In NRW haben sich die Verfolgungsfahrten der Polizei in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Was treibt die Fahrer?
NRW-PolizeiWenn die Kontrolle zur Jagd wird

Nach einer Verfolgungsjagd in Aachen im Mai dieses Jahres ist der flüchtende Autofahrer frontal mit einem Streifenwagen der Polizei zusammengestoßen.
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Es ist drei Uhr nachts, eine Streifenwagenbesatzung will einen Wagen kontrollieren – und Sekunden später beginnt das, was Polizistinnen und Polizisten in Nordrhein‑Westfalen immer häufiger erleben: eine Fluchtfahrt. In Köln sollte vor Kurzem ein 17‑Jähriger gestoppt werden. Statt anzuhalten, raste er nach Angaben der Polizei mit bis zu 120 Kilometern pro Stunde Richtung Autobahn, überfuhr mehrere rote Ampeln und geriet mehrfach fast in den Gegenverkehr.
Zwischenzeitlich brachen die Einsatzkräfte die Verfolgung ab, nachdem ein Streifenwagen beim Überfahren einer Verkehrsinsel einen Reifenschaden erlitt. Später entdeckte eine andere Streife den verlassenen Mietwagen in einer Sackgasse. Dank einer Anwohnerin wurden der Fahrer und sein 15‑jähriger Beifahrer im Kölner Stadtteil Dellbrück gestellt.
Wenn aus Routine Gefahr wird
Solche Szenen bleiben längst nicht auf die großen Städte beschränkt. In und um Wuppertal zählt die Polizei seit Jahresbeginn 2026 „mehr als zehn Fälle“ von „Fluchtfahrten“ – verbunden mit Verletzten und Sachschäden. Im Stadtteil Elberfeld beispielsweise flüchtete ein Mercedesfahrer vor einer Kontrolle, raste über rote Ampeln und geriet mit hoher Geschwindigkeit in den Gegenverkehr. Die Flucht zu Fuß misslang. Der Mann stand unter Drogen, hatte keinen Führerschein, das Auto trug gestohlene Kennzeichen.

Eine Verfolgungsjagd, die im Rhein-Erft-Kreis begonnen hatte, wurde von der Polizei direkt vor der Euskirchener Polizeiwache gestoppt.
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Am 26. März wollte eine Streife in Wuppertal einen 300‑PS‑Golf kontrollieren: Der Fahrer gab Gas, rammte auf der Flucht einen entgegenkommenden Kleinwagen. Dessen Fahrer wurde schwer verletzt. Der Flüchtige versuchte zu Fuß zu entkommen und leistete bei der Festnahme massiven Widerstand. Der jüngste Fall in Wuppertal: Eine Streife will ein Kleinkraftrad anhalten, der Fahrer flüchtet, stürzt und verletzt sich. Laut Polizei stand der 19‑Jährige unter Drogen, der Roller war nicht zugelassen und als gestohlen gemeldet.
Wie aber entscheidet die Polizei, wann aus einer Kontrolle eine Verfolgungsfahrt wird – und wann sie abbricht? „Es gibt kein Patentrezept“, sagt Pascal Pettinato vom Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW. „Man möchte ein Fahrzeug anhalten, das reagiert erstmal nicht auf die Anhaltesignale.“ Spätestens wenn klar sei, „der fährt ganz bewusst weg“, werde aus der Kontrolle eine Verfolgung.
„Sicherheit hat Vorrang“
Dann laufe vieles über die Leitstelle. Die Streife übermittle Standort, Geschwindigkeiten und Rahmenbedingungen. „Wie ist der Verkehr gerade beispielsweise, wie viele Fußgänger, wie ist das Wetter und wie die Lichtverhältnisse“ so der Behördensprecher. „Die Statusmeldungen werden regelmäßig aktualisiert, damit die Lage fortlaufend bewertet werden kann.“ Die Entscheidung, ob die Verfolgung fortgesetzt wird, sei keine starre Rechenaufgabe, sondern eine Abwägung. „Und immer eine Einzelfallentscheidung: Eine feste Grenze nach dem Motto, beispielsweise ab Tempo X wird abgebrochen, gibt es nicht.“ Entscheidend sei immer die Sicherheit Unbeteiligter sowie der Fahrer selber: „Wir wollen schließlich nicht, dass jemand zu Schaden kommt.“
Wenn die Bewertung laute, es stehe „außer Verhältnis“ oder sei „einfach zu gefährlich“, dann werde abgebrochen – und der Fokus verlagere sich auf Identifizierung und Fahndung. Denn nach einem Abbruch endet die Arbeit nicht. Pettinato sagt, man schaue „trotzdem“, wie der Fahrer ermittelt werden könne: Über Halterdaten, sofern Kennzeichen und Fahrzeug zusammenpassen, über Zeugenhinweise und über Spuren am Fahrzeug selbst, werde versucht, den Fahrer zu ermitteln.
Die Kurve zeigt nach oben
Wie häufig das Phänomen insgesamt ist, lässt sich in NRW zumindest in groben Linien belegen: In einer Antwort des Innenministeriums auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ werden „Verfolgungsfahrten“ seit 2015 in der polizeilichen Statistik separat ausgewiesen. 2015 registrierte die Polizei 516 solcher Einsätze, 2021 waren es 989, 2024 waren es 1469 und im vergangenen Jahr 1720. Damit hat sich die Zahl innerhalb weniger Jahre mehr als verdreifacht.
Als Verfolgungsfahrt gilt, wenn Personen sich polizeilichen Maßnahmen durch Flucht entziehen wollen und von der Polizei verfolgt werden – weder eine bestimmte Geschwindigkeit noch eine Mindeststrecke oder konkrete Gefährdung sind Voraussetzung. Dass die Statistik steigt, heißt nicht automatisch, dass überall mehr gejagt wird. Aber es zeigt: Fluchtversuche gehören immer öfter zum polizeilichen Alltag.
Sachschaden ohne Verletzte
Dass solche Verfolgungen auch ohne Verletzte hohe Schäden verursachen können, zeigt ein weiterer Fall aus dem Rheinland: Am Sonntagabend, 18. Januar, meldeten Zeugen einen Autofahrer, der während der Fahrt Alkohol konsumiert haben soll. Außerdem war das Kennzeichen als gestohlen registriert. Eine Streife sichtete den Wagen kurz vor 20 Uhr auf der B9. Der Fahrer flüchtete mit überhöhter Geschwindigkeit über eine rote Ampel Richtung Zons, entkam zunächst außer Sicht, wurde in Stürzelberg erneut angetroffen – und kollidierte bei der erneuten Flucht mit einem entgegenkommenden Streifenwagen.

