Abo

Frauenberatungsstelle Leverkusen warntDigitale Gewalt nimmt zu – genauso wie Frauenhass

6 min
Symbolfoto: Immer mehr Frauen werden Opfer digitaler Gewalt.

Symbolfoto: Immer mehr Frauen werden Opfer digitaler Gewalt.

Wie Incel-Foren Männer radikalisieren – und warum das in der Frauenberatungsstelle Leverkusen ebenfalls ankommt.

Die ausziehbaren Plakate, die in Leverkusen bald wieder in Schulen, Rathäusern oder Firmen stehen sollen, sind kein schöner Hingucker, sondern die Realität von Hunderten Frauen, die sich nach Angaben der Frauenberatungsstelle Leverkusen in den vergangenen Jahren wegen häuslicher Gewalt an sie gewandt haben – die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen. Insgesamt betreut die Beratungsstelle nach eigenen Angaben knapp 800 Frauen, mehr als die Hälfte von ihnen wegen häuslicher Gewalt.

Hemmschwelle nach wie vor hoch

Die Frauenberatungsstelle Leverkusen hat die Wanderausstellung konzipiert, um häusliche Gewalt sichtbar zu machen – und um eine Hemmschwelle zu senken, die in vielen Köpfen noch immer hoch ist: Nachbarn rufen nicht immer an, wenn sie Schreie hören. „Das ist doch Privatsache“, „da mische ich mich nicht ein“, „was, wenn ich falsch liege?“ Die Mitarbeiterinnen Duygu Demet Incekara, Christiane Gäcke und Katharina Eckhoff halten dagegen: Man kann nicht „falsch“ handeln, wenn man Hilfe organisiert. Das Dunkelfeld sei groß, Sichtbarkeit sei Prävention.

Das Team der Frauenberatungsstelle Leverkusen vor der Ausstellung: Duygu Demet Incekara (1.v.l.), Christiane Gäcke, Alexandra Engel, Annette Witoßek und Katharina Eckhoff vor den Roll-ups

Das Team der Frauenberatungsstelle Leverkusen vor der Ausstellung: Duygu Demet Incekara (1.v.l.), Christiane Gäcke, Alexandra Engel, Annette Witoßek und Katharina Eckhoff vor den Roll-ups

Diese Sekunden des Zögerns prägen den Alltag der Beratungsstelle. Seit mehr als 30 Jahren ist sie Anlaufstelle für Frauen in Krisensituationen wie digitaler Gewalt, Stalking, beruflichen Problemen und auch Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt. In diesem Bereich arbeitet das Team mit der Polizei zusammen. Die Aufgabe sei nicht, Frauen zu „lenken“, betonen die Beraterinnen. Sie zeigen Optionen auf: Schutz, rechtliche Schritte, finanzielle Absicherung, nächste Anlaufstellen. Vor allem aber schätzen sie die Gefahrenlage ein.

Denn Gewalt verlagert sich – und sie folgt ihren Tätern ins Digitale. Was früher vor allem als körperliche oder psychische Eskalation im gemeinsamen Haushalt sichtbar wurde und noch immer wird, setzt sich zunehmend über digitale Kanäle fort: „Ortungsfunktionen, Tracker, Zugriffe auf Accounts, Überwachung über smarte Geräte, ebenso das dauerhafte Kontaktieren über die sozialen Medien“, sagt Incekara. In der Beratung gehört daher inzwischen auch digitale Vorsorge dazu: Passwörter ändern, Router absichern, Zugriffsrechte prüfen. Der Kontrollanspruch, sagen die Beraterinnen, findet immer neue Formen.

Immer mehr digitale Gewalt

Die Verschiebung ist kein Zufall, sondern die Verlängerung einer Frauenverachtung, die sich seit Jahren im Netz organisiert, verdichtet und radikalisiert – und die Sicherheitsbehörden zunehmend beschäftigt. Das Landeskriminalamt NRW beschreibt soziale Medien auf Anfrage dieser Zeitung als „Brandbeschleuniger“: Zurückweisungen aus dem Alltag werden in digitalen Echokammern verstärkt, Gegenrede findet nicht mehr statt, Plattformmechanismen spielen gezielt Inhalte aus, die ein realitätsfernes Weltbild bestätigen. Radikalisierungsprozesse verlaufen im digitalen Raum, so das LKA, „mitunter deutlich schneller als bei der Nutzung analoger Medien.“

Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine Szene, die sich selbst als Opfer begreift. Die Rede ist von den sogenannten Incels – vom englischen „involuntary celibataire“, unfreiwillig Zölibatäre. Gemeint sind Männer, die keine sexuellen Beziehungen zu Frauen haben, sich dazu außerstande sehen – und ein Recht darauf für sich beanspruchen. Nicht jeder, der sich so bezeichnet, verfällt dabei der Gewaltfantasie: Das LKA NRW warnt ausdrücklich vor Pauschalisierung – viele dieser Männer seien primär durch „Einsamkeit, soziale Verunsicherung und Isolation geprägt.“

Doch innerhalb der Szene werden in erheblichem Maße frauenfeindliche Narrative, Schuldzuweisungen und radikalisierte Weltbilder verbreitet. Was zunächst nach persönlichem Scheitern klingt, hat in seiner extremen Ausprägung eine ideologische Struktur: Frauen werden pauschal verantwortlich dafür gemacht, dass die Incels keine sexuellen Beziehungen haben oder hatten. Die Frauen werden entmenschlicht und bedroht. „Die extreme Incel-Ideologie nutzt diesen Umstand als Legitimation für Gewalt gegen Frauen und sexuell aktive Männer“, so das LKA. Die Szene hat eine eigene Sprache: „Stacy“ steht etwa für die attraktive, unerreichbare Frau; „Chad“ für den sexuell erfolgreichen Mann; die „black pill“ bezeichnet die Überzeugung, dass die eigene Lage genetisch unveränderlich und jede Hoffnung vergeblich ist.

