie oder von Befehlsketten. Sie sind „outstanding insiders“ – an der Seite der Soldatinnen und Soldaten. Eine aktuelle Studie bescheinigt uns hier eine große Akzeptanz. Mehr als 90 Prozent der Bundeswehr-Angehörigen sagen, Militärseelsorge sei absolut wichtig. Die Kirchenaustritte von evangelischen Soldatinnen und Soldaten liegen mit 0,3 Prozent bei einem Zehntel im Vergleich zur Gesamtbevölkerung.

Übung ist der neue Einsatz.
Bernhard Felmberg, ev. Militärbischof

Worin liegt der Wert?

Was Militärgeistlichen anvertraut wird, steht unter einem unverbrüchlichem Seelsorgegeheimnis. So liegt die Besonderheit der Militärseelsorge im Zuhören, in der Ansprechbarkeit, in der menschlichen, geistlichen und seelsorgerlichen Begleitung.

In welchen Fragen?

Wenn es Spannungen in der Familie gibt, zum Beispiel durch weit entfernte Dienstorte, ob im In- oder Ausland; wenn die Enge in der mit mehreren Personen belegten Stube zur Belastung oder das Verhalten des Dienstvorgesetzen als ungerecht empfunden wird, dann sind Militärpfarrerinnen und Militärpfarrer wichtige Ansprechpartner. Militärgeistliche sind keine Psychologen. Aber sie können mit ihren Möglichkeiten auf die Veränderungen und den erhöhten Druck reagieren, der spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf den Soldaten lastet. Seitdem wissen sie: Bündnis- und Landesverteidigung kann zu einer Aufgabe „auf Leben und Tod“ werden. Oder anders gesagt: Übung ist der neue Einsatz.

Wir beobachten seit Längerem einen Zug zur Militärseelsorge.
Bernhard Felmberg, ev. Militärbischof

Die Bundeswehr soll dafür deutlich größer werden. Wächst die Militärseelsorge mit?

Das ist unser Wunsch. Wenn auch bei einer größerer werdenden Truppe die hohe Zufriedenheit mit der Militärseelsorge erhalten bleiben soll, müssen wir mitwachsen. Wenn die Bundeswehr also von 184.000 auf 260.000 Soldatinnen und Soldaten vergrößert werden soll, wären das 42 Pfarrstellen in der evangelischen Militärseelsorge mehr.

42 Pfarrerinnen und Pfarrer! Woher wollen Sie die nehmen?

Die Dienstposten bekämen wir ohne Weiteres besetzt. Wir beobachten seit Längerem einen Zug zur Militärseelsorge. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer erkennen darin eine wertvolle Arbeit, jenseits von der Last der Verwaltungs- und Bauaufgaben, die viele in der Gemeindeseelsorge zu tragen haben.

Und woher kommt das Geld?

Der Staat kommt für die Gehälter der Militärpfarrerinnen und -pfarrer sowie für die Verwaltungsausgaben auf. Die Hälfte der Kirchensteuern, die von Angehörigen der Bundeswehr bezahlt werden, gehen zudem direkt in die Militärseelsorge. Das sind zurzeit 15 Millionen Euro im Jahr. Damit können wir unter anderem die Betreuung von posttraumatisch belasteten Soldatinnen und Soldaten und ihrer Familien finanzieren, übrigens unabhängig davon, ob sie Mitglied der evangelischen Kirche sind. Nach allen Erfahrungen mit den einvernehmlichen vertraglichen Regelungen zwischen Kirche und Staat bin ich mir sicher, dass die Ausweitung der Militärseelsorge nicht am Geld scheitert.

Hätte Putin die Ukraine auch überfallen, wenn das Land noch im Besitz seiner Atomsprengköpfe gewesen wäre?
Bernhard Felmberg

Von veränderten Rahmenbedingungen infolge des Ukraine-Kriegs haben Sie schon gesprochen. Neu ist auch, dass auf den atomaren Schutzschirm der USA über Europa kein Verlass mehr ist. Halten Sie atomare Abschreckung – durch wen auch immer – für ethisch legitim?

Atomwaffen sind schrecklich und mit nichts zu rechtfertigen. Andererseits sind wir einer existenziellen Bedrohung durch die Atommacht Russland ausgesetzt. Das ist ein Dilemma, das die EKD in ihrer Friedensdenkschrift benennt. Sie können das übrigens auch sehr konkret durchspielen: Hätte Putin die Ukraine auch überfallen, wenn das Land noch im Besitz seiner Atomsprengköpfe gewesen wäre, die es in den 1990er Jahren freiwillig abgegeben hat – im Vertrauen auf die Sicherheitszusagen der USA, Großbritanniens und vor allem Russlands?

Es gab zuletzt wieder große Demonstrationen gegen den „neuen Wehrdienst“. Viele Jugendliche sagen, sie wollten nicht „für ihr Land sterben“. Regt Sie das auf?

Aufregen würde ich mich über Totalverweigerung von Verantwortung. Ich finde es gut, wenn junge Leute sich über ihre Rolle, ihre Verantwortung in unserem Land Gedanken machen. Die einen werden sagen, dass sie diese Gesellschaft auch mit der Waffe verteidigen möchten. Andere werden einen anderen Weg gehen und sich zum Beispiel im zivilen Bereich engagieren wollen. Beides ist legitim. Nur eine Haltung, die lautet, „ich habe mit gar nichts etwas tun“ – die fände ich fahrlässig.


Evangelische Militärseelsorge in Köln

Die evangelische Militärseelsorge hat in Köln zwei Pfarrämter: Das Militärpfarramt Köln I ist zuständig für die Standorte Hürth, Köln (ohne Wahn), Königswinter, Sankt Augustin und Siegburg. Größte Liegenschaft ist Bundesamt für Personalentwicklung der Bundeswehr mit 1700 Mitarbeitenden, die für den Aufwuchs der Bundeswehr und die Gewinnung von Soldatinnen und Soldaten für Litauen zuständig sind. Aber auch die Feldjäger (Militärpolizei) in Siegburg werden von diesem Militärpfarramt begleitet. Das Evangelische Militärpfarramt Köln II ist zuständig für den Standort Köln-Wahn, wo die Flugbereitschaft der Bundeswehr, die auch die Maschinen für die Reisen der Bundesregierung bereitstellt, beheimatet ist. Ebenso gehören das Europäische Astronautenzentrum (EAC) – das zentrale Ausbildungszentrum der ESA für europäische Astronauten und das Bodenpersonal – sowie das Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin dazu, in dem alle Piloten der Luftwaffe auf ihre Flugtauglichkeit untersucht werden. (ksta)