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Kölner SpurensucheDer Nazi Robert Ley, die Nürnberger Prozesse und das lange Schweigen

10 min
Siebter NSDAP-Parteitag in Nürnberg im Jahr 1935: Adolf Hitler und direkt links daneben der Kölner Nazi Robert Ley, Leiter der Deutschen Arbeitsfront.

Siebter NSDAP-Parteitag in Nürnberg im Jahr 1935: Adolf Hitler und direkt links daneben der Kölner Nazi Robert Ley, Leiter der Deutschen Arbeitsfront.

Axel Spilcker, Enkel des fanatischen Nationalsozialisten Robert Ley, hat seine Familiengeschichte in einem Buch aufgearbeitet: „Hitlers Gefolgsmann – mein Großvater, der Kriegsverbrecher“

Da sitzt er nun. Zelle elf, Gefängnistrakt neben dem Nürnberger Justizpalast. Oktober 1945, die Tage riechen nach feuchtem Stein, nach Desinfektionsmittel, nach dem nüchternen Metall einer Ordnung, die nicht seine ist. Robert Ley, einst Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Chef der Deutschen Arbeitsfront, gehört zu den 24 Männern, die die Alliierten als Hauptkriegsverbrecher vor Gericht stellen wollen. Der Prozess soll in wenigen Wochen beginnen, unter den Augen der Weltöffentlichkeit. In der Zelle gibt es Papier, Bleistift, Tabak, zwanzig Minuten Hofgang. Ein Minimum an Fürsorge, das den Sturz nicht mildert, sondern erst recht grell ausleuchtet. Ley schreibt. Er rechtfertigt sich. Er ringt nicht um Einsicht, sondern um sein eigenes Bild. „Dass ich ein Verbrecher sein soll, das ertrage ich nicht“, notiert er und macht aus der Anklage eine Kränkung.

Zelle elf

Es gibt Sätze, die klingen wie ein Echo aus einem System, das sich selbst für Gesetz hielt. Ley schreibt von Befehlen, von Legalität, von einem Führer, dem zu gehorchen gewesen sei. Er nennt es „Inquisition“, wenn man Überzeugungen verurteile. Und er räumt, in einem Ton, der wie Reue wirken soll, den Antisemitismus als „Fehler“ ein, als eine Art Krankheit. Dann folgt die Entlastung. Er habe keinem Juden etwas zuleide getan. An seinen Händen klebe kein Blut. So spricht einer, der das Verhältnis zwischen Hetze und Mord nicht sehen will, oder nicht sehen kann.

Der Reichsleiter der NSDAP und Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley (links), bei einem Besuch in Italien.

Der Reichsleiter der NSDAP und Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley (links), bei einem Besuch in Italien.

Achtzig Jahre später sitzt ein anderer an einem Tisch, nicht in Nürnberg, sondern in einer „Schreibstube, zugleich Küche“, wie er es nennt. Axel Spilcker, Journalist, Jahrgang 1963, doppelt ausgezeichnet mit dem Wächterpreis, ist Robert Leys Enkel. Er beginnt sein Buch mit derselben Zelle, als müsse er erst durch diese enge, kalte Anfangsszene hindurch, um überhaupt sprechen zu können. „Über diesen Mann und seine Familie will ich schreiben“, notiert er, und in diesem Satz steckt bereits die Zumutung. Denn wer so schreibt, schreibt gegen etwas an, das in Familien nicht selten stärker ist als jedes Archiv. Gegen Schweigen. Gegen Verehrung. Gegen die bequeme Legende vom verführten Onkel, vom irregeleiteten Vater. Spilcker hat erlebt, wie Verwandte Ley noch in den 70er- und 80er-Jahren bewunderten. Den Selbstmord gar als Heldentat deuteten.

Warum jetzt?

Warum also dieses Buch. Nicht, weil es noch eine Biografie braucht, noch eine Chronik des NS-Funktionärs. Sondern weil der Name Ley, so wie Spilcker ihn schildert, in der Familie wie ein geheimes Gift weiterwirkte. „Bloß nicht auffallen“, „bloß keine Verbindung zu dem Namen ‚Ley‘ herstellen“. Die Angst vor Sippenhaft, die auch nach 1945 weiter im Körper sitzt, als wäre sie ein Reflex. Ein Verwandter bringt es in einem Gespräch in den USA auf den Satz, der wie ein Scharnier wirkt. Die Geschichte des Vaters sei nach dem Krieg in der Familie als Geheimnis behandelt worden. Spilcker sammelt Akten, Briefe, Erinnerungen, spricht mit Zeitzeugen aus der eigenen Verwandtschaft, findet zahlreiche bisher unveröffentlichte Unterlagen - etwa zum Gerichtsprozess oder die Memoiren von Robert Leys letzter Partnerin. Er sucht nicht die Entlastung, sondern die Struktur des Wegsehens.

