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Netzausbau im Revier kommt nicht voranStrukturwandel ohne Strom – ein Schildbürgerstreich?

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Das Logo des Technologieriesen Microsoft. Der US-Technologiekonzern möchte im Rheinischen Revier ein viertes KI-Rechenzentrum bauen.

Das Logo des Technologieriesen Microsoft. Der US-Technologiekonzern möchte im Rheinischen Revier ein viertes KI-Rechenzentrum bauen.  

Das Rheinische Revier soll nach dem Ende der Braunkohle zum Standort für Industrie, Rechenzentren und neue Technologien werden. Doch die Stromnetze wachsen offenbar nicht schnell genug mit.

Martin Mertens ist seit 2014 Bürgermeister von Rommerskirchen. Er kämpft darum, Unternehmen davon zu überzeugen, sich in einem neuen Gewerbegebiet im Schatten des Braunkohlekraftwerks Neurath anzusiedeln. Neulich, so berichtet der SPD-Politiker, habe ein Spediteur, der seine Produkte mit elektrischen Lkw transportiert, großes Interesse an einem Grundstück signalisiert. Doch der Plan platzte: „Der Unternehmer wollte zehn Ladesäulen mit je 720 Kilowatt aufstellen, um die Fahrzeuge zu laden“, sagt Mertens. „Da mussten wir passen. Der Netzbetreiber erklärte, keine Kapazitäten bereitstellen zu können. Da sagt uns jetzt jeder Investor: Tut mir leid, was soll ich denn mit einem Industriegebiet ohne Strom?“

Rommerskirchen liegt im Rhein-Kreis Neuss. Wie viele Kommunen im Rheinischen Revier setzt die Gemeinde darauf, von den Milliarden-Investitionen in die Transformation der Region profitieren zu können. Die Landesregierung vermarktet den Umbau mit dem Slogan „Von der Kohle zur KI“. Nun stellt sich allerdings heraus, dass der Netzausbau mit den geplanten Unternehmensansiedlungen nicht Schritt hält. „Die Infrastruktur müsste verzehnfacht werden. Es fehlt an Stromleitungen, an Transformatoren – an allem, was man braucht, um große Strommengen zu transportieren“, sagt Mertens.

Die Stromknappheit hat bereits jetzt Auswirkungen auf die Infrastruktur in der Gemeinde. „Zwei Schnelllader für Elektroautos am Bahnhof können wir nicht realisieren“, sagt der Bürgermeister. Im Neubaugebiet Giller Höfe stehen zehn geplante Ladepunkte auf der Kippe. Neue Windräder sind vorerst nicht geplant. „Uns fehlen einfach freie Anschlussmöglichkeiten.“

Eine paradoxe Situation. Die zunehmende Elektrifizierung überfordert die Netzanbieter. Der schleppende Netzausbau verlangsamt das Tempo der Energiewende und bremst die geplante Transformation aus. Das Ziel der schwarz-grünen Landesregierung, 2030 aus der Braunkohle auszusteigen, rückt in weite Ferne.

Dazu trägt offenbar auch die Trägheit der Verwaltung bei. „Genehmigungen für Schwertransporte warten offenbar zum Teil bis zu acht Wochen auf Bearbeitung, weil Mitarbeiter in den Behörden erkrankt sind“, klagt der Bürgermeister. Es komme vor, dass Transporte an den Grenzen der Bezirksregierungen tagelang warten müssten, weil die Transportgenehmigungen nicht aufeinander abgestimmt seien. „Da kommt man sich bisweilen vor, als ob man in Absurdistan leben würde. Was als neue industrielle Zukunft des Reviers versprochen werde, braucht nicht nur Grundstücke, Fördergeld und Unternehmen – sondern vor allem verfügbare Energie.“

Die schon jetzt vorhandenen Netzprobleme könnten sich in den nächsten Jahren weiter zuspitzen, befürchten Kommunalpolitiker. Aktuell sind in Bergheim, Bedburg und Elsdorf drei Microsoft-Hyperscaler geplant beziehungsweise im Bau. Auch in Grevenbroich soll es einen Standort geben. Für das Microsoft-Projektgebiet kann nach Angaben des Landtags eine zusätzliche Anschlusskapazität von bis zu 520 Megawatt geschaffen werden. Dafür müssen unter anderem neue 110-Kilovolt-Stationen und Leitungen gebaut werden.

Stark gestiegene Nachfrage

Netzbetreiber wie Westnetz berichten von einer stark gestiegenen Nachfrage. Bei Batteriespeichern habe sich der Bedarf an Anschlusskapazitäten innerhalb von vier Jahren nahezu verzehnfacht. Insgesamt sei die Nachfrage nach Netzkapazität durch Batteriespeicher und Rechenzentren außerordentlich hoch.

Mertens hat bereits einen Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz und Ministerpräsident Hendrik Wüst geschrieben. Darin warnt er vor einem zeitlichen Auseinanderfallen von Kohleausstieg, Netzausbau und neuen Erzeugungskapazitäten. Auch bei der sogenannten „Windader West“ sieht er eine Lücke. Über die Leitung soll künftig Strom aus Offshore-Windparks von der Nordsee ins Rheinland transportiert werden. Nach derzeitigen Planungen reichen die Inbetriebnahmen der Infrastruktur allerdings bis 2036. Für Mertens stellt sich deshalb die Frage, wie die Jahre zwischen dem Ende der Braunkohleverstromung und der Fertigstellung der neuen Netzinfrastruktur überbrückt werden sollen.

Die Debatte über den Kohleausstieg ist inzwischen ohnehin wieder offen. Die Bundesregierung überprüft die Voraussetzungen für den vorgezogenen Ausstieg. Zuletzt wurde öffentlich auch über eine Verlängerung über 2030 hinaus diskutiert. Die Bundesnetzagentur weist zugleich darauf hin, dass der bundesweite Kohleausstieg weiterhin spätestens 2038 abgeschlossen sein soll. Für Mertens geht es dabei nicht allein um Kraftwerksblöcke. Er verweist auf Investitionen, Arbeitsplätze und kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser und Feuerwehren. Versorgungssicherheit sei keine abstrakte energiepolitische Größe, sondern eine Voraussetzung dafür, dass der Strukturwandel überhaupt funktionieren könne.

Jochen Ott ist der SPD-Fraktionsvorsitzende im Düsseldorfer Landtag und Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl. Er sieht die Verantwortung für den Strommangel bei der Landesregierung. „Die Planungen der Landesregierung für den Strukturwandel im Rheinischen Revier waren von Anfang an auf Sand gebaut“, sagte Ott dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Es fehle „ein tragfähiges Konzept, ein verlässliches Management, eine klare Perspektive“.

Dabei habe die Politik im Bund Milliarden mobilisiert, damit aus dem Ende der Braunkohle ein wirtschaftlicher Neuanfang werden könne. „Dass Nordrhein-Westfalen diese historische Chance derart verspielt, ist ein politisches Versagen von erheblicher Tragweite“, sagte Ott. Der Politiker aus Köln ist der Auffassung, bereits in der Amtszeit des früheren Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) sei der notwendige Strukturwandel „über Jahre verschleppt und Probleme kleingeredet worden“. Man habe vermeintliche Erfolge angekündigt, bevor sie überhaupt absehbar gewesen seien. „Das grenzt inzwischen an einen Schildbürgerstreich – und bezahlen müssen die Folgen vor allem die Menschen und Unternehmen im Rheinischen Revier“, sagt Ott.

Mertens macht aus dem Problem längst keinen lokalen Streit mehr. Er warnt vor einer Lücke zwischen dem politischen Zeitplan für den Kohleausstieg und dem tatsächlichen Ausbau der Stromnetze. „Die Physik kann nicht per politischem Beschluss ausgehebelt werden“, lautet seine zentrale Botschaft. Kohlekraftwerke dürften aus seiner Sicht erst dann abgeschaltet werden, wenn die Versorgungssicherheit vollständig gewährleistet sei.

Vorwürfe zurückgewiesen

Ein Sprecher von NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) wies die Vorwürfe zurück. Das Rheinische Revier verfüge „grundsätzlich über eine gut ausgebaute Strominfrastruktur“, die „ein hohes Maß an Versorgungssicherheit und Stabilität“ gewährleiste, hieß es. „Wichtig ist, dass Netzkapazitäten denen vorbehalten sind, die sie wirklich brauchen“, sagte der Sprecher. Für die Landesregierung stehe die Versorgungssicherheit der Wirtschaft und aller Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt. „Kein Kraftwerk wird abgeschaltet, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Leistung andernorts verfügbar ist“, fügte er hinzu.

Nächste Woche kommt die Revierkonferenz in Bergheim zusammen, bei der es um den aktuellen Stand der Transformation gehen wird. Mit dabei sind Vertreterinnen und Vertreter der Zukunftsagentur Rheinisches Revier, Akteure aus Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik des Rheinischen Reviers. Auch Ministerpräsident  Wüst wird erwartet. Der schleppende Netzausbau dürfte ein zentrales Thema der Konferenz werden.