Der 30-Jährige wurde nach Festnahme zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ machte die Fehlentscheidung öffentlich.
Per LinienflugNach Schüssen in Aachener Innenstadt – Irakischer Asylbewerber jetzt abgeschoben

Der Iraker wurde per Linienflug abgeschoben.
Copyright: Julian Stratenschulte/dpa
Der Iraker Jihad A., der vor etwa einem Monat auf eine Wohnung in der Aachener Innenstadt geschossen hat, ist aus Deutschland abgeschoben worden. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen wurde der Mann am Montag dieser Woche in eine Linienmaschine gesetzt. Die Route führte über den Libanon weiter nach Bagdad. Zuvor hatte der Fall die Behörden in Aachen und NRW über Wochen beschäftigt – vor allem, weil der Mann nach den Schüssen zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, worüber der „Kölner Stadt-Anzeiger“ exklusiv berichtet hat.
Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft meldeten Zeugen in der Nacht zum 14. März gegen 2.15 Uhr mehrere Schussgeräusche in der Aachener Innenstadt. Als Einsatzkräfte an einem Mehrfamilienhaus eintrafen, stellten sie Einschusslöcher an verschiedenen Stellen des Gebäudes fest. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ soll sich der Schütze auf eine Wohnung im ersten Stock konzentriert haben, an deren Fenster eine iranische Flagge hing.
Elfmal auf Wohnung des politischen Gegners geschossen
Die Ermittler sicherten elf Patronenhülsen am Tatort. Mehrere Projektile schlugen demnach in die Fenster und in die Küchendecke der betroffenen Wohnung ein. Auch eine Gasleitung des Hauses wurde getroffen. Zwölf Menschen mussten evakuiert werden. Der Energieversorger stellte das Gas vorübergehend ab.
Wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt nahmen Beamte den Iraker fest. Bei dem Mann fanden sie eine Schusswaffe sowie ein leeres Munitionsmagazin. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ wirkte der Tatverdächtige bei der Festnahme betrunken, ein späteres Drogen-Screening soll Hinweise auf Amphetamin ergeben haben. Bei einer Befragung soll der 30-Jährige die Tat eingeräumt und erklärt haben, er sei ein „Freiheitskämpfer“. Als möglicher Hintergrund wurde genannt, dass ein Hausbewohner bei Instagram einen Beitrag zur politischen Lage der Kurden im Iran veröffentlicht habe, der dem Pistolenschützen nicht gefallen hatte.
Beschuldigter wurde zunächst wieder auf freien Fuß gelassen
Der schießwütige Iraker soll den Behörden bereits unter etlichen Aliasnamen bekannt gewesen sein. Gegen ihn soll schon wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahls und versuchten Totschlags ermittelt worden sein – die Verfahren jedoch wurden mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt. 2019 war der Mann wegen Widerstands gegen Vollzugsbeamte verurteilt worden.
Weil nach den Schüssen in der Innenstadt eine politisch motivierte Tat nicht ausgeschlossen werden könne, übernahm der Staatsschutz der Polizei Aachen die Ermittlungen. In der Mitteilung der Behörden hieß es zugleich, es werde „wegen Sachbeschädigung und Verstoßes gegen das Waffengesetz“ ermittelt. Ein Antrag auf Erlass eines Haftbefehls sei abgelehnt worden. Nach Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte die Aachener Polizei zuvor wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdelikts angeregt, einen Haftbefehl zu beantragen. Die Staatsanwaltschaft habe den Fall jedoch zunächst anders bewertet und herabgestuft.
Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aachen, erklärte auf Anfrage, ein „dringender Tatverdacht für ein versuchtes Tötungsdelikt“ sei von ihren Kollegen nicht gesehen worden. Die rechtlichen Voraussetzungen für einen Haftgrund nach der Strafprozessordnung hätten nicht vorgelegen. Zudem hätten der Freilassung „Verhältnismäßigkeitsgründe“ zugrunde gelegen.
Einschätzung der Justizbehörden hat sich geändert
Nachdem der „Kölner Stadt-Anzeiger“ angefragt und auch die Aachener Ausländerbehörde dem Vernehmen nach Beschwerde gegen die Entscheidung der Justizbehörden eingelegt hatte, änderte sich die Lage: Aus Insiderkreisen hieß es, der zuständige Amtsrichter habe seinen ursprünglichen Beschluss zurückgenommen und einen Abschiebehaftbefehl erlassen. Die Kriminalpolizei nahm Jihad A. anschließend an einem Kiosk in Aachen fest und brachte ihn in Abschiebehaft.
Die Abschiebung war bereits früher vorgesehen, scheiterte dann aber nach vorliegenden Informationen im April an der Sicherheitslage im Luftverkehr. Demnach standen wegen des Iran-Krieges aus Sicherheitsgründen zeitweise keine Linienflüge in den Irak zur Verfügung. Dadurch rückte das Ende der Abschiebehaftfrist näher.