Dabei treibt ihn auch etwas Unhygienisches an, das man in öffentlichen Debatten gern unterschlägt. Scham, die nicht verjährt. „Obschon ich da nichts für kann“, schreibt er, fühle er Schuld, eine Scham, die sich nicht wegwischen lasse. Es ist diese unauflösbare Mischung, die sein Projekt trägt. Der Wunsch, es endlich zu wissen, und die Angst, es dann auch wirklich zu wissen. In einer Zeit, in der Demokratie wieder unter Druck steht, bekommt die Familiengeschichte eine zweite Kante. Nicht als Parole, eher als Frage, die sich in den Alltag frisst. Was macht Herkunft mit Haltung? Und wie schnell wird aus Schweigen Zustimmung?

Die Recherche als Zumutung

In der Mitte des Buches, wenn die Akten zu sprechen beginnen, kippt das Schreiben leicht in einen Zustand, den Spilcker „Unruhe“ nennt. Er sucht den richtigen Ton, die richtige Farbe, schreibt er. Nicht das Sensationelle ist das Problem, sondern das Banale. Dass Verbrechen Verwaltung brauchen. Dass Macht sich in Organisationsplänen ausdrückt. Dass jemand wie Ley nicht nur brüllt, sondern organisiert. Der „Opa“ schafft es mit seinem Talent in den innersten Kreis um Adolf Hitler. In seinem Tagebuch notiert Ley voller Stolz, er sei immer zum Führer gekommen, wenn er wollte: „Das waren außer den Militärs nur noch wenige, eigentlich nur noch Dr. Goebbels und ich.“ Hitler habe ihm vertraut. Irgendwann, als schon längst alles verloren schien, habe der beispielsweise zu ihm gesagt: „Ley, geben Sie mir ein Dutzend wirklicher Männer und der Krieg ist morgen gewonnen.“

20. April 1939: Der Kölner NS-Verbrecher Robert Ley (vorne Mitte) neben seinem Förderer Adolf Hitler. Ferdinand Porsche (links, im dunklen Anzug) zeigt dem Führer ein neu gestaltetes Volkswagen-Cabriolet.

20. April 1939: Der Kölner NS-Verbrecher Robert Ley (vorne Mitte) neben seinem Förderer Adolf Hitler. Ferdinand Porsche (links, im dunklen Anzug) zeigt dem Führer ein neu gestaltetes Volkswagen-Cabriolet.

Es sei schwer zu sagen, was wahr und was falsch an derartigen Schilderungen ist, schreibt Spilcker. Den Großvater zeichnet er nicht als dämonischen Ausnahmefall, sondern als eine Figur, die aus sozialem Aufstieg eine Gier nach Anerkennung formt. Der Bauernsohn aus dem Oberbergischen, aus Mildsiefen bei Waldbröl und Ruppichteroth, wächst in kargen Verhältnissen auf. Der Vater wird wegen Brandstiftung verurteilt, die Familie stürzt ab. Ausgerechnet diese frühe Demütigung, so erzählt es die Familienüberlieferung, wird zum Motor. Ley reagiert empfindlich auf Status, entwickelt ein Geltungsbedürfnis, das sich später politisch aufladen lässt. Bildung wird zum Ausweg. Die Familie legt zusammen, Ley macht Abitur, studiert Chemie. Ein Klassensprung, wie ihn das Kaiserreich selten zulässt.

Aufstieg aus Kränkung

Dann der 1. Weltkrieg. Ley meldet sich freiwillig, erlebt Materialschlachten, wird Offizier, geht zur Luftwaffe, stürzt 1917 mit seinem Flugzeug ab. Später ist von Sprachstörungen die Rede, von Stottern in Aufregung, von möglichen Hirnverletzungen, die amerikanische Ärzte nach 1945 vermuten. Der Befund bleibt umstritten, ein Zweitgutachter findet keine eindeutigen Hinweise. Entscheidend ist weniger die Diagnose als das Muster. Ein Mann, der sich selbst als Aufsteiger erlebt und zugleich als beschädigt. Einer, der Anerkennung nicht mehr als Möglichkeit, sondern als Anspruch empfindet.

Große Gala im November 1938: Robert Ley und seine Frau im Wiener Raimundtheater.

Große Gala im November 1938: Robert Ley und seine Frau im Wiener Raimundtheater.

Nach dem Krieg scheint kurz ein bürgerliches Leben möglich. Doktortitel, Job bei IG Farben in Leverkusen, Heirat, Kind. Doch die Weimarer Republik taumelt, Inflation, politische Gewalt. In solchen Zeiten wird der Wunsch nach Ordnung zum politischen Rohstoff. Ley, der sich zunächst von Parteiengezänk abgestoßen gibt, wird später einer jener Funktionäre, die aus Organisation Herrschaft machen. Als Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Chef der Deutschen Arbeitsfront baut er den größten NS-Verband auf, 25 Millionen Mitglieder. Die Freizeitorganisation Kraft durch Freude, die Ordensburgen, die Visionen von Disziplin und „Gemeinschaft“, sie sind die weiche Seite einer harten Diktatur. Ein Versprechen von Zugehörigkeit, das die Ausschlüsse gleich mitliefert.

Köln, Macht und Führerkult

Ley, der fanatische Antisemit, verehrt Adolf Hitler nicht nur, er mystifiziert ihn als spirituelle Größe. Der Führer und dessen Mission seien heilig, glaubt er. „Dieses Wissen um einen Gott, diesen Glauben an einen Gott habe ich nicht durch die Kirche bekommen, sondern allein durch Adolf Hitler … Ich glaube auf dieser Erde allein an Adolf Hitler. Ich glaube, dass es einen Herrgott gibt, der uns liebt und Adolf Hitlers Arbeit mit Erfolg segnet.“ Auch Zeilen wie diese, geschrieben von Ley und ausfindig gemacht von seinem Enkel, sind es, die das Buch bemerkenswert machen.

Buch-Autor und Wächterpreis-Gewinner: Der Kölner Journalist Axel Spilcker

Buch-Autor und Wächterpreis-Gewinner: Der Kölner Journalist Axel Spilcker

Im Rheinland baut Robert Ley sich seine Bühne. Hier, im Gau Köln/Aachen, macht er den „Westdeutschen Beobachter“ zum Lautsprecher seiner Bewegung, als Herausgeber mit dem Instinkt des Agitators. Die Zeitung schießt sich auf die „Bauknechtpolizei“ ein, auf den Kölner Polizeipräsidenten Carl Otto Bauknecht, der nach dem Tod eines NS-Anhängers Verbote erlässt. Ley spielt den Empörten, als ginge es um Grundrechte, nicht um die Freiheit zum Straßenterror. „Sie dürfen versichert sein, dass der Kampf um das Dritte Reich fortschreitet, ohne über polizeiliche Verfügungen zu stolpern“, droht er.

Zeitungsspalten und Schlägerfäuste

Dabei aber bleibt es nicht. Abends, nach dem Ende einer SPD-Veranstaltung, stürmt Ley, sichtbar betrunken und in Begleitung eines NS-Schlägertrupps, ins Kölner Weinhaus „Gebrüder Dies“. Der Mob attackiert einige der Sozialdemokraten und attackiert vor allem Bauknecht, der zur Versammlung gekommen war. Ley macht Köln zur Kulisse einer frühen Gleichschaltungsphantasie, in der Zeitungsspalten und Schlägerfäuste zusammengehören. Auch Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister, wird in diesem Kampf zum Ziel. Der „Westdeutsche Beobachter“ arbeitet nicht mit Beweisen, sondern mit Verdacht und Rufmord. Konkret, so heißt es, werfen ihm die Nationalsozialisten beispielsweise vor, „während der französischen Besatzungszeit separatistische Pläne verfolgt zu haben, um das Rheinland vom Deutschen Reich abzuspalten“. Ein absurder Vorwurf. Es geht nicht darum, etwas zu beweisen. Sondern Adenauer zu beschmutzen, bis etwas hängen bleibt.

Weihnachten 1942: Inga und Robert Ley mit ihren drei Kindern. „Das letzte Foto vor dem Selbstmord meiner Großmutter“, schreibt Axel Spilcker dazu. Ganz rechts sitzt sein Vater mit kurzer Hose auf dem Schoß von Ley.

Weihnachten 1942: Inga und Robert Ley mit ihren drei Kindern. „Das letzte Foto vor dem Selbstmord meiner Großmutter“, schreibt Axel Spilcker dazu. Ganz rechts sitzt sein Vater mit kurzer Hose auf dem Schoß von Ley.

Spilcker beschreibt diese Zusammenhänge nicht als reine Anklage, sondern als Versuch, Mechanismen sichtbar zu machen. Er zeigt Ley als einen, den selbst Mitangeklagte später verachten. „Trunkenbold“, „Schwätzer“, „Kobold“, solche Worte kursieren in den Erinnerungen der NS-Elite, als wolle man sich durch Spott reinigen. Doch Spott ist keine Distanzierung. Er ist nur eine andere Form der Selbstentlastung. Der Funktionär, der am lautesten agitierte, wird nach dem Untergang zum peinlichen Rest. Das macht ihn nicht weniger verantwortlich. Es macht die Bühne nur kälter.

Der Vater verließ die Familie

In der zweiten Hälfte des Buches kehrt Spilcker, mitten im Text, noch einmal zu sich selbst zurück. Nicht als literarischer Trick, eher wie ein Atemholen. Er beschreibt, wie schwer es ist, den richtigen Ton zu finden, wenn man über den eigenen Großvater schreibt und zugleich über „all jene jüdischen Opfer“ nachdenkt, die die Rassenhetze ins Gas geführt habe. Der Satz ist hart, und er ist riskant, weil er die Nähe benennt. Doch genau darin liegt die journalistische Qualität. Er versucht nicht, sich aus dem Bild zu schneiden. Er zeigt, wie man, ohne schuld zu sein, in eine Geschichte verstrickt bleibt.

Die NS-Ordensburg Vogelsang diente der NSDAP zwischen 1936 und 1939 als Schulungsstätte für den Führungsnachwuchs: Reichsleiter Robert Ley (li) erklärt Adolf Hitler das Konzept der Kaderschmiede.

Die NS-Ordensburg Vogelsang diente der NSDAP zwischen 1936 und 1939 als Schulungsstätte für den Führungsnachwuchs: Reichsleiter Robert Ley (li) erklärt Adolf Hitler das Konzept der Kaderschmiede.

Und er zeigt, was solche Verstrickung mit einer Familie macht. Da ist die zweite Frau des Nazi-Verbrechers, Inga Ley, von Hitler gefeierte Sopranistin, die in Sucht und Depressionen versinkt und sich das Leben nimmt. Da ist der Vater von Axel Spilcker, das zweitälteste Kind von Robert Ley, der mit der Last des moralischen Erbes nicht umgehen kann, die Familie verläßt. Da ist die Namensänderung einiger anderer Verwandter, der Reflex der Tarnung. Aber da ist auch die Tante von Spilcker, Professorin, Feministin, die den Vater und verstorbenen Nazi-Schergen heute immer noch verehrt. Man liest das wie eine Nachkriegschronik der Verschiebungen. Nicht nur moralisch, auch psychologisch. Aus der Tätergeschichte wird ein Familienmythos, der sich in Scham verwandelt, in Trotz oder in beides zugleich.

Mit der eigenen Unterwäsche erdrosselt

Zurück nach Nürnberg. Der 18. Oktober 1945, Anklageschriften werden ausgeteilt. Ley reagiert nervös, schwört, er werde unter solchen Voraussetzungen nicht vor Gericht erscheinen. Drei Tage später streckt er in der Zelle die Arme aus wie ein Gekreuzigter und fleht darum, erschossen zu werden. Am 25. Oktober zerreißt er Stoff, weicht ihn ein, knüpft den Strick am Wasserrohr, knebelt sich mit Unterwäsche, damit niemand das Röcheln hört, und erdrosselt sich auf der Toilette. Ein qualvoller Tod, wie der Psychiater notiert. Ein Tod, der zugleich Flucht ist. Flucht aus dem Verfahren, aus der Öffentlichkeit, aus der Möglichkeit, dass Fragen gestellt werden.

Das ist das perfide Erbe dieses Selbstmords. Er entzieht der Gesellschaft ein Urteil, und er entzieht der Familie eine klare Zäsur. Zurück bleibt eine Leerstelle, die sich füllen lässt mit Legenden. Heldentat. Opferrolle. Krankheit. Alles ist möglich, wenn der Prozess nicht stattfindet. Der Enkel schreibt gegen diese Leerstelle an. Nicht, um sie zu schließen, sondern um sie sichtbar zu machen. Als Erinnerung daran, dass Verantwortung manchmal genau dort beginnt, wo jemand sich ihr entzieht.

Denn Robert Ley hat sich davon gemacht: Sein nackter Leichnam wurde in braunes Packpapier gehüllt und auf der Südseite des Nürnberger Friedhofs beigesetzt. Heute findet sich keine Spur mehr von seinem Grab. Und am Ende steht wieder ein Bild, so unerquicklich wie präzise. Der Mann, der Millionen organisierte, verschwindet im Boden. Vielleicht ist das die Ironie, die bleibt. Nicht Erlösung, nicht Gerechtigkeit. Nur das Verschwinden einer Spur. Und ein Enkel, der in seiner Küche sitzt und schreibt, als könne man durch Sprache wenigstens verhindern, dass aus dem Verschwinden auch noch Vergessen wird.