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KI-Unterricht statt LateinÖsterreich krempelt den Lehrplan um – Vorbild für NRW?

3 min
Schüler lösen Aufgaben im Schulunterricht an einem Tablet.

Prompten statt konjugieren? In Österreich kommt KI auf den Stundenplan.

Österreich will beim Lateinunterricht kürzen und auf KI und Medienkompetenz im Unterricht setzen. Werden Schulen und Lehrpläne den rasanten Veränderungen der digitalen Welt noch gerecht?

Mehr ChatGPT, weniger Cicero: In Wien krempelt Bildungsminister Christoph Wiederkehr den österreichischen Lehrplan um. Aus Informatik will er „Informatik und Künstliche Intelligenz (KI)“ machen, mit „Medien und Demokratie“ schafft das Ministerium ein neues Schulfach für Medienkompetenz. Entrümpelt wird dafür beim Lateinunterricht: In der gymnasialen Oberstufe sollen nur noch zwei statt drei Wochenstunden auf dem Plan stehen.

Die angestrebten Änderungen greifen weit und stoßen nicht nur auf Zustimmung. Die Petition „Latein ist kein Luxus – es ist Bildung“ wurde bereits von knapp 37.000 Österreichern unterschrieben. Latein sei kein Sprachunterricht, heißt es dort wortgewaltig, sondern stehe für „unser kulturelles Erbe und unsere kulturelle Identität“; Die Sprache sei die „Basis für unser Denken“, die „humanistische Bildung“ leiste einen „unverzichtbaren Beitrag zur Heranbildung mündiger, selbst denkender Staatsbürger“. Zugleich dürfe man Latein und KI nicht gegeneinander ausspielen. Drei Nobelpreisträger, ein Altkanzler und ein Alt-Bundespräsident unterzeichneten.

Christoph Wiederkehr, Politiker der liberalen Neos, sieht dagegen weitgehende Reformen für notwendig. Das österreichische Bildungssystem hält er für veraltet, gesellschaftlichen Veränderungen würde man „jahrzehntelang hinterherhinken“. Damit greift er eine Frage auf, die nicht nur die Alpenrepublik beschäftigt: Werden Schulen und Lehrpläne den rasanten Veränderungen der digitalen Welt noch gerecht?

Didaktischer KI-Agent an Gymnasium in Wuppertal

Nordrhein-Westfalen habe bereits vor einigen Jahren an allen weiterführenden Schulen Informatik als Pflichtfach eingeführt, schreibt ein Sprecher des Düsseldorfer Schulministeriums auf Anfrage. „Künstliche Intelligenz entfaltet ihre Wirkung jedoch weit über die Informatik hinaus in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen.“ Medienbildung sei eine schulische „Querschnittsaufgabe“: Nach NRW-Schulgesetz müssen Kinder und Jugendliche an Schulen auf die digitalisierte Lebens- und Berufswelt vorbereitet werden. Als positives Beispiel hebt der Sprecher das Carl-Fuhlrott-Gymnasium in Wuppertal hervor. Dort entwickelten Lehrkräfte einen didaktischen KI-Agenten, der Schülerinnen und Schülern nicht die Lösungen gibt, sondern sie durch gezielte Rückfragen beim Lösen unterstützt. KI helfe an der Schule auch bei Lernstandsanalysen, Unterrichtsplanung, Organisationsaufgaben und Inklusion, so das Ministerium.

Die SPD-Fraktion hält trotzdem an ihrer Forderung fest: Der Lehrplan müsse umstrukturiert und modernisiert werden, die Medienkompetenz gestärkt, sagt Dilek Engin. „Unsere Lehrpläne sind voll. Wenn man die reformiert und zusammenfasst, haben wir mehr Zeit für Themen wie Demokratiebildung“, so die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. An Schulen müsse mehr  „projektübergreifend und fächerübergreifend“ gearbeitet werden. Fächer gegeneinander auszuspielen sei dafür nicht nötig, so Engin. 

Latein auf Rückzug

Ähnlich äußert sich Anne Deimel, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW. „Demokratiebildung und Nachhaltigkeit sind in NRW als Querschnittsthemen in allen Schulformen und Jahrgangsstufen sowohl im Schulleben als auch im Unterricht implementiert.“ Schulsysteme verschiedener Staaten seien zudem schwer zu vergleichen. „In NRW haben wir den Bericht der Enquete-Kommission ‚Chancengleichheit in der Bildung‘ mit 248 Handlungsempfehlungen“, sagt Deimel. „Diesen Bericht gilt es in NRW zu diskutieren, damit diese detailreiche Arbeit nicht umsonst bleibt.“ Sie betont zudem die Bedeutung von Latein als Wahlfach für das Sprachbewusstsein von Schülern und das analytische Denken. „Schule darf sich nicht nur an kurzfristiger Verwertbarkeit orientieren. Sie hat auch die Aufgabe, kulturelle und historische Grundlagen zu sichern.“

Thema verfehlt – das sagen auch manche in Österreich über die Diskussion. Fast jeder Dritte Erwerbsfähige habe Schwierigkeiten beim Lesen, Rechnen und Schreiben, sagt John Evers vom Volkshochschulen-Verband im „Standard“. „Die meisten Betroffenen sind hier geboren, sprechen Deutsch als Erstsprache und haben das österreichische Schulsystem durchlaufen.“

Klar ist: Latein befindet sich auf dem Rückzug. 2022 lernten noch 6,3 Prozent aller Schüler und 22 Prozent aller Gymnasiasten in Deutschland die Sprache. Für einige Studiengänge – etwa Theologie und an einigen Unis Geschichte – ist Latein noch immer Grundvoraussetzung. Doch auch die Zahl der Universitäten, die Lateinkenntnisse voraussetzen, sinkt. (mit RND)