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Nachschlüssel gibt es im InternetSind die Handschellen der NRW-Polizei ein Sicherheitsrisiko?

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Ein Beamter hält Handschellen vor einen Streifenwagen der NRW-Polizei.

Ein Beamter hält Handschellen vor einen Streifenwagen der NRW-Polizei.  

Die Flucht eines mutmaßlichen Drogendealers in Bayern wird zum Thema in der Landespolitik von NRW. Die Opposition im Landtag warnt davor, dass der Vorfall eine eklatante Sicherheitslücke sichtbar gemacht habe, von der auch die NRW-Polizei betroffen sei.

Der Fall ereignete sich nach Angaben der bayerischen Polizei in  Nürnberg. Dort wurde ein Mann bei einer Hausdurchsuchung im Drogenmilieu festgenommen und mit Handschellen gefesselt. Doch dem Mann gelang in einem unbeobachteten Moment kurzzeitig die Flucht. Als er man den Verdächtigen nach einer Fahndung wieder in Gewahrsam nahm, waren die Handschellen verschwunden. Offenbar war es dem Mann gelungen, die Fesselung mit einem Nachschlüssel zu öffnen.

Dasselbe Handschellen-Modell, das in Bayern verwendet wird, kommt auch in NRW zu Einsatz. Die FDP im Düsseldorfer Landtag hat deshalb  eine Kleine Anfrage an die Landesregierung gerichtet. „Sicherheitsrelevante Ausrüstung darf keine vermeidbaren Schwachstellen aufweisen“, sagte Marcel Hafke, innenpolitischer Sprecher der Liberalen, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Ausstattung der NRW-Polizei müsse „jederzeit höchsten Sicherheitsstandards“ entsprechen. Wenn sich Straftätern die Möglichkeit biete, sich selbst zu befreien, sei das ein „gravierendes Sicherheitsrisiko“ - sowohl für die Beamten als auch für die Öffentlichkeit. Die schwarz-grüne Landesregierung müsse „umgehend transparent darlegen“, welche „kurzfristigen Schutzmaßnahmen“ ergriffen wurden.

Bei der NRW-Polizei sind rund 40 000 Beamte im Einsatz, Handschellen gehören für alle Einsatzkräfte zur persönlichen Ausrüstung. Auch Patrick Schlüter, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW, zeigte sich besorgt über den Vorgang. „Das ist schon ein Hammer“, sagte Schlüter unserer Zeitung. Ziel müsse es sein, Handfesseln zu haben, „die speziell für die Polizei gefertigt und auch wirklich nur von ihr genutzt“ würden“, so der GdP-Landeschef.

Nach dem Vorfall in Bayern hatte sich herausgestellt, dass Nachschlüssel für Polizeihandschellen im Internet frei verfügbar sind. So bietet ein Online-Versandhaus einen „Polizei-Universalschlüssel“ für 14,99 Euro an. Laut Anbieter wurde das Werkzeug im vergangenen Monat mehr als 50-mal bestellt. Das Produkt sei „robust und langlebig“, heißt es. 76 Prozent der Käufer bewerteten die gelieferte Ware mit der Bestnote fünf Sterne.

Für die Ausrüstung der Beamten ist bei der NRW-Polizei das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) zuständig. Ein Sprecher erklärte, er gehe nicht davon aus, dass es sich bei den Bestellern überwiegend um potenzielle Straftäter handele. Handschellen würden schließlich auch von privaten Sicherheitsdiensten eingesetzt und von den Anbietern von Erotik-Artikeln verkauft, hieß es.

Aus dem NRW-Innenministerium, das von dem CDU-Politiker Herbert Reul geführt wird, verlautete, das LZPD stehe „bereits mit der bayerischen Polizei im Austausch“ und prüfe mögliche Auswirkungen auf NRW. Dem Vernehmen nach setzt das Landesamt aber wohl nicht auf den Austausch der bisherigen Handschellen gegen neue Modelle – sondern auf eine deutlich preiswertere Strategie. Nach dem Vorfall in Bayern habe man die Beamten für das Thema Handschellensicherheit  sensibilisiert, hieß es. Ein Vorgehen, dass auch die Polizeigewerkschaft   für angemessen hält.

Es sei gut zu wissen, dass Universalschlüssel für Handschelle leicht verfügbar seien, sagte GDP-Chef Schlüter unserer Zeitung: „Ohnehin wird jeder durchsucht, bevor ihm Handfesseln angelegt werden. Und niemand wird in Handfesseln fahrlässig alleingelassen. Da muss schon wirklich viel zusammenkommen, damit sich jemand auf diese Weise daraus befreien kann.“