Wetterfigur auf der Leiter, Kermit aus der Sesamstraße oder Märchenprinz: Laubfrösche sind allgegenwärtig, in NRW aber ausgestorben – und werden gezüchtet.
Artenschutz in NRWEin Kühlschrank für den Froschkönig

Frisch gewandelte Jungfrösche sitzen in einem Terrarium im Bildungshaus Modexen in Brakel. Die Bestände der Amphibienart sind in NRW nahezu. verschwunden, deshalb wurde jetzt ein Zuchtprogramm initiiert.
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Auf einer kleinen Elektroplatte kocht Dennis Wiegard Kopfsalat. Nicht für sich, sondern für die Kaulquappen, die in flachen Wannen nebenan ihre ersten Wochen verbringen. Das Grünzeug wird zum Futter, die Wanne zur Kinderstube. Wer Beine bekommt, rückt in die nächste Klasse auf. Gegenüber kleben winzige Frösche mit ihren Saugnapf-Füßen an den Scheiben der Terrarien, manche an der Decke, als hätten sie die Schwerkraft noch nicht zur Kenntnis genommen. Im Frühjahr ist auf dem Gelände des Bildungshauses Modexen bei Brakel eine kleine Welt entstanden, in der alles auf den nächsten Entwicklungsschritt wartet.
„Wir haben in diesem Jahr mit der Zucht angefangen“, sagt Wiegard. Der Biologe arbeitet für die Landschaftsstation im Kreis Höxter. Hinter ihm stehen Wannen für den Laich, Terrarien für die Jungtiere und Volieren für die erwachsenen Frösche. Es ist keine große Anlage, eher ein sorgfältig eingerichteter Arbeitsort. Doch an ihr hängt eine große Hoffnung. Der Laubfrosch, kaum größer als ein Daumen, soll in einer Landschaft wieder heimisch werden, aus der er vielerorts verschwunden ist.
Eine Arche mit offenem Ausgang
Seit Jahrzehnten befindet sich auch die Natur in NRW im Ausnahmezustand. Im nordrhein-westfälischen Umweltindikator werden 3.672 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten bewertet. Etwa 300 davon, beispielsweise das Birkhuhn oder die Sumpfohreule, gelten als „ausgestorben oder verschollen“. Auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Arten stehen etwa 44 Prozent des Bestandes – rund 1600 Arten.
Zuchtstationen werden zu einer der letzten Möglichkeiten, die Geschwindigkeit des Exodus etwas zu bremsen. In NRW werden beispielsweise Feldhamster, Knoblauchkröte, Laubfrosch und Maifisch aufgepäppelt. Insgesamt gibt es rund 65 große Artenhilfsprogramme. In Burbach (Kreis Siegen-Wittgenstein) beispielsweise hat sich der Bestand eines seltenen Schmetterlings, dem Goldenen Scheckenfalter, nach gezielter Wiederansiedlung und intensiver Wiesenpflege durch die örtliche Biologische Station deutlich erholt. Am Unteren Niederrhein und im Amtsvenn (Kreise Borken und Kleve) ist die Uferschnepfe wieder deutlich häufiger vertreten. Da von einem einzelnen Projekt meist ein ganzes Ökosystem profitiert, können die Programme direkt und indirekt das Überleben mehrerer hundert Tier- und Pflanzenarten sichern.

Die Biologen Dennis Wiegard (links) und Peter Maciej, aufgenommen auf dem Gelände des Bildungshaus Modexen in Brakel, wo der Europäische Laubfrosch (lat. Hyla arborea) gezüchtet wird.
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Die von Wiegard geleitete Amphibien-Station im Kreis Höxter ist vor drei Jahren entstanden. Zunächst wurden dort Kreuzkröte, Geburtshelferkröte und Gelbbauchunke betreut. Jetzt ist der Laubfrosch hinzugekommen, ein kleiner Sympathieträger, den fast jeder zu kennen glaubt, obwohl ihn die wenigsten je gesehen haben. Er steckt im Wetterfrosch, der auf einer Leiter sitzt, in Kermit aus der Sesamstraße und in jenem Märchenfrosch, der auf den Kuss einer Prinzessin wartet. In der Wirklichkeit aber wartet er nicht auf Erlösung, sondern auf einen sonnigen Tümpel, eine Hecke und eine Landschaft, die ihm noch ein wenig Platz lässt, sagt Wiegard. In Nordrhein-Westfalen ist der Laubfrosch kein Tier, das einfach nur selten zu sehen ist. Er gilt als stark gefährdet und als abhängig von Naturschutzmaßnahmen. Der Schwerpunkt seines Vorkommens liegt im Münsterland, einzelne Bestände gibt es im Osten des Landes und im Weserbergland.
„Seit 2017 konnten keine Laubfrösche mehr nachgewiesen werden“
Im Rheinland, so Wilhelm Deitermann vom Landesumweltamt, sei die Art nahezu verschwunden. „Mitte der 1980er Jahre waren im Rheinland nach einem bereits starken Rückgang noch 61 Vorkommen bekannt, Anfang der 1990er Jahre bestanden in der Niederrheinischen Bucht nur noch zwei weitgehend isolierte Vorkommen“, so Deitermann. . Eines davon lag im Kreis Düren. Dort jedoch sei der Bestand „trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen weiter zurückgegangen“, so Deitermann: „Seit 2017 konnten keine Laubfrösche mehr nachgewiesen werden.“