Es ist eine Weltanschauung des konstruierten Schicksals – und sie radikalisiert. Das größte aktive Incel-Forum im Netz, Incels.is, zählte zuletzt rund 30.000 registrierte Mitglieder – doppelt so viele wie noch 2022.

Incel-Milieu einer der Gründe

Incels sind Teil eines größeren Milieus, das das LKA NRW unter dem Begriff der Manosphere zusammenfasst: ein digitales Sammelbecken frauenfeindlicher Subkulturen, das sich in vier grobe Strömungen gliedert. Alpha-Males sehen in Frauen vor allem einen sexuellen Nutzwert. MGTOW – „Men Going Their Own Way“ – propagieren einen Lebensstil, der Frauen vollständig ausschließt. Pick-up-Artists behandeln die Anbahnung von Kontakten als manipulatives Spiel.

Und Incels kreisen um die eigene, als unveränderlich empfundene Unzulänglichkeit. Was diese Strömungen verbindet, ist weniger eine gemeinsame Ideologie als ein gemeinsames Feindbild: die Frau, der Feminismus, die Gleichstellung. Was sie unterscheidet, ist der Grad der Radikalisierung. Das LKA stellt fest, dass die extreme Incel-Szene ein „vulnerables Personenpotenzial“ anspricht: junge Männer mit schwachen sozialen oder finanziellen Ressourcen und psychischen Belastungen. Depressionen werden in diesen Netzwerken nicht behandelt, sondern bestärkt. Gewalt wird nicht verurteilt, sondern glorifiziert.

Veronika Kracher, Autorin und Publizistin, die seit Jahren zu digitaler Frauenfeindlichkeit und antifeministischer Radikalisierung im Netz forscht, beobachtet eine neue Qualität: „Die Ideologie und die Sprache der Incel-Community sind viel mehr Mainstream geworden.“

Inzwischen gehe es neben Ideologie auch um Verbreitung und Geschäftsmodelle: „Man produziert leicht zu verbreitenden, vermarktbaren frauenfeindlichen Content, der zur Unterhaltung dienen soll – und Menschenfeindlichkeit erweist sich als lukrativ.“ Die Anziehungskraft auf junge Männer erklärt sie so: „In der Adoleszenz ist die Identitätsfindung ganz stark ans Geschlecht gekoppelt. Wenn man als männlich gelesener Jugendlicher auf TikTok ist, dauert es nicht lange, bis antifeministische Inhalte reingespült werden.“

Struktur wie in einer Sekte

Was diese Szene zusammenhalte, sei ihre sektenartige Struktur: „Irgendwann bewegt man sich nur noch in einer Echokammer. Inhaltliche Kritik wird sofort als persönlicher Angriff aufgefasst – und es ist extrem schwer, da wieder rauszukommen.“

Das LKA NRW stellt fest, dass frauenfeindliche Ideologien als „Türöffner“ in klassische Extremismusbereiche funktionieren können. Auch die Überzeugung der Incels, dass sich Männer in Alpha-, Sigma- und Beta-Typen einteilen lassen, hat eine erkennbare Parallele in rechtsextremen Hierarchisierungen nach Rasse und Herkunft.

Kracher benennt den ideologischen Kern: „Antifeminismus ist historisch und ideologisch sehr stark mit Antisemitismus verbunden. Wenn Antifeminismus fragt, wer hinter dem Feminismus steckt, kommen sehr schnell die Juden.“ Das Narrativ des sogenannten „Kulturmarxismus“ – die Vorstellung, jüdische Intellektuelle hätten Feminismus und Emanzipation als Werkzeug zur Schwächung des weißen Mannes eingesetzt – verbinde Incel-Milieus mit rechtsextremem Gedankengut.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet die Incel-Szene nicht als eigenständiges Extremismusphänomen – ihr fehle der überwiegend extremistische Bestrebungscharakter im Sinne des Verfassungsschutzgesetzes. Gleichwohl benennt auch das BfV ideologische Schnittmengen: Frauenfeindlichkeit, antisemitische Elemente, Gewaltorientierung.

Anschlag in Halle mit Incel-Verbindung

Der Anschlag in Halle 2019, bei dem der rechtsextreme Täter Stephan B. einen Massenmord an Juden vollziehen wollte, steht beiden Behörden als Referenzpunkt – als Beweis dafür, dass digitale Verachtung in reale Gewalt kippen kann. Der Täter formulierte in seinem Manifest offen antifeministische Bezüge, tötete zwei Menschen – und illustrierte, dass der Hass auf Frauen kein nachgeordnetes Motiv war, sondern ein integraler Bestandteil eines Weltbilds, das er sich zu wesentlichen Teilen im Netz zusammengebaut hatte.

Die Frauen, die in der Leverkusener Beratungsstelle Hilfe suchen, sind nicht nur Opfer individueller Täter. Sie sind mittlerweile Zielscheibe eines Weltbilds, das sich im Netz täglich neu reproduziert – und das die Hemmschwelle, über die die Wanderausstellung aufklären will, von der anderen Seite her stabilisiert. Die Plakate in Schulen und Rathäusern sind deshalb mehr als ein Ausstellungsstück. Sie sind Gegenwehr und dringend notwendig.