Bundesweite Razzia gegen IslamistenOverather Paar soll Scharnier zwischen Spendern und „IS“ gewesen sein

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Bundesweite Durchsuchungen am 31. März: Maskierte Polizisten bei der Razzia gegen mutmaßliche Unterstützerinnen und Unterstützer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Im Fokus der Ermittlungen steht auch ein Ehepaar aus Overath.

Bundesweite Durchsuchungen am 31. März: Maskierte Polizisten bei der Razzia gegen mutmaßliche Unterstützerinnen und Unterstützer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Im Fokus der Ermittlungen steht auch ein Ehepaar aus Overath.

Seit 2020 beobachteten Kölner Ermittler das Ehepaar aus Overath. Nun werden neue Details zu dem mutmaßlichen Islamisten-Netzwerk bekannt.

Die Plattform „Schwestern im Camp“ gab sich auf ihrem Telegram-Kanal zunächst moderat. In Allgemeinplätzen versuchten Harun Y. und seine Frau Anna, auf die Not der internierten Menschen in den kurdischen Lagern Al-Hol und Roj in Nordsyrien aufmerksam zu machen. Das Ehepaar aus Overath im Rheinisch-Bergischen Kreis rief Muslime in Deutschland auf, die Lage der Gefangenen mit einer Spende zu verbessern.

Ende November 2020 machten sie jedoch keinen Hehl mehr daraus, an wen die Zuwendungen gehen sollten. In einem Video über internierte Kindern von Anhängern des „Islamischen Staats“ (IS) im Camp Al-Hol traten vollverschleierte Frauen auf, die mit Händen Schießübungen und Enthauptungen simulierten.

Razzia gegen mutmaßlich islamistisches Netzwerk: Auch Paar aus Overath im Fokus der Ermittler

Vergangenen Mittwoch wurden die islamistischen Gefährder neben fünf weiteren mutmaßlichen Hauptakteuren im Zuge einer bundesweiten Razzia verhaftet. Harun Y. (34) und seine Frau Anna fungierten laut Bundesanwaltschaft als Finanzvermittler in einem international agierenden Spendennetzwerk, um insbesondere IS-Frauen aus den Lagern zu befreien. Tags darauf ordnete der Haftrichter am Bundesgerichtshof Untersuchungshaft für das Ehepaar aus Overath und vier weitere Beschuldigte an.

Von einer „dürftigen Beweislage“ sprach Michael Murat Sertsöz, Verteidiger der Eheleute. „Außerdem handelt es sich um Uraltfälle aus dem Jahr 2020. Die Vorwürfe beziehen sich gerade mal auf 5000 Euro, die angeblich transferiert worden sein sollen“, so der Anwalt, „wenn man wegen solcher Summen gleich in U-Haft kommt, dann aber gute Nacht Rechtsstaat“.

Bundesweite Razzia: 65.000 Euro sollen in Islamisten-Netzwerk geflossen sein

Neben den Festnahmen durchsuchten Staatsschützer bundesweit hunderte weitere Objekte von Spendern. Insgesamt, teilte die Bundesanwaltschaft mit, geht es um mindestens 65.000 Euro, die in IS-Kanäle flossen. Allerdings vermuten die Strafverfolger, dass die sichergestellten Datenträger und Handys ein weitaus größeres Finanzvolumen hervorbringen werden. Zudem erhofft man sich als Nebeneffekt neue Hinweise zu weiteren Terrordelikten.

Bundesweite Razzia gegen mutmaßliche Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS): Fahrzeuge verlassen mit Blaulicht das Gelände des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe.

Bundesweite Razzia gegen mutmaßliche Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS): Fahrzeuge verlassen mit Blaulicht das Gelände des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe.

Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ legen ein weit verzweigtes Finanz-Geflecht offen, deren Spuren über Österreich, Bremen, Ulm und NRW bis nach Syrien und in den Libanon führen. Seit drei Jahren hatte die Kölner Kripo die Islamisten aus Overath auf dem Schirm.

Im Mai 2020 starteten die Finanzlogistiker ihre Telegram-Hilfsplattform für Frauen in den kurdischen Flüchtlingslagern. Immer wieder beobachteten die Staatsschützer eine rege Reisetätigkeit des Ehepaars. Erst ging es in die Türkei, dann vermutlich nach Syrien. Dort, so der Verdacht, sollen die Beschuldigten Bargeld an IS-Vermittler übergeben haben. Bisher fehlt aber der letzte Beweis für diese Annahme.