Während einer Verfolgungsfahrt auf den Kölner Ringen hat eine 54 Jahre alte Fahrerin einen Unfall gebaut. Sie erlitt dabei schwere Verletzungen.
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Dann setzte er plötzlich zurück und rammte noch einmal einen Streifenwagen, ließ das Auto stehen und flüchtete mit einem Beifahrer zu Fuß. Der 30‑jährige Beifahrer wurde gefasst, der mutmaßliche Fahrer blieb trotz Fahndung – auch mit Drohne – verschwunden. An den Streifenwagen entstanden Sachschäden, verletzt wurde niemand. Es gab Hinweise, dass das Duo möglicherweise auf dem Weg war, Einbrüche zu begehen.
Auch die Justiz zieht Konsequenzen. Oberstaatsanwalt Wolf‑Tilman Baumert sagt, die Häufung der sogenannten „Raserfälle“ beschäftige inzwischen eine eigene Abteilung.
Wenn es eskaliert
Wie schnell aus einer Fluchtfahrt schwere Gewalt werden kann, zeigt ein weiterer Fall aus dem Rhein‑Sieg‑Kreis: Im Januar dieses Jahres flüchteten Verdächtige nach einer Routinekontrolle, rasten über die Autobahn 555 Richtung Köln. An einer Tankstelle am Bonner Verteilerkreis im Kölner Stadtteil Marienburg endete die Verfolgung vorübergehend – als Einsatzkräfte die Insassen stellen wollten, fielen Schüsse. Der Fahrer zwängte den Wagen zwischen Gebäudeecke und geparktem Auto hindurch, rammte dabei einen Polizeibeamten und verletzte ihn schwer.
Die Täter setzten die Flucht fort, ließen den beschädigten Wagen später auf einer Baustelle zurück und rannten zu Fuß weiter. Die Polizei leitete eine Großfahndung ein. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen. Auch ohne Schüsse können Verfolgungen lange dauern: Am 10. Oktober 2025 meldete die Polizei Köln eine rund 40 Minuten dauernde Jagd nach einem Opel mit gestohlenen Kennzeichen: vom Beginn auf der A559 über mehrere rechtsrheinische Veedel bis zum Ende, als der Wagen in einen Streifenwagen krachte. Die Insassen flüchteten zu Fuß, im zurückgelassenen Auto fanden die Einsatzkräfte Drogen.
Warum fliehen so viele?
Die Motive reichen vom Offensichtlichen bis zum Absurden. In Wuppertal tauchen in den Falllisten immer wieder die gleichen Zutaten auf: Drogen, kein Führerschein, gestohlene Kennzeichen, offene Haftbefehle, Einbruchswerkzeug. Für Polizei und Unbeteiligte ist das Risiko dabei immer enorm: Jeder Meter kann in einem Unfall enden, jedes Abbremsen und Ausweichen Kettenreaktionen auslösen.

Ermittler stehen im März dieses Jahres an der Unfallstelle, wo ein Fahrer mit seinem Auto in das Schaufenster einer Leverkusener Bäckerei gekracht ist.
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Wie in Leverkusen, wo im März ein 46-jähriger Mann ohne gültigen Führerschein vor der Polizei flüchtete. Autobahnpolizisten wollten ihn auf der A3 anhalten, weil sein Wagen nicht mehr zugelassen war. Der Fahrer aber reagierte zunächst nicht. Dann aber beschleunigte er und raste an der Ausfahrt Schlebusch in Richtung Stadt. Kurz darauf krachte er in die Schaufensterscheibe einer Bäckerei – und wurde anschließend vom Notarzt in eine Klinik gebracht.