Mitarbeitende klagen über Angst, Druck und Vertuschung von Ausbruchsversuchen.
Brandbrief aus der JVA WillichBedienstete erheben schwere Vorwürfe

Die vergitterten Fenster der Zellen in der Justizvollzugsanstalt in Willich.
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Ein „Brandbrief“, übermittelt an Medien und Interessenverbände, setzt die Justizvollzugsanstalt (JVA) Willich unter erheblichen Druck. Bedienstete zeichnen darin ein Bild von „verheerenden Zuständen“: Es herrsche „ein System aus Angst, offener Erpressung, der systematischen Überwachung unseres Privatlebens und der Vertuschung von schweren Straftaten und Sicherheitsmängeln“. Der „Brandbrief“ sei aus „Angst um unsere Existenz“ anonym verschickt worden. Man sei „moralisch, psychisch und körperlich am Ende“ und stehe vor dem „kollektiven Kollaps“. Das NRW-Justizministerium verschließe „die Augen“, behaupten die Absender.
Im Zentrum steht die Belastung des Personals. Kritisiert werden eine massive Zahl an Überstunden und ein aus Sicht der Bediensteten gebrochener Arbeitsschutz. Bei Krankheit würden Beschäftigte „massiv bedroht“ und unter Druck gesetzt, zur Arbeit zu kommen: „Der Krankenstand schießt in die Höhe.“ Bedienstete, die einen Versetzungsantrag gestellt haben, würden „psychisch terrorisiert“, teils werde das Privatleben „durchleuchtet“. Das Schreiben enthält darüber hinaus schwere Vorwürfe: vermutete Korruption im Umfeld von Baufirmen, die am Anstaltsbau beteiligt gewesen seien, sowie die Behauptung, sexueller Missbrauch von Inhaftierten durch weibliche Bedienstete sei intern „geregelt“ und nicht angezeigt worden. Auch Ausbruchsversuche seien „vertuscht“ worden.
Hohe Überstundenzahl der Haftmitarbeiter
Das Justizministerium NRW erklärt, ein großer Teil der Vorwürfe sei „bislang nicht bekannt“ gewesen. Es handele sich um „anstaltsinterne Vorgänge“, von denen das Ministerium „bislang keine Kenntnisse hatte“. Zugleich betont eine Sprecherin der Behörde, man nehme das Vorbringen „sehr ernst“ und gehe „jeglichen Hinweisen mit Nachdruck nach“.
Zu Ende April habe die durchschnittliche Mehrarbeit in der JVA Willich I „mit 149,29 Stunden pro Bedienstetem deutlich über dem Landesdurchschnitt von 92,09“ gelegen. Als Hintergrund für die Mehrbelastung nennt die Ministeriumssprecherin Baumaßnahmen und die Inbetriebnahme eines neuen Hafthauses, wodurch Arbeitsabläufe neu abgestimmt und erprobt werden müssten.
Ministerium: „Die Vorwürfe werden mit Nachdruck geprüft“
Die jetzt öffentlich gewordenen Vorwürfe jedoch seien in den letzten Monaten weder in Gesprächen mit der Anstaltsleitung noch in einer vertraulichen Rücksprache mit der Personalvertretung thematisiert worden. Auch Innenrevisionen und Geschäftsprüfungen hätten in der Vergangenheit „keine Anhaltspunkte“ für die beschriebenen angeblichen Missstände ergeben. Bauaufträge würden zudem vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) vergeben.
Beim Thema „Fast-Ausbrüche“ nennt das Ministerium ein gemeldetes Vorkommnis vom 23. Februar 2026. Ein Gefangener sei auf einen Zaun innerhalb des umwehrten Bereichs geklettert. Der Mann habe sich nach der Entdeckung zunächst geweigert, wieder runterzukommen, so die Sprecherin. „Aber eine Flucht war zu keinem Zeitpunkt eine realistische Option.“
Der Brandbrief aus Willich fällt in eine Phase erhöhter Sensibilität im NRW-Justizvollzug. Spätestens seit den Vorkommnissen in der JVA Euskirchen steht die Frage im Raum, wie konsequent Hinweise auf Sicherheitsmängel, Organisationsprobleme und mögliche Pflichtverletzungen aufgearbeitet werden – und ob Warnsignale früh genug ankommen.
Ermittlungen wegen Korruptionen in der JVA Euskirchen
In Euskirchen stehen seit Wochen schwere Vorwürfe zu Sicherheitsmängeln und Korruption im Raum, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ exklusiv berichtete. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sieben männliche Justizvollzugsbeamte und eine Beamtin im Alter von 37 bis 58 Jahren sowie gegen drei ehemalige Häftlinge im Alter von 30, 35 und 49 Jahren. Zumindest einer der Ex-Häftlinge ist nach Informationen unserer Zeitung Mitglied des berüchtigten Goman-Clans aus Leverkusen. Die Vorwürfe lauten Bestechung, Bestechlichkeit und Urkundenfälschung.
Häftlinge sollen gegen Bezahlung Freigang erhalten haben oder vor Zellendurchsuchungen gewarnt worden sein. Um Insassen in den offenen Vollzug zu bringen, sollen Bedienstete sogar falsche Wohnsitze und Arbeitsstellen organisiert haben. Kontrollen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse seien dann, wenn man den Schilderungen folgt, einfach ausgefallen. Und es soll Fälle gegeben haben, in denen Personen außerhalb des Gefängnisses auffielen, obwohl sie im Verzeichnis der JVA als anwesend gemeldet waren. So soll der Clan-Häftling aus Leverkusen wegen einer Geschwindigkeitsübertretung mit seinem Rolls-Royce geblitzt worden sein, als er offiziell in seiner Gefängniszelle saß.
Vor diesem Hintergrund bekommt auch der Vorwurf der Bediensteten in Willich, es werde „vertuscht“, politisch und organisatorisch besonderes Gewicht. Ob es sich bei den anonymen Vorwürfen um eine Eskalation eines internen Konflikts handelt oder um Hinweise auf tatsächliche Missstände, wird geprüft – und dürfte, auch wegen der Erfahrungen aus Euskirchen, über Willich hinaus aufmerksam verfolgt werden.