Mutmaßlich islamistisches Netzwerk: Overather Paar galt als Vermittler zwischen Spendern und „Islamischer Staat“

Laut Bundesanwaltschaft sollen die Overather Islamisten als finanzielles Scharnier zwischen Spendern und ihren Auftraggebern beim IS aufgetreten sein. Dabei spielen namhafte Akteure aus Deutschland und Österreich eine große Rolle: Fadi Mohammed El Kurdi und seine Frau Maya G. aus Oberhausen stehen weit oben auf der Gefährder- und Fahndungsliste in NRW. Beide reisten 2014 mit ihren drei Kindern zum IS. Laut Bundesnachrichtendienst kämpfte er für das europäische Anwar-al-Alaki-Bataillon. Verwundungen machten ihn kampfuntauglich.

El Kurdi übernahm einen Job in der damaligen IS-Verwaltung in Homs. So organisierte er den Waffenhandel und die Verpflegung der Selbstmordattentäter. El Kurdi flüchtete zu seiner Mutter in den Libanon, wo er inhaftiert wurde. Aus dem Gefängnis heraus versuchte er im Sommer/Herbst 2020, über Mittelsmänner in Deutschland Geld zu akquirieren.

Seine Frau Maya G. saß seinerzeit im Lager Al-Hol. Etliche Spendenkanäle riefen IS-Sympathisanten dazu auf, für Maya G. alias Umm Al-Amani Geld zu geben, um sie aus dem Camp freizukaufen. Neben anderen Finanzagenten kam das Overather Ehepaar ins Spiel. Den Ermittlungen zufolge sollten sie einen Geldtransfers aus Wien nach Beirut in Höhe von gut 3000 Euro organisieren, um die deutsche Frau El Kurdis aus dem Lager in Syrien freizukaufen. Das Geld soll laut Bundesanwaltschaft von der Mitbegründerin der Wiener Organisation „Eve’s Help Club“ gekommen sein.

Islamistisches Netz soll sich über NRW und Österreich über die Türkei bis nach Syrien erstrecken

Bereits vor drei Jahren rückten Medien in Österreich die Vereinsverantwortlichen in die Nähe von Terrorfinanzierern. Seinerzeit wies die Mitgründerin des Hilfsprojekts die Vorwürfe als Lüge zurück. Die Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft legen das Gegenteil nahe. Letztlich konnte die deutsche Fanatikerin aus dem Camp fliehen. Die deutschen Sicherheitsbehörden vermuten, dass sich Maya G. wieder in einer letzten IS-Bastionen im syrischen Idlib befindet.

Allein im Kurdenlager Al-Hol sitzen den Staatsschützern zufolge etwa 10.000 IS-Frauen und deren Kinder in einem abgetrennten Bereich ein. Hier herrscht nach wie vor die Doktrin des Dschihad. Radikale Frauen führen ein strenges Regiment, dem sich auch gemäßigte Insassen fügen müssen. Andersdenkende werden auch mit Gewalt auf Linie gebracht.

Elif Ö. aus der Nähe von München schloss sich 2015 mit 16 Jahren der syrischen Terror-Miliz an. Nach dem IS-Niedergang fiel sie 2019 in die Hände kurdischer Milizen. Im Lager zählte die gebürtige Bayerin zur Hardcore-Fraktion. Als eine Mitgefangeneden IS kritisierte, attackierte Elif Ö. mit anderen „Schwestern“ die Abtrünnige. In einem Chat teilte die Eiferin ihrem Vater mit, dass sie nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern dem Anführer des selbst ernannten Kalifatstaates die Treue halten werde. Im März 2020 startete die Deutsch-Türkin aus dem Camp heraus Telegram-Kanäle wie „Unsere Schwestern“ oder „Al-Gazwah“.

Dort rief sie radikale Salafisten hierzulande zu Spenden für die IS-Frauen und Kinder in den kurdischen Lagern auf. Im Juni 2020 überwies eine Salafistin aus Bremen 1900 Euro an Elif Ö. Das Geld soll erneut über die Overather Finanzconnection geflossen sein, der Betrag wurde über Kontaktleute ins Lager Al-Hol geschmuggelt. Kurz darauf holten Schleuser die Extremistin aus dem Camp und brachten sie nach Idlib. Dort heiratete sie zum zweiten Mal einen IS-Kämpfer.

Im September brachte Elif Ö. eine Tochter zur Welt. Das Mädchen, tönte sie in einem Chat, werde streng nach der IS-Doktrin erzogen. Im Jahr darauf versandte die Dschihadistin ein Bild von ihrer Tochter nebst einer Spielzeugwaffe.

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