Justizminister Benjamin Limbach berichtete im Rechtsausschuss: Auch Büros der JVA-Euskirchen konnten unbefugt betreten werden.
JVA-Skandal EuskirchenClan-Chef soll Rolls-Royce gefahren sein, als er angeblich in seiner Zelle saß

Benjamin Limbach, Justizminister (Grüne), hat im Rechtsausschuss des NRW-Landtags über die Ermittlungen zum JVA-Skandal in Euskirchen berichtet.
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Beim Skandal in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen sollen Türschloss-Transponder so manipuliert worden sein, dass auch Büroräume unbefugt betreten werden konnten. Dies berichtete ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Justizministeriums im Rechtsausschuss des Landtages. Auch dieser Vorgang sei jetzt Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen.
„Die Überprüfung der elektronischen Schließsysteme sowie der Verwaltung und Verwahrung von Generalschlüsseln in allen anderen Justizvollzugsanstalten Nordrhein-Westfalens“ indes habe „keine sicherheitsrelevanten Auffälligkeiten oder Defizite ergeben“, ergänzte Justizminister Benjamin Limbach (Grüne). Lediglich im Juli 2025 sei in einem anderen Gefängnis ein Generalschlüssel für Büroräumlichkeiten abhandengekommen. Die vorgesehenen Sicherheits- und Organisationsmaßnahmen seien damals aber unmittelbar eingeleitet worden, eine Verbindung zu Euskirchen sei bisher aber nicht feststellbar. Dort würden, in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Bonn, zwei Spezialisten aus dem Ministerium Abläufe und Verhältnisse in Euskirchen „strukturiert und eingehend“ überprüfen, um mögliche Manipulationswege zu identifizieren.
Freigang gegen Bezahlung
In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen laufen seit Monaten Ermittlungen wegen eines mutmaßlichen Korruptions- und Sicherheitskomplexes. Im Kern steht der Verdacht, dass Bedienstete der Anstalt Häftlingen gegen Geld Vorteile verschafft haben könnten – und parallel dazu die Sicherheitstechnik der JVA manipuliert worden sein könnte. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte zuerst über den Skandal berichtet.
Der Ausgangspunkt der Ermittlungen reicht bis in den Dezember 2022 zurück. In einem Verfahren wegen Drogendelikten sei damals ein Mobiltelefon sichergestellt worden, das den Behörden erste Einblicke in verdächtige Kommunikation ermöglicht habe, heißt es. In der Folge hätten sich über Monate und Jahre Hinweise verdichtet, die schließlich in ein umfangreiches Verfahren mündeten. Die Vorwürfe lauten unter anderem Bestechung, Bestechlichkeit und Urkundenfälschung.
Ermittlungen gegen JVA-Mitarbeiter
Öffentlich sichtbar wurde die Affäre Anfang Mai 2026. Am 6. Mai rückten nach Medienberichten mehr als 200 Einsatzkräfte an, durchsuchten Teile der JVA Euskirchen, dazu Privatwohnungen in mehreren Kreisen sowie ein Büro am Amtsgericht Euskirchen. Dabei wurden unter anderem Handys, Datenträger und Akten sichergestellt. Haftbefehle gab es zu diesem Zeitpunkt zunächst nicht, die Beschuldigten wurden vernommen.
Das Verfahren richtete sich gegen sieben männliche Justizvollzugsbeamte und eine Beamtin im Alter von 37 bis 58 Jahren, darunter ein damaliger Abteilungsleiter. Zusätzlich wurde zunächst gegen drei ehemalige Häftlinge im Alter von 30, 35 und 49 Jahren ermittelt. Mittlerweile aber werden die Akten von weiteren 13 Ex-Insassen auf der Suche nach Auffälligkeiten durchsucht, berichten Insider. Einer der Verdächtigen gehört nach Informationen unserer Zeitung zu einem berüchtigten Clan, der in Leverkusen wohnt und schon vielfach straffällig geworden ist. Der Mann soll ein Knöllchen am Steuer seines Rolls-Royce bekommen haben, als er laut JVA-Unterlagen eigentlich im Gefängnis hätte sein müssen.
Wie das System funktioniert haben soll
Nach den bisher bekannt gewordenen Schilderungen konnten Häftlinge regelmäßige Warnungen vor Zellendurchsuchungen gekauft haben – gewissermaßen als „Abo“, monatlich im dreistelligen Bereich. Außerdem sollen Bedienstete falsche Wohnsitze und Arbeitsstellen organisiert haben, um Insassen in den offenen Vollzug zu bringen. Kontrollen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse seien dann ausgeblieben. In einzelnen Fällen soll es Auffälligkeiten gegeben haben, weil Personen außerhalb des Gefängnisses gesehen wurden, obwohl sie in der JVA offiziell als anwesend geführt waren.
In der JVA sollen Unregelmäßigkeiten an der Schließanlage aufgefallen sein – eine Tür soll offen gestanden haben, obwohl sie nicht hätte offen sein dürfen. In diesem Zusammenhang wurde öffentlich, dass zwei elektronische „Generalschlüssel“ in Form von Transpondern betroffen sein könnten: In einem Notfallkoffer, unter anderem für die Feuerwehr, sollen bei zwei Transpondern die Original-Bauteile ausgebaut und durch alte Teile ersetzt worden sein. Mit den entwendeten Transpondern wäre nach der Darstellung ein Zugang in viele Bereiche der Anstalt möglich.
Damit steht Euskirchen im Verdacht eines Doppelproblems: möglicher Korruption im Vollzug und zugleich einer potenziellen Manipulation von Sicherheitsmechanismen. Während die strafrechtlichen Ermittlungen weiterlaufen, prüfen Behörden parallel organisatorische Abläufe und Sicherheitsstrukturen.
