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NRW-Beamte werden ab sofort geschultPolizei soll Umgang mit Dementen lernen

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Die Polizei in NRW wird abfort für den Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen geschult.

Die Polizei in NRW wird  für den Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen geschult.   

Personen, die an Demenz erkrankt sind, sind oft verwirrt und gereizt zugleich. In einem Online-Lehrgang wird Polizeibeamten in NRW jetzt vermittelt, worauf sie achten sollen, wenn sie bei einem Einsatz auf demente Personen treffen.

Der Leitstelle der Polizei wird eine verdächtige Person gemeldet. Eine Frau mache sich an einem PKW zu schaffen, berichtet ein Anrufer, der vermutet, dass der Wagen aufgebrochen werden soll. Ein Streifenwagen wird  per Funk benachrichtigt und macht sich auf den Weg zum Einsatzort. Als die beiden Beamten ankommen, treffen sie aber keine Einbrecherin vor – sondern eine verwirrte Seniorin, die ihren Autoschlüssel nicht findet. Die Frau leidet offenbar an Demenz. Behutsam gehen die Beamten auf die alte Dame ein, die völlig überfordert wirkt.

Die Szene ist nachgestellt – für einen Ausbildungsfilm der NRW-Polizei, der in Duisburg gedreht wurde. Der richtige Umgang mit Personen, die an Demenz erkrankt sind, soll stärker in den Fokus der Beamten rücken. „Der Umgang mit Menschen mit Demenz erfordert von unseren Polizistinnen und Polizisten besonderes Fingerspitzengefühl“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Sie brauchen dafür Herz, Ruhe und ein gutes Gespür für die Situation. Wir wissen, dass durch den demografischen Wandel solche Einsätze zunehmen werden“, erklärte der CDU-Politiker aus Leichlingen.

In NRW sind laut AOK-Gesundheitsatlas mehr als 325.000 Menschen an Demenz erkrankt. Deutschlandweit könnte sie Zahl nach aktuellen Schätzungen könnte die Zahl bis 2050 auf 2,8 Millionen steigen. „Deshalb bereiten wir die Polizei jetzt gezielt darauf vor“, sagte Innenminister Reul. Ab sofort steht den Beamten dazu ein neues digitales Training zur Verfügung. „Menschenwürde im Einsatz – Demenz verstehen, Rechte schützen“, ist der Titel der Online-Schulung. „Der Umgang mit demenziell erkrankten Menschen wird mit dem neuen Tool noch fester in der Ausbildung verankert,“ sagte Reul.

Die digitale Schulung wurde von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit der Polizeiakademie Hamburg erstellt und durch das Deutsche Institut für Menschenrechte sowie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft begleitet. „Die Polizei muss Ansprechpartnerin für alle Menschen sein. Deshalb ist ein würdiger Umgang mit Menschen, die unter einer Demenz leiden, ein wichtiger Baustein zur Kommunikation mit allen Teilen der Bevölkerung“, erklärte der Innenminister.

Der Umgang mit demenzkranken Personen im Einsatz stellt regelmäßig auch für die Polizei eine besondere Herausforderung dar. Sie können – zum Teil unbewusst – in gefährliche Situationen und Notlagen geraten, zum Beispiel, indem sie den Herd nicht abschalten. Oft sind sie verwirrt, haben die Orientierung verloren und finden nicht mehr nach Hause.  Die Polizei berichtet von Fällen, in denen Demente oft stundenlang in einem Linienbus umher fahren und längere Distanzen zu Fuß zurücklegen. Das kann gefährlich werden, wenn die Betroffenen bei Kälte ohne warme Kleidung unterwegs sind. Viele sind über Hilflosigkeit frustriert und reagieren aggressiv, wenn sie angesprochen werden.

Diskussionen und Belehrungsversuche sind im Umgang mit Dementen Fehl am Platz. „Sprechen Sie langsam und deutlich. Lassen Sie den Kranken ausreichend Zeit für ihre Antworten. Korrigieren Sie nicht unnötig Wort- und Satzfehler“, heißt es in einem Ratgeber der NRW-Polizei. Konfrontationen und ein gewaltsames Festhalten sollten vermieden werden.

Bislang wurden die Beamten im Rahmen des Einsatztrainings auf den Umgang mit psychisch Kranken vorbereitet. Demente Personen wurden bislang nicht gezielt in den Blick genommen. Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) lobte die Initiative.

„Dieses Projekt ist in dieser Form bisher einzigartig und wird stark dazu beitragen, der Polizei die nötigen Mittel an die Hand zu geben, um im Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen eine gute und menschenwürdige Interaktion zu gewährleisten“, ist sich der CDU-Politiker aus dem Münsterland sicher.

Die Polizei rät den Angehörigen von Demenzkranken dafür zu sorgen, dass die Betroffenen stets Telefonnummern von Ansprechpartnern mit sich führen und die Kleidung mit Namensschildern beschriftet ist. In dem Lehrfilm der Polizei in Duisburg können die Beamten die Seniorin dazu bringen, ihren Sohn zu verständigen, der über einen Ersatzschlüssel verfügt. In einem Frühstadium der Krankheit ist das Autofahren noch möglich – bei einer fortgeschrittenen Demenz besteht aber keine Fahreignung mehr.