Ein frisch gewandelter Jungfrosch klettert in einem Terrarium im Bildungshaus Modexen in Brakel wie Spiderman kopfüber an einer Lampenabdeckung.
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Der Rückgang des früheren Massentiers steht für einen Verlust, der sich nicht in einem einzelnen Ereignis erzählen lässt. Er vollzieht sich langsam, über trockengelegte Senken, durch mit Laub, abgestorbenen Pflanzen und Schlamm zugesetzte Teiche, dichter werdende Gehölze und eine Landwirtschaft, die dort, wo sie intensiv betrieben wird, kaum Raum für Amphibien lässt.
Ein König braucht sein Reich
Der Laubfrosch ist ein Bewohner des Übergangs. Er braucht das Wasser, aber nicht nur das Wasser. Zum Laichen sucht er sonnige, flache und fischfreie Tümpel. Danach klettert er in Brombeerhecken, Hochstauden, Weidengebüsche und Baumkronen, um dort Insekten zu fangen. Die erwachsenen Tiere verbringen den Sommer also oft nicht am Ufer, sondern über den Köpfen der Menschen. Im Winter suchen sie an Land Schutz, in Erdlöchern, Wurzelhöhlen oder anderen frostgeschützten Verstecken.
Das erklärt, warum ein Teich allein noch keinen Laubfrosch rettet. Er braucht ein Geflecht aus Gewässern und Land, aus offenen Flächen und Gehölzen, aus Feuchtigkeit und Wärme. Wird ein Teich von Erlen überwachsen, fällt weniger Sonne auf das Wasser. Es kühlt ab und die Entwicklung der Larven stockt, erklärt Wiegard. Im vergangenen Herbst habe seine Landschaftsstation deshalb in einem nahe gelegenen Gebiet eine Reihe von Erlen gefällt, Flächen aufgelichtet und Teiche ausgebaggert. In den kommenden drei Jahren sollen nach Angaben des Kreises mehr als 200 vorhandene „Stillgewässer verbessert werden“.
Die Arbeit beginnt im Wasser
„Für das Rheinland befindet sich derzeit ein neues Wiederansiedlungsprojekt in Vorbereitung“, heißt es aus dem Landesumweltamt: „Vorgesehen ist, Laich aus vitalen und genetisch geeigneten Beständen im Münsterland zu entnehmen und die Larven bis zur Metamorphose aufzuziehen.“ Gleichzeitig sollen am Rand der Niederrheinischen Bucht geeignete Laichgewässer wiederhergestellt oder neu angelegt werden. Ziel sei „ein Netzwerk von Lebensräumen, das den Aufbau einer stabilen Population und langfristig auch eine Ausbreitung in das Umland ermöglicht“.

Ein frisch gewandelter Jungfrosch des Europäischen Laubfroschs sitzt in einem Terrarium im Bildungshaus Modexen in Brakel.
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Im Zuchtraum in Brakel lässt sich beobachten, wie viel Geduld in einem Vorgang steckt, der draußen in einer warmen Mainacht scheinbar von selbst geschieht. Wiegard hält seine 15 Männchen und 15 Weibchen zunächst getrennt. Die Männchen müssen erst anfangen zu rufen. Erst dann werden jeweils drei Männchen und Weibchen in ein Aquarium gesetzt. Die Tiere haben dort Wasser, Pflanzen, etwa 20 Grad Wärme und Möglichkeiten, an Land zu klettern. Der Rest soll von allein geschehen.
Froschgeschrei in LKW-Lautstärke
In den Aquarien der Zuchtstation kann vor allem die Wasserqualität genauer kontrolliert werden. Das ist entscheidend, denn Laubfroschlaich verpilzt schnell, wenn das Wasser nicht sauber genug ist, sagt Wiegard. Blätter, Ausscheidungen und ein ungünstiger pH-Wert können aus einer Kinderstube schnell ein lebensfeindliches Umfeld machen. Im ersten Zuchtjahr rechnen die Biologen mit etwa 330 jungen Laubfröschen. Die sollen im Sommer des nächsten Jahres dann in der freien Natur ausgesetzt werden,
Und wenn die Tiere dann im Mai wieder paarungsbereit sind, kann das Geschrei der Männchen locker 87 Dezibel erreichen. Das ist in etwa so laut wie ein dröhnender Lastwagen. Unter der Kehle der Männchen liegt eine Schallblase, die sich beim Quaken sichtbar aufbläht. Das Geräusch entsteht, wenn die Luft zwischen Lunge und Luftsack hin und her bewegt wird. „Wenn die ihre Schallblase in Benutzung haben, ist das fast das gleiche Volumen wie der Rest vom Körper“, sagt Wiegard.
Erst einmal aber, bevor wieder gerufen wird, müssen die Tiere im Herbst ins Winterquartier, das sie sich in der Natur selbst suchen. In der Zuchtstation gibt es dafür Äste, die tief in ein Sandbett reichen. Zwischen ihnen entstehen Hohlräume, in denen sich die Tiere zurückziehen können. Tannenzweige sollen zusätzlichen Frostschutz geben, vier bis sechs Grad brauchen die Tiere für ihre Winterstarre. Wer in der Voliere aber keinen geeigneten Unterschlupf findet, wird eingesammelt. Die Obdachlosen kommen in Boxen mit feuchtem Kies und Moos. „Und dann geht der Froschkönig für etwa fünf Monate in den Kühlschrank“, sagt Wiegard. (mit dpa)
