Nordrhein-Westfalen hat 2025 so viele Windräder ans Netz gebracht wie nie zuvor. Die Branche warnt jedoch: Ohne schnelleren Netzausbau und klare Investitionsbedingungen könnte der Boom ins Stocken geraten.
Erneuerbare EnergienNRW baut Windräder im Rekordtempo – und stößt an Grenzen

NRW hat im vergangenen Jahr so viele Windräder ans Netz gebracht wie nie zuvor.
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Der Ausbau der Windenergie in Nordrhein-Westfalen hat 2025 alle bisherigen Rekorde pulverisiert. Zum ersten Mal wurde die Gigawatt-Grenze, das sind 1000 Megawatt (MW), übertroffen – und das deutlich. Insgesamt gingen 259 Anlagen mit 1346 Megawatt neu ans Netz. Das sind 80 Prozent mehr als 2024.
Da in den zurückliegenden zwölf Monaten auch ältere Anlagen abgebaut wurden, beträgt der Nettozuwachs 1288 MW. Damit ist NRW im vergangenen Jahr sowohl beim Brutto- als auch beim Nettozubau vor Niedersachsen und Schleswig-Holstein bundesweit die Nummer eins. Zum Vergleich: Das stärkste deutsche Atomkraftwerk Grohnde hatte eine Leistung von 1360 MW. Insgesamt sind in NRW zum Jahreswechsel 3850 Windräder in Betrieb. Sie liefern eine Gesamtleistung von neun Gigawatt.
Hoher Zuwachs auch 2026
„Die Zahlen sehen in der Tat super aus. Der letztjährige Zuwachs beweist eindrucksvoll, was beim Windenergieausbau möglich ist, wenn Politik, Windenergiebranche und Genehmigungsbehörden ein gemeinsames Ziel haben“, sagte Christian Vossler, Geschäftsführer des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW, am Montag in Düsseldorf.
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Vossler geht davon aus, dass es auch im laufenden Jahr einen Zuwachs bei der Windenergieleistung von mehr als 1500 MW geben wird: Dafür sprechen die vorliegenden Genehmigungen mit einem Volumen von mehr als 6000 MW Leistung. Der Blick nach vorne ist nicht ungetrübt: „Der weitere Windenergieausbau im bisherigen Tempo wird kein Selbstläufer werden. Es gibt einige Probleme, die der Windbranche zunehmend große Bauchschmerzen bereiten“, so Vossler.
Dazu zählten nicht nur die maroden Autobahnen und Brücken, die die Transporte der Bauteile für Windräder verzögern und damit verteuern, sondern auch die geplante Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Weil unklar ist, wie die Investitionen in Erneuerbare Energien künftig abgesichert werden, könnte das den Bau neuer Windparks erschweren, fürchtet Vossler.
Kritik an langsamem Netzausbau
Das größte Problem aus Sicht der Branche ist aber der fehlende Netzausbau. „Was nutzen uns die vielen, mittlerweile immer schneller erteilten Genehmigungen, wenn die Netze nicht vorhanden sind, um den Strom aufzunehmen?“, sagte Steffen Lackmann, Geschäftsführer der Hellwegwind GmbH mit Sitz in Paderborn. „Seit Jahren mahnen wir den schleppenden Netzausbau an.“ Die Windenergiebranche habe gemeinsam mit der Politik die Zeit von der Planung bis zum Bau von Windrädern halbiert.
„Von Antragstellung bis Inbetriebnahme eines Windparks vergehen derzeit etwa dreieinhalb Jahre. Der Netzausbau braucht aktuell weit über zehn Jahre. Das ist komplett verschlafen worden. So kann die Energiewende nicht funktionieren“, so Lackmann weiter. „Und dieser Strom wird gebraucht. Der Anteil von grünem Strom am bundesweiten Gesamtenergieverbrauch liegt erst bei 22 Prozent.“
Beispielhaft verwies Lackmann auf die Situation in Ostwestfalen-Lippe: Zwischen Paderborn und Nordhessen gebe es die meisten Netzengpässe. „Die sind bereits seit 2016 bekannt. Der Ausbau der Hochspannungsleitungen ist aber erst für 2030 vorgesehen. Schon jetzt wird in der Region jährlich erneuerbarer Strom abgeregelt, der 90.000 Haushalte versorgen könnte. Die Kosten dafür tragen die Verbraucher, nicht die Netzbetreiber als Verursacher.“
„Kräftiger Tritt auf das Bremspedal“
Allein in Ostwestfalen-Lippe seien bis 2040 Investitionen in die erneuerbaren Energien in Höhe von schätzungsweise 16 Milliarden Euro geplant, sieben Milliarden Euro davon entfallen auf den Windenergiesektor. „Dieser Investitionsbooster ist gefährdet, wenn nicht endlich mehr Tempo beim Netzausbau gemacht wird“, so Lackmann. Der LEE NRW hat berechnet, dass der Windkraftausbau der NRW-Wirtschaft einen kräftigen Schub verschaffen könnte. Mit den derzeit vorliegenden Genehmigungen in einer Größenordnung von rund 6100 MW seien Investitionen von knapp zehn Milliarden Euro verbunden. „Bei der Solarenergie haben wir die Weltmarktführerschaft hergeschenkt. Das sollte uns bei der Windenergie nicht noch einmal passieren“, sagt Lackmann.
Aus Sicht des LEE NRW ist diese Sorge begründet. „Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und ihr ehemaliger Chef, der Eon-Vorstandsvorsitzende Leonhard Birnbaum, fordern gemeinsam, den Ausbau der Erneuerbaren Energien an den Netzausbau anzupassen. Das ist ein kräftiger Tritt auf das Bremspedal, der den von der Politik versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung verzögert“, so LEE-Geschäftsführer Vossler. Die schwarz-grüne Landesregierung müsse alles unternehmen, um das zu verhindern. „Sie würde sich um die Früchte ihrer erfolgreichen Windenergiepolitik bringen.“